Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 166 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228581-3228596--60704-3274486- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
166 gewesen. Von Maimonides z. B. besitzen wireine ausführliche und gründliche Widerlegung des astrologischen Aberglaubens. Im erwähnten Buche „Sohar" werdet: die Umdrehungen der Erde um ihre Achse als die Ursache vor: Tag und Nacht lange vor Copernikus gelehrt. Einen glänzenden Namen als Astronom habe sich Levi ben Gerson (Ralbag, bekannter unter dem Namen Magister Leo de Bagnolas) erworben. Seine Beschreibung eines von ihm erfundenen astronomischen Instruments wurde auf Befehl des Papstes Clemens VI. ins Lateinische übersetzt und Kepler gab sich große Mühe, um sich diese Schrift zu verschaffen. ' ] Die Juden des Mittelalters seien nicht nur als Leibärzte Herren des Lebens aller geistlichen und weltlichen Größen, sondern auch durch ihren Einfluß und ihre amtliche Stellung vielfach auch Staatsleiter gewesen, indem ihre moralische Ehrenhaftigkeit, ihre geistige Gewandtheit und ihre reichen Kenntnisse sie häufig bei Heiden, Mohamedanern und Christen an die Spitze der Staatsgeschäfte geführt habe. (Schluß folgt.) ß&SEB Kun Moritz?! Auch eine Militärhumoreske. Von A. Bernstein.-Sawersky. ^^as heißt, auf den guten Geist kommt es an. Der inspizierende General dankt dein Kompagniechef: „Brav — brav, das heißt den Leuten muß der Rücken noch etwas massiert werden — aber ich sehe, es fehlt ihnen nicht an dem guten Geist. Der Hauptmann sagt zur Kompagniemutter: „Die halbe Front ist krummbucklig — natürlich von hinten! — kein Paradestil! — aber — aber es fehlt ihr nicht an dem guten Geist." Der Feldwebel sagt Zun: Unteroffizier: „Lahm ist der Musketier Rothammel, Krummbeine hat der Musketier Rickersberg, vernagelt ist der Musketier Keilshuber — mehr Hundedressur brauchen die verfluchten Kerle, aber das muß man bei der Kompagnie anerkennen — es fehlt nicht an den: guten Geist. .. das heißt Sie dort!": „Gefreiter Juttke, wie heißt der Kerl da neben den: linken Flügelmann — mit dem Kanonenrohr im Gesicht?" „Musketier Moritz Rvsenthal!" „Na also! Moritz Rvsenthal! — dachte ich mir gleich.! Moritz, Sie werden wohl niemals mit Ihrem, unverschämten Nasenvorbau die Frontrichtung der Kompagnie einhalten können — in Ihrer Nase steckt wohl der Backenknochen, mit dem Simson die zehntausend Philister erschlage:: hat — was? Ihnen fehlt wohl der gute Geist?" Moritz Rosenthal war kein überintelligenter Soldat, aber er war vielleicht intelligenter als viele seiner Kanreraden. Moritz Rosenthal war kein überaus schöner Mann, aber er hatte doch zu Hanse ein Mädchen, das ihn., bildhübsch fand und ihn gar zu sehr liebte. Und sein abgehärteter, starkknochiger Körperbau machte jedem Krieger Ehre — ein Soldat .mit diesem Körperbau war mindestens ein anständiges Kanonenfutter. .. Turnen konnte er, saufen wie ein Landgendarm -7! Und er wäre sogar nicht-einmal ein schlechter Schütze gewesen, wenn die alkoholgiftzitternden Arme des Schießunteroffiziers sich ruhiger verhalten hätten.. Jedenfalls tat Moritz Rosenthal seine Pflicht — war er trotz: der. hervorragenden Nase, kein hervorragender Soldat, so war er es eben nicht wegen der. hervorragenden Nase. . -.Moritz-Rosenthal war, wie schon der Name besagt, ein Jude, und die exponierte Nase hatte die Eigenschaft eines Blitzableiters ■— wenn es in den oberen Regionen donnert und es einschlagen soll, fängt diese militärische Franklininstitution wie im politischen, auch im militärischen Leben unten herrlich den Blitz auf. Moritz und der Blitzableiter seiner langen Nase. Seitdem hatte Rosenthäl in der Kompagnie den Rufnamen „Nu Moritz!" Und doch, bedeutete es eine große Ehre für ihn, daß er in dieser Kompagnie in seinem Vaterlande dienen durste. Es war ihm, dem einzigen Juden, durchaus nicht leicht gemacht worden, den Platz seiner kriegerischen Tätigkeit zu finden. Wenn so ein Mensch -- es ist doch in der Welt und in Deutschland alles möglich — plötzlich einmal durch irgend eine Sache ein Leutnant würde — auch der Bock ist schon einmal zum Gärtner gemacht worden — dann Hütte man einen jüdischen Leutnant zun: Vorgesetzten und zum Karneraden. Das bedachte man wohl. Und der Hauptmann der 1. und der Hauptmann der 2. und der Hauptmann der 3. und der Harrptmann der 4. Kompagnie hatten die Einstellung zurückgewiesen. Sie machten historische Rechte geltend, welche nichts als Unrechte, historische Gebräuche waren . . seit Bestehen des Regiments sei noch kein Jude , in ihren Reihen gewesen — sie seien bisher immer noch von diesen Elementen verschont geblieben — sie Zerstörten den guten Geist im Heere und manches sonst noch — . . Sie hatten also gar kein Verlangen nach dem Barkochba Moritz Rosenthal, und man freute sich, ihn nach der beim Obersten wenig beliebten 5. Kompagnie abgeschoben zu sehen. Als Moritz Rosenthal sein Heimatsdorf in: thüringischen Tieflands verlassen hatte, um des Kaisers Rock anzuziehen, war er durchaus nicht schweren Herzens gegangen. Er wurde gern Soldat. Er hatte keine Angst vor Militär und inilitärischen Griffen und „Uebergriffen", über die ihm erbauliche Dinge gerade nicht zu Gehör gekomrnen waren, aber er vertraute seiner Stärke und seiner Liebe zur Sache. Er war ja als Pferdehändler Strapazen gewöhnt, und auch seinem lieben Mädchen zu Hause stach eine schöne Uniform in die Augen. Nun war das so ganz anders gekommen. Wenn er nicht innerlich so stark gewesen wäre — wenn er nicht die Zähne hätte aufeinanderbeißen können — wenn er sich nicht gesagt hätte, daß es just eines Soldaten unwürdig wäre, sich klein kriegen zu lassen, sich von weichen Gefühlen übermannen zu lassen . : .! Freilich, wenn er an seine herrliche bürgerliche. Freiheit dachte, da ihm die halbe Welt offen stand — . . Bis nach Rußland dehnte er bei Pferdeeinkäufen seine Reise aus... Wenn er sich traumhaft vergegenwärtigte, wie er zu Pferd durch die grünen Frühlingsauen seiner Heimat ritt — auf der einen Seite die gigantischen Felsblöcke, die himmelhohen Tannen, auf der anderen Seite das plätschernde Wasser der Schwarza, von den Strahlen der Sonne vergoldet und silbern durchsäumt — wenn er daran dachte . . . P Und wenn er an die Worte seines Vaters dachte, der immer meinte, ein Jude müsse sein Vaterland doppelt lieben, dessen schönste Augenblicke es waren, wenn er erzählen konnte, wie er 70 mitgekämpst, wie er gleich seinen, christlichen Kameraden bei Mars la tour unter Kugelregen im Sturm vorwärts geschritten — den Tod vor Augen . . und wie auch, ihm das Kreuz angeheftet wurde — wenn er an seinen seligen Vater dachte. — Er liegt nun schon eine ganze Reihe von Jahren draußen auf dem einsamen Friedhof . , er kennt nicht sein..Kreuz, das