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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-04-01 · Heft 14 (1.4.1904) · p. Seite 165

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 14 (1.4.1904)
Date
1904-04-01
Page
Seite 165 (sequence 9)
Language
German
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fast aller Zeichen für bestimmte Vokallaute, war daher schwer zu lesen^ und wurde so dem Volke fast entfremdet. Da erfanden im sechsten Jahrhundert unserer Zeitrechnung Schriftkundige in Assyrien das System der Vokal- und Lesezeichen, und ein Jahrhundert später bearbeiteten andere das jüngere Tiberiensische System, welches jetzt allgemein im Gebrauch ist und das Untersystem genannt wird. .Die ganze Lehre bildet den wesentlichsten und bedeutendsten Teil der sogenannten Masora. Der von Mose und Ahron ben Ascher redigierte masoretische, das heißt mit Vokal- und Lesezeichen versehene Bibeltext wurde für die Folgezeit allen Bibelabschriften des hebräischen alten Testamentes zu Grunde gelegt. Mit gleich ernster Gründlichkeit bearbeitete im elften Jahrhundert Jona Marinus (Jbn Ganach) eine vollständige hebräische Grammatik und ein Wörterbuch, beide die Grundlagen für alle folgenden Arbeiten bildend und noch jetzt von Wert. Griechische Philosophie und griechische Geistesbildung zeichnete schon im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung wohlhabende Israeliten aus. Schleiden nennt aus der Fülle bekannter Philosophen u. a. Philo. In: neunten Jahrhundert begann Saadia die ganze jüdische Religionsanschauung philosophisch zu begründen. Er stellte zuerst die Vernunft als Richterin über Schrift und Talmud in seinem systematischen Werke „Glauben und Glaubenslehren" (Emunot we-Deot) dar, j worin er das Judentum nur als eine Bestätigung der Vernunftwahrheit aussaßte, von Gott geossenbart, um dem weniger geistig Begabten den Weg zur Wahrheit abzukürzen. Er verwarf die Teleologie, weil der Zweckbegriff auf Gott keine Anwendung finde. Er verlangte, daß die Worte der Schrift inuner in ihrem natürlichen Sinne genommen wer,den müßten, soweit sie nicht eiüer sinnlichen Tatsache, der Vernunft oder sich untereinander widersprächen. Diese Grundlagen sind bis heute von jüdischen Forschern sestgehalten, und die gelehrten Araber stellten sein Werk sehr hoch. Was die Poeten Israels betrifft, so weist Schleiden auf die beiden größeren Dichter und Denker Jbn Gabirol und Juda Halevi im elften Jahrhundert hin, die durch ihre herrliche Sprache und hinreißende Poesie die greise hebräische Sprache verschönerten, wobei er hervorhebt, daß ersterer als Jüngling schon mit Sokrates, Plato, Aristoteles, den Neuplatonikern und arabischen Philosophen vertraut gewesen und an deren Hand einer der ersten Selbstdenker, in Europa geworden sei, seitdem Justinians Roheit die philosophischen Schulen in Athen habe schließen lassen und Scotus Erigena so gut wie vergessen gewesen sei; was Juda Halevi beträfe, so kenne ' und benütze auch er Sokrates, Plato und Aristoteles Den Glanzpunkt in der philophischen Entwicklung der Juden bilde jedoch das zwölfte Jahrhundert. Schleiden verweist in dieser Beziehung auf den „Sohar", der die Freiheit des Gedankens über Dogma und Schrift erhebe. In ihm beherrsche die Einheit und Jmmaterialität Gottes, Unsterblichkeit der Seele und Freiheit des Willens das Ganze und gebe ihm dadurch eine hohe Bedeutung. Besonders glänzend ist die Charakteristik, die unser Forscher Maimonides zu teil werden läßt, deren wortgetreue Wiedergabe jedoch leider aus Raumrücksichten hier nicht möglich ist. Dieser große Philosoph des Mittelalters stehe hoch über der christlichen Scholastik, die übrigens aus seinem Grunde ruhe, und selbst ein Spinoza sei von ihm abhängig. Gar beachtenswerte Worte hat Schleiden über die Ethik des Judentums gesprochen, die hier von jeher eine hohe Stellung eingenommen habe. Dabei erwähnt er eines Punktes, der die Ethik mit der Religionsphilosophie verknüpft, nämlich die Toleranz, und sagt dann wörtlich: „Die echte Toleranz ist die Betätigung des eigenen Seelenädels, der den Menschen überall,ohne Rücksicht ciuf feinen Glauben menschlich und mit Güte behandelt. Daß in dieser Hinsicht die Christen bis aus den heutigen Tag nicht sehr lobenswert dastehen, ist bekannt genug, und das widerlegt allein schon die Behauptung, daß das Gebot allgemeiner Menschenliebe dem Christentum eigen sei. Bei den Juden finden wir das gerade Gegenteil. Sie waren nie bekehrungssüchtig und erschwerten anderen möglichst den Uebertritt. Ja ein gelehrter Rabbiner stellte den Satz aus: „Mißtraue jedem Proselhten bis zur zehnten Generation." Es war Rabbi Abaja Nachmani im 4. Jahrhundert, dessen Wahlspruch war: „Halte Frieden mit Brüdern und Verwandten, mit aller Welt, selbst mit den Heiden draußen"; und seit ihm kannten eigentlich die Juden keinen Unterschied mehr an zwischen Recht- und Andersgläubigen, und nur die Rabbiner einzelner Schulen versuchten zu Zeiten ihre Reingläubigkeit, wie z. B. gegen Maimonides, durch einen längst machtlos gewordenen Bann zu beweisen. Die Juden scheuten keineswegs die Mischung mit Heiden und, Christen, noch den geselligen Verkehr mit ihnen, z. B. bei gemeinschaftlichen Gastmählern, bis das alles von den christlichen Priestern verboten wurde. Im. 10. Jahrhundert erschien ein anonymes Werk von einem Juden, worin Wohlwollen, Milde und Gerechtigkeit gegen Andersgläubige. unter, Androhung der Verbannung gelehrt wird, und gerade zu der Zeit, als in Spanien, Frankreich und Deutschland die nichtswürdigste Versolgungssucht gegen die Juden wütete, schrieb ein französischer Jude,/Jehuda Sir Leon ben Jsaac (Ha-C!hasid, „der Fromme", ge=; nannt), eine Anweisung für höheres religiöses Leben, worin er lehrt: „Wie gegen den Glaubensgenossen sollst du auch redlich gegen den Christen handeln: hat dieser sich zu seinem Nachteil geirrt, so sollst du ihn darauf aufmerksam machen; ist der Jude Zolleinnehmer, so soll er den Christen nicht mehr nbfordern als den Juden; der Jude soll weder gegen Juden noch gegen Christen sich eines lügenhaften Vorwandes bedienen und nicht einmal einen: unsicheren Borger sagen, man habe kein Geld; man soll den Christen nichts,'entwenden, denn Gott steht allen Bedrängten bei." Ich dächte, das wäre schon genug, um eine Menge gehässiger Vorurteile gegen die Juden lächerlich zu machen." . Auch die Rechtskunde Hai im Mittelalter viele hervorragende Vertreter bei den Juden gezählt. Das Wichtigste, wodurch sie wesentlich umgestaltend auf das törichte und beschränkte römische Recht eingewirkt, sei ihre Erfindung der Wechsel- und Kreditbriefe, wodurch auch der gesamte Großhandel eine weitere Ausdehnung und größere Beweglichkeit erlangt habe. Als unter Philipp ll. August Plünderungen und Mordbrennereien sich gegen sie aufs scheußlichste erneuerten, haben die Unglücklichen durch die Einrichtung der Wechsel die Möglichkeit gewonnen, aus ihrer Flucht vor den Straßenrändern doch wenigstens einen Teil ihres Eigentums zu retten. In eingehender Weise erörtert Schleiden die Tätigkeit der Juden im Mittelalter für die Gesundheitspflege, sowohl hinsichtlich der Erhaltung der normalen Beschaffenheit des eigenen Körpers durch zweckmäßige Diät, als auch der Pflege und Wiederherstellung der Kranken. „Wir können sagen", so meint er, „daß bis zum Aufblühen der wesentlich durch Juden gestifteten Schulen von Montpellier und Salerno die Juden fast die einzigen Aerzte auf der ganzen damals bekannten Erde gewesen seien, denen sich erst später die Spanier und Araber anschlossen." Welches Vertrauen man zu ihnen hegte, beweise schon die Tatsache, daß Fürsten und Geistliche, die sonst die Israeliten auf die schändlichste Weise plünderten und vertrieben, ficf) dennoch weigerten, wie dies z. B. Franz I. von Frankreich tat, einen Christen als Leibarzt anzunehmen. Da man, bis zum Ende des 17. Jahrhunderts keine Trennung von Medizin und Naturwiffenschasten kannte, von welcher Verbindung sich eigentlich nur Mathematik und Astronomie früh befreit haben, haben alle Aerzte den Naturwissenschaften angehört. Besonders verdienstlich seien Juden aus dem Gebiete der Astronomie tätig

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