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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-04-01 · Heft 14 (1.4.1904) · p. Seite 163

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 14 (1.4.1904)
Date
1904-04-01
Page
Seite 163 (sequence 7)
Language
German
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ü 163 Die Neligionsschule hat aber in der Gegenwart uulsomehr die Pflicht auf die sittlich-moralische Durchbildung und zugleich auf den wirtschaftlichen Sinn der weiblichen Jugend ihr Augenmerk zu richten und auf diese Weise zur Förderung und Kräftigung des sozialen Glückes beizutragen, als sie ja vieles nachzüholen hat, was in früherer Zeit verabsäumt worden ist. Wir wollen jedoch an dieser Stelle nicht etwa eine ausführliche Darstellung, eine Methode der Mädchenerziehung in der Religionsschule geben, wollen vielmehr nur den Berufsgenossen durch einige Beispiele eine gewisse Anregung nach dieser Seite hin geben. Gleich bei der ersten Erzählung in der Bibel, welche man die „Ueberredungskunst der Frau" nennen könnte, kann der Lehrer zeigen, wie das Gelüste der Frau nach „Unerreichbarem" nach „Unerschwinglichem" den Mann ins Unglück stürzt. Wie das Weib durch ungemessene Wünsche, ungezügeltes Wollen das Verderben herbeiführt. Eine ergiebige Quelle der Belehrung ist Genesis 16, welches man „Zwietracht im Hause" nennen kann. An diesem Beispiele müßte das Verhältnis von Herrschaft und Dienerschaft, von Arbeitgeber und Arbeitnehmer entwickelt und in das rechte Licht gesetzt werden. Nicht wenige Anhaltspunkte zur. Belehrung der Mädchen bietet Genesis 18, das man die „Frau im Hanse" oder „die beste Hausfrau" nennen kann. Kann doch in der Gegenwart unseren Schwestern nichts mit 'größerem Rechte zum Vorwurf gemacht werden, als daß sich die „Hausfrauen" in „Gesellschaftsdamen" verwandelt haben, in „Vereinsdamen", durch welche die Familienbande oft gelockert werden. In der lieblich reizvollen Erzählung Genesis 24 „die Brautwerbung" oder die „umsichtige Haustochter" kann darauf hingewiesen werden, daß die Tochter Freundin und Stütze der Mutter sein muß, daß sie nicht nur die Mode-Journale oder die „Musikschule" studiere, sondern auch die Schränke und Schubfächer. Bei der Besprechung von Genesis 27 „Die Frauenlist" muß darauf hingewiesen werden, daß ungerechte, übertriebene Mutterliebe, die zu gefährlichen Mitteln greift, das Glück der Kinder nicht herbeisühren kann, es vielmehr zerstört oder in Frage stellt. In Genesis 29 „Die gute Frau des Mannes höchster Preis" kann der Gedanke entwickelt werden, daß das Judentum dem Weibe die höchste Würde erteilt hat, indem es dasselbe als den höchsten Preis, den der Mann sich erringen kann, hinftellt. In-Verfolg des ganzen Pentateuchs, wie in den Propheten und Hagiographen finden sich bedeutsame Winke für die Erziehung der weiblichen Jugend. Mögen dieselben genügende Würdigung finden, damit nicht auf Israels Töchter das Wort Lesfings zutreffe: „Was für eine Verwegenheit, so ernstlich um eine Frau zu bitten!" (Ode „An Gott" von Klopstock.) Matthias Jakob Schleiden und das Judentum. Von Dr. Adolph Ko Hut. as alte Wort, das Israel zu allen Zeiten stets neuen Lebensmut verlieh und ihm in den trübseligsten Jahrhunderten grausamster Verfolgung und boshaftester Demütigung nie der Verzweiflung anheimfallen ließ: „Es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels", zeigte sich auch vor mehreren Jahrzehnten, als der damalige Hof- und Domprediger Adolf Stöcker seinen Kreuzzug gegen die Juden, begann und die niedrigen Instinkte des Hasses uüd des Neids gegen das deutsche Judentum zu mobilisieren suchte. T Es erhoben sich damals aus den Reihen hervorragender christlicher Männer manche mutige Propheten der Menschlichkeit und der Duldung, die dagegen ihr Veto einlegten und den Zeitgenossen es zum Bewußtsein zu bringen suchten, welchen Rückschritt in die Nacht des Mittelalters die Rassenhetze bedeute. Einer der ersten in der Schar jener kühnen Bannerträgerwahrer Menschlichkeit war der geniale Botaniker Professor Dr. Matthias Jakob Schleiden, seit dessen Geburt am 5. April dieses Jahres ein Jahrhundert dahingegangen ist. , Dieser bahnbrechende Forscher aus dem Gebiete der Naturj Wissenschaft, der die Botanik auf ganz neuen Grundlagen ausi richtete, dieser epochemachende Entdecker neuer Geheimnisse im j Buche der Natur, der bis dahin stets nur gewohnt war, sich mit Pflanzen, chemischen Prozessen, Mineralien und dergleichen in sein Fach schlagenden Gegenständen zu beschäftigen, wurde durch das Treiben Stöckers und seiner Gesinnungsgenossen veranlaßt, sich einmal auch mit einem der bedeutsamsten und fesselndsten Probleme der Weltgeschichte, dem ewig verfolgten und verfehmten Judentum und seiner Kultur, zu beschäftigen. ' Nachdem Schleiden länger als zwei Jahrzente hindurch als Professor der Botanik in Jena und später als Professor der Botanik und Anthropologie in Dorpat sich hauptsächlich seinem Laboratorium, seinen Schülern, seinen Forschungen und Büchern gewidmet hatte, lernte er nach seiner Pensionierung, als alter Mann, Land und Leute kennen. Er bereiste Deutschland nach allen Richtungen hin und Hielt sich bald in Dresden, bald in Frankfurt a. M., bald in Wiesbaden und bald in Darmstadt längere oder kürzere Zeit aus. Ueberall verkehrte er mit den Gebildeten der Nation und hatte so Gelegenheit, sich davon zu überzeugen, mit welcher Entrüstung diese, von dem Treiben Stöckers in der Reichshauptstadt sprachen. In Darmstadt lernte er auch den Verfasser des „Leben Jesu", David Friedrich Strauß, kennen, und die kritische Schärfe desselben, womit er dem historischen und dogmatischen Christentum zu Leibe ging, imponierte ihm nicht wenig. Schleiden wandte sich seitdem nicht mehr bloß dem Studium der Natur, -sondern denr der Geschichte und namentlich der Kulturgeschichte zu; auch beschäftigte er sich in eifrigster Weise mit völkerpsychologischen Beobachtungen und Betrachtungen. Vor seinem geistigen Auge tauchten nun all die Ausgeburten des Aberglaubens des düsteren. Mittelalters ailf, und unwillkürlich fesselte ihn das tausendjährige Martyrium des israelitischen Stammes, der das furchtbarste Opfer dieses Aberglaubens wurde. Als ein Mann,. dessen Leitstern stets Wahrheit und Gerechtigkeit war, fühlte er sich, wo andere schwiegen, in seinen: Gewissen gedrängt, gegen die Ketzerrichter, die großen Inquisitoren, die ihr „Kreuzige" gegen das Judentum schrieen, energisch seine Stimme zu erheben. . Er hatte zwei, auf den gründlichsten wissenschaftlichen Forschungen und Studien ruhende Arbeiten über diese Dinge in den Westermannschen „Illustrierten Deutschen Monatsheften" veröffentlicht, die gleich beim Erscheinen großes Aussehen erregten. Durch diese beiden Monographien: „Die Bedeutung der Juden für Erhaltung und Wiederbelebung der Wissenschaften im Mittelalter" und „Die Romantik des Martyriums bei den Juden im Mittelalter", legte er Zeugnis ab gegen das Bestreben derjenigen, die die höchste Blüte der modernen ^Kultur, die ganze Herrlichkeit der Sitte und Liebe, der Entsagung und Opferwilligkeit, der Freude am Schönen und Guten , einzig und allein dem Christentum zuschreiben und die -Kultur des Judentums gleichsam als einen überwundenen Standpunkt betrachten wollten.

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