Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 161 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der „LeLrrsdrnd" Von Dr. E. Finke l-Pasewalk. em diesjährigen Berichte des jüdisch-theologischen Seminars - Fraenkelscher Stiftung in Breslau ist statt der-üblichen wissenschaftlichen Programmarbeit, die zu liefern Herr Dr.. Brann durch seine Mitarbeiterschaft an der amerikanischen Encyklopädie verhindert war, „ein Vortrag über das Ritual des Pessach-Abends" vom Seminarrabbiner Dr. I. Le Wh beigegeben. Diesen hat der rühmlichst bekanten Meister vor einigen Jahren am 27. Januar bei einer Entlassungsfeier in der Seminarsynagoge• vor Freunden und Gönnern - der Anstalt gehalten, aber trotz Bittens und Drängens seiner Schüler bis jetzt nicht drucken lassen. Wir sind somit einem glücklichen Zufall dafür dankbar, daß Herr Dr. Lewh sich endlich dazu entschlossen hat, diesen gediegenen und gehaltvollen Vortrag zu veröffentlichen. Da der „Sederabend", wenn auch in veränderter Form, jedoch noch „mit derselben Gesinnung, mit derselben Weihe" auch in unseren Tagen in sehr vielen jüdischen Häusern gefeiert wird, so hat dieser Vortrag nicht nur für die kleine Gelehrtenrepublik, sondern auch für die weiten Schichten und Kreise unserer Glaubensgemeinschaft Wert und Interesse. Wollte ich aber den Inhalt dieses 15 Seiten umfassenden Vortrages angeben, so müßte ich mich entschließen, hier alles zu wiederholen, da ich von den klaren und lichtvollen Ausführungen nichts übergehen möchte. Ich muß mich daher begnügen, darauf hinzuweisen, daß der Leser in diesem Vortrage neben der Schilderung der Pessachfeier, wie sie im alten Israel begangen wurde, alles auf das Ritual des Pessach-Abends sich Beziehende von Keho lachmo anjo bis zu den nach deutschen Volksliedern hebräisch bezw. aramäisch verfaßten Gedichten Echad mi jodea und Chad gadja sachlich und übersichtlich zufammengestellt findet. Für die Erklärungen des Kol Jisroel chaberim (S. 9), der vier Fragen Ma nischtano (S. 14), des rätselhaften ^likomon (S. 18) u. am. wird jeder, der für die kritische Lehrmethode des Talmud, wie sie unser Meister unter großen Kämpfen angebahnt, Sinn und Verständnis hat, dem. Verfasser Dank wissen. Was aber diesem Vortrage einen besonderen Vorzug verleiht, ist die populäre Darstellung. Durch .diese hat uns der Forscher gezeigt, wie man einen spröden Stoff streng wissenschaftlich und doch populär behandeln kann. Da die neugegründete „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" neben den anderen großen Zielen auch die Popularisierung unserer Wissenschaft anstrebt, so könnte der Lewhsche Vortrag mustergültig sein. Denn derselbe ist lebendig und frisch gehalten und an manchen Stellen schwungvoll und ergreifend. So z. B. die Stelle auf Seite 16, die zugleich die Denkart und die Friedensliebe eines jüdischen Seelsorgers zeigt. „Es wäre ungeziemend. Hier ein Bild der namentlich in den Tagen mittelalterlicher Verfolgungssucht an Israel verübten Greueltaten, zu entrollen; wir haben längst verziehenwir empfinden keinen Groll, keinen Haß und wünschen nichts sehnlicher, als daß man uns mit denselben Gesinnungen und Gefühlen, die wir hegen, begegne ..." Würden auch die Geistlichen anderer Religionen auf Kanzel und Katheder einer solchen Sprache sich befleißigen, so würde das von unseren Propheten geweissagte, messianische goldene Zeitalter in Bälde anbrechen. Oder der Passus weiter auf derselben Seite: „Treten aber auch jetzt Widersacher gegen uns aus, die uns anzufeinden nicht ermüden, fo wollen wirzunächst Gott dafür, danken,, daß Verfassung und Gesetz uns davor schützen, daß solche nicht mehr/ wie - einst, mit roher Gewalt uns zu überfallen und anzugreifen wägen, sodann aber hoffen, daß die krankhaft erregten Leidenschaften der Verleumdungssucht und des Hasses unserer Zeit allmählich einer besseren Erkenntnis, einem gesteigerten Rechtssinn, einer höheren Gesittung, der Stimme des eigenen, erwachenden Gewissens weichen werden. Daß man keine falschen Beschuldigungen erhebe, keinen Haß schüre, sollte der Peffach- Abend eine warnende Ermahnung fein. Es dürfte wohl wahr sein, daß von wegen des Pesfachfachsestes Menschenblut gezapft, ja. in Strömen vergossen wurde, aber dies geschah nicht etwa heimlich in einerShnagoge oder'.in einem jüdischen Schlachthaus, sondern öffentlich vor aller Welt; denn es war jüdisches Blut, das'da floß. O, daß man Schamgefühl genug hätte, uns nicht mehr an die an Israel verübten Gräueltaten zu erinnern, daß es nicht - mehr zeitgemäß wäre, zu sagen: „Geschlecht für Geschlecht tritt man gegen uns auf." ... Dem Gerechtigkeitssinne unseres Meisters entspricht es auch, wenn er an dieser Stelle in einer Fußnote Herrn Professor H. L. Strack für sein mannhaftes Auftreten gegen die „Blutlüge" den , aufrichtigen Dank ■ auszusprechen Veranlassungnimmt. Dagegen möchte ich Herrn Professor Delitzsch, der in seinem Babel-Bibel-Vortrage, mit dem er die Bibel, von ihrem Throne stürzen und dem auserwählten Volke den „Nimbus" nehmen wollte, aus der Stelle 5. M. 16,11, die Wallfahrt zum Wochenfeste betreffend (bei Delitzsch: Erntefest nach 2. M. 23, 16), auf die untergeordnete Stellung der Frau bei den Juden geschlossen hat (II. Vortrag S.32 und 33), doch empfehlen, bei Lewy die Stelle S. 19 zu lesen. Er wird, wenn er durch das hohe Lied vom wackern Weibe (Spr. Sal. 31, 10 ff.) und die vielen bekannten Talmudstellen, die das Lob der Frau singen, bis jetzt noch nicht umgelernt hat, erfahren können, wie ein jüdischer Rabbi von der Frau denkt und spricht. Vielleicht wird dadurch der Herr Professor auch in bezug auf die Stellung der Frau bei den Israeliten seine Ansicht ändern, wie er so manches, was er vorgetragen, in seiner neuesten Broschüre „Babel und Bibel, ein Rückblick, und Ausblick" schon zurückgenommen hat. Da dieser Passus im Lewhschen Vortrage dazu geeignet ist, unsere Frauen an deren heilige Pflichten und hohe Aufgaben zu erinnern, so möge er hier im Wortlaute folgen : „Jedenfalls wurde dadurch (durch den Brauch, an Sabbat und Festtagen die zwei Brote vor Kiddusch zuzudecken) dem zarten Geschlecht Gelegenheit gegeben, hübsch gestickte StriezeluNd Mazzadeckchen mit kunstvollem, frommem Sinn zu verfertigen. Aber noch mehr als durch die kunstvoll gearbeitete Mazzadecke, die geschmackvoll gedeckte Tafel und die gut zu- - bereiteten Speisen tragen die.Frauen zur Hebung der festlichen Stimmung, zu innigem Herzensfrieden durch ihre'Anmut und Gemütsfülle bei. In Israel gab es keine Priesterin für den' öffentlichen Gottesdienst, für den häuslichen Gottesdienst aber trat die jüdische Frau als Priesterin auf, die auf dem Altäre des Hauses das heilige Feuer der Religion zu erhalten, zu nähren wußte, jedem einzelnen Brauch einen besonderen Reiz verlieh, den religiösen Uebungen die Seele einhauchte und über das ganze Haus eine religiöse Weihe hingoß. Wie die an sich toten Buchstaben durch den darüber sinnenden Geist lebendig werden, so erhalten auch die an sich toten Symbole durch das dabei fühlende Herz Leben und Bedeutung. Um der frommen Frauen willen, sagt der Talmud, wurde Israel aus Aegypten erlöst, und wir, die Enkel, können dies nach fünfzehn Jahrhunderten nür bestätigen. Das von der Frau geleitete jüdische Haus bildete in den Tagen der Not die feste Burg, in die kein Fremder einzudringen vermochte, hier herrschte Keuschheit,