Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 164 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Diese zwei Abhandlungen sichern dem Verfasser für alle Zeiten ein goldenes Blatt in der Geschichte des Judentums/ Der erstere Essay erschien auch irr einem Sonderabdruck, heraus^: gegeben vom Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeinde-' bundes in Leipzig (Leipzig, Kommissionsverlag von Baumgärtners Buchhandlung 1877) und ebenso der zweite im Ver-! lag von Wilhelm Engelmann zu Leipzig im Jahre.1878. Bevor ich den Inhalt dieser zwei bedeutsamen Kund-, gedungen rekapituliere, sei mir gestattet, darauf hinzuweisen,, daß Schleiden nicht allein mit Vergnügen den Sonderabdruck; des erstgenannten Essay es gestattete, sondern auch im Vorwort) dazu seiner lebhaften Befriedigung darüber Ausdruck gab, daß' seine Stimme in manchen Kreisen der Bevölkerung ein mächtiges Echo gefunden habe. . "J In dieser Vorrede heißt es: „Der vorliegende Aufsatz hat zu meiner Freude in Kreisen, von denen ich eine solche Anerkennung für meinen noch unvollkommenen Versuch am wenigstes erwarten konnte, eine gewisse Aufmerksamkeit erregt. Vielleicht hat dazu beigetragen, daß man fühlte, welcher Gedanke mir. die Feder in die Hand gegeben, nämlich der Wunsch, w enigstens den Anfang zu machen, um einen Teil des unsäg?- lichen Unrechtes, welches die Christen an dev Inden begangen haben, wieder gut zu machen. In dem wüsten Chaos der Völkerwanderung sagte eist geistreicher alter Jude: „Völker kommen und vergehen, aber! Israel währt ewig", und bis jetzt wenigstens hat die Geschichte diesem Worte noch nicht widersprochen." Schleiden hebt in der genannten Abhandlung vor allem hervor, daß seine Arbeiten über Geschichte der Botanik ihn notwendig zu dem Werke Albrecht des Großer: geführt Habens Das Verhältnis des letzteren zu Thomas von Aquino, seine Abhängigkeit von Aristoteles rrnd von arabischen Schriftstellern' haben ihm die Frage nach den Vermittelungen rrnter diesen, . Forschern und mit früheren Quellen nahe gelegt. Die Untersuchung habe ihn immer weiter geführt und sich ihm zuletzt ein Einblick in ein Verhältnis eröffnet, das die von Christen verfaßten größeren Geschichtswerke gänzlich mit Stillschweigen übergehen, und das doch für die Entwicklung der Menschheit von außerordentlicher Bedeutung ist. Und da stieß er auf die- Juden als bedeutsame Kulturträger irn Mittelalter und als' bevorzugte Pioniere der Wissenschaften, ihrer Erhaltung und Wiederbelebung in den Zeiten der Barbarei. Er sagt von ihnen das schöne Wort: -; „Die Juden sind und bleiben das merkwürdigste Volk, rrndwenn man sich auf die Symbolik einer Vorsehung einlassen will, darf nran sie Wohl das „auserwählte Volk Gottes" nennen. Schon daß sie sich fast zweitausend Jahre lang trotz der schwersten und blutigsten- Verfolgungen, die sie von Heiden, Persern, Muhammedanern und: Christen zu erdulden hatten, als ein Volk und bis zum heutigen Tag,,, ihren: ursprünglichen geistigen Charakter treu, nicht nur erhalten, haben, sondern sich auch fort und fort ansbreiten und in günstigerem' Verhältnis als irgend ein anderes Volk vernrehren, und zwar unter' jedem Klima, läßt sie als eine der irrteressantesten Aufgaben für eine! ernste und sinnige Betrachtung der Geschichte erscheinen. Sie sind? das älteste Volk, das alsTräger des reinen Monotheismus: dasteht und eben wegen d'er Reinheit des Gottesglaubens, das Sittengesetz und seine Betätigung im Leben . als^ eigentliche wahre Darlegung des religiösen Glaubenshingestellt und sestgehalten hat. Ganz Europa hat sein- Mittelalter gehabt, eine Zeit der Roheit, des geistigen und sittlichen Verfalles, wie er trauriger nicht gedacht werden kann, nur die Inder? machen davon eine Ausnahme. Trotz Zerstreuung und Nieder-' drückung, die ihnen oft die einfachsten Menschenrechte, ja selbst diK Berechtigung zum Leben raubten, haben sie sich bis zum Ende des' Mittelalters ununterbrochen in ihrem geistigen Leben fortentwickeltl und den übrigen Völkern die Grundlagen der Sittlichkeit und des-« geistigen Lebens bewahrt und überliefert. ' Wie geistig edel angelegte Naturen strauchelten sie wohl zuweilen, wenn glückliche Augenblicke ihnen das Leben zu leicht machten, aber jede Widerwärtigkeit, jedes Elend, das ihnen nur halbwegs menschliche Existenz ließ, hat nur den Erfolg gehabt, sie zu' veredeln, sie zu höherer geistiger und sittlicher Anstrengung zu beleben." Die Verwüstungen dev jüdischen Länder durch Assyrer und Babylonier haben die Juden zunächst dähirrgeführt, sich in ihrem eigenen geistigen Wesen zusarnmerrzufasien und den ganzen Gewinn ihres vergangenen Geisteslebens in ein Ganzes zu vereinigen, was als Bücher Moses, Psalmen und Propheten ja noch heute so vieles selbst für die Christen Erhebende und Heiligende enthält. Unerschütterliches Vertrauen auf Gott und sittliches Tun haben den Juden die Kraft des Enthusiasmus gegeben, mit dem sie fast ein Jahrhundert lang den Kampf gegen das römische Niesenreich führten, das größere Anstrengungen gegen sie aufbieten mußte, als gegen irgend eine andere noch so große Nation. „Der Heldenmut der Juden," sagt Schleiden wörtlich, „sowohl unter den Makkabäern, als auch während des Kampfes, der mit der Zerstörung Jerusalems unter Titus endigte, ja selbst nach dem zweijährigen Verzweiflungskanlpf unter Barkochba, sowie später ihre Verteidigung Neapels gegen Belisar, der Pyrenäenpässe gegen die Frauken, stellen sie an die Seite der größten Helden, von denen die Geschichte weiß. Sie unterlagen der ungeheuren physischen Uebermacht; die Nation wurde als solche vernichtet, das Volk in alle Welt zerstreut, von China mrd Indien durch Afrika und Europa bis zum äußersten Westen der damals bekannten Welt. Aber das Volk blieb ein Volk, unterhielt eine ununterbrochene Verbindung unter allen seinen Gliedern, und erkannte immer in der Fortbildung des sittlichen und geistigen Lebens einen Mittelpunkt au, der sie alle untereinander verknüpfte." Drei Verhältnisse seien dabei in Betracht gekommen, welche bei den Juden die Ausbreitung geistiger Tätigkeit und ihre Erkenntnisse unter dem ganzen Volke erleichterten, nämlich erstens ihre Handelstüchtigkeit, zweitens die Schulen, die schon lange vor Beginn unserer Zeitrechnung durch Simon ben Schetach unter Salome Alexandra in allen großen Städten den jungen Männern von: sechzehnten Jahre an für Schrift- und Rechtskunde — und zwar mit Schulzwang — eröffnet wurden, so daß nicht allein in Jerusalem und anderen Städten Judäas, sowie in Aegypten und Alexandria Lehrhäuser einzelner berühmter Schriftkundiger bestanden, sondern auch in Arabien, wohin die Juden sich angesiedelt hatten. Nicht minder aber auch im Abendlande, wo in allen größeren Orten von Spanien, Frankreich und Italien rasch hintereinander Schulen, Lehrhäuser und Akademien entstanden, von denen viele sich bald einen so großen Ruhnr erwarben, daß sie auch vielfach von Christen und selbst von Geistlichen, denen sonst fast ganz die Gelegenheit zu geistiger Entwicklung fehlte, besucht wurden; rrnd drittens die Sprachkenntnis der Israeliten, wozu sie eine natürliche Anlage hatten. Habe es doch im ganzen Mittelalter nur wenige, der niedersten Klasse ungehörige Juden gegeben, die rricht wenigstens zwei Sprachen verstanden, und es seien uns viele Namen von Männern aufbewahrt, die fünf bis sieben Sprachen vollkommen beherrscht hätten. Schon vor zwölfhundert Jahren legten die Juden, kraft ihres angeborenen Sprachtalentes, ihres Scharfsinnes rrnd ihres Fleißes, den Grund zu der tieferen Sprachkenntnis, die wir jetzt Linguistik nennen. Juda ben Koreisch wies es schon zur Zeit Saadias nach, daß hebräisch, arabisch und chäldäisch nur drei verschiedene Zweige eines und desselben, irn wesentlichen gleichartig angelegten Sprachstammes fei. Juda Chajug erkannte die durchgängige Dreibuchstäbigkeit der hebräischen Sprachwurzel. Die ursprünglich hebräische Schrift entbehrte