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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-04-01 · Heft 14 (1.4.1904) · p. Seite 160

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 14 (1.4.1904)
Date
1904-04-01
Page
Seite 160 (sequence 4)
Language
German
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160 Zur Ergänzung füge noch hinzu, daß mein sel. Vater Jacob Leibnitz in Prenzlau geboren/ jüdischer Religion, den Freiheitskrieg als freiwilliger Jäger dienend wrtgemacht; ebenso mein Onkelnvo'n mütterlicher Seite,. Samuel Lion (obwohl körperlich verwachsest): Beide,- dekoriert mit der Kriegsdenkmünze, waren später Mitglieder des Kriegervereins in Prenzlau -bis zu ihrem Lebensende. . Mit vorzüglicher Hochachtung > Pauline Leibnitz.^. Berlin, den 12. Dezember 45. n Mein bester Leibnitz!!- Empfangen Sie hierrnit rneinen herzlichsten Dank für Ihr freundliches Schreiben vom 8. Oktober, und sein Sie fest versichert, daß mir eine. Erinnerung meiner alten treu bewährten Kampfgefährten immer ein seeliges Gefühl bereitet, und ich es gewiß sehr zu schätzen weiß, wenn irgend einer derselben sich meiner, nach so langer Ze^t, noch erinnert. Wir haben ja damals in der schweren Zeit so manches mit einander überstanden, sodaß es einem jetzt beinahe wie eine Fabel vorkommt. Dazu sind wir nun alle alte Kerle geworden; aber umsomehr erquickt es einem, wenn -man mal ab und zu von diesem oder jenem etwas hört, die wir in den verhängnisvollen Jahren 1813/14 so treulich beieinander hielten und ausharrten. Füglich ist mancher davon bereits längst zu Grabe gegangen; — und umsomehr muß ich und bin ich der Vorsehung dankbar, daß sie mich mein Jubiläum in guter Gesundheit hat erleben lassen. Hier-in Berlin sind noch von uns Becker, Nosenberg und Herz, die ich zuweilen wohl sehe; auch nahmen alle drei an dem Diner teil, was meine Freunde zur Feier meines zurückgelegten 50. Dienstjahres zu arrangieren, die Güte gehabt hatten. Künftiges Frühjahr komme ich jedenfalls nach Prenzlau, und dann wird es mich sehr freuen, Sie als meinen alten Waffengesährten wiederzusehen. Ji Leben Sie wohl und behalten Sie mich im freundlichen Andenken. Ergebenst ' der Oberst du Trossel. ' Der verwittweten Frau Leibnitz attestiere ich, auf deren Ansuchen, daß deren kürzlich verstorbener Mann, Jacob Leibnitz, sich im Frühjahr 1813 nach erfolgtem Aufrufe des Höchstseeligen Königs Majestät, als frehwilliger Jäger meldete, beim Detachement des Regiments Königin Dragoner eintrat, aus eigenen Mitteln sich vorschriftsmäßig equipierte und beritten machte. - Derselbe hat als solcher die Kampagnejahre von 1813/14 in dein oben erwähnten Detachement mitgemacht, und sich jederzeit als ein vorwurfssreher und braver.Soldat gezeigt, weshalb demselben auch dfe Denkmünze von 1813/14 zu Theil wurde. Berlin, den 3. Februar 1860. du Trossel, .. Generalmajor a. D., gewesener Führer des obengenannten Detachements. II. Bischofsburg, den 15. März 1904. Sehr geehrte Redaktion! Bitte uns alten jüdischen Veteranen doch einen Ausweg zu zeigen-, wie wir uns gegen die Verleumdungen der Antisemiten wehren können; denn das Herz eines alten Veteranen bäumt sich unter der Brust, die in schweren Kämpfen die darauftragenden Orden sich verdient hat, gegen die Aeußerungen, die in den letzten Tagen im Reichstage gegen die jüdischen Soldaten gebraucht wurden. ' Es schmerzt einen alten Soldaten, wenn er das, was er so gerne für seinen lieben Kaiser und Reich opferwillig getan hat, sich selber beschönigen muß und das in der Welt hinausposaunen, was er als Soldat wert war und geleistet hat, wofür er für seine Taten voll hohen Offizieren belobt wurde. Auch noch von den wenigen lebenden hohen. Offizieren, die ihn als Soldat kannten, mit ihm Schulter a?t Schulter den königl. Dienst taten, auf den Schlachtfeldern Steine. Hu dem schönen Bau des Deutschen Reichs mit dem Säbel in der Hand sammeln halfen. Ich ruse als Zeuge die noch lebenden Brigadekommandeure, Generalmajor von Zitzewitz, Königsberg (O.-Pr.) und Generalmajor Moritz, Danzig, an. Ganz besonders mag He§r Generalmajor von Zitzewitz bekunden, ob ich nichtwegen meines guten Reitens, weil ich stramm, jund tadellos im Dienst,, trotzdem ich Jude war; als dreijähriger Kantonist nicht als Büreaumensch, sondern unter der Waffe diente, Kapitulanten vorgezogen wurde und zum Unteroffizier avancierte, während des. Friedens mit dem zweiten Dienstjahre :■ für den Regiments stab Quartier machte und im Jahre 1865 für den "großen Generalstab durch Pommern- und Westpreußen als Quartiermacher kommandiert wurde. Im Feldzuge gegen Oesterreich wurde ich verschiedentlich als Ordonanz zum Generalstab kommandiert; oft genug wurde ich des Nachts mit Befehlen durch feindliche Vorposten geschickt und von Sr. Exzellenz General Herwart von Bittenseld öffentlich mit den Worten, daß er sich alle solche treue und tüchtige Husaren wünsche, wie ich es bin, belobigt. Ich befürchte, wenn ich meine tadellosen Militärpapiere' mit sehr guter Führung und andere Anerkennungsschreiben jenen Herren unter die Nase halten möchte, so besäßen sie die Frechheit, zu behaupten, daß ich die Herren Offiziere, die mir diese Papiere ausgestellt haben, „bestochen habe". Nebenbei will ich nur bemerken, daß, als ich in der Dr. Höftmann'schen Klinik in Königsberg war, wo ich eine sehr schwere Operation durchgemacht habe, und Herr Brigadekommandeur von Zitzewitz zufällig bei einem Liebesmahl von Dr. Höftmann mein Leiden erfahre!: hat, er es nicht versäumte, mich am anderer: Tage gleich zu besuchen und später sehr oft mein lieber Gast war, daß er sich auch nicht scheute, sich an mein Krankenlager zu setzen, durch Liebesgaben und Erfrischungen seine Teilnahme zum Ausdruck brachte, durch Auffrischung unserer gemeinschaftlichen Erlebnisse auf Kommandos und auf dem Schlachtfelde mich erfreute. Wir haben drei Jahre hindurch, er als Zugführer, ich als Flügelmann, bei. dem -ersten Zuge der ersten Schwadron des Pommerschen Husarenregiments Blücher-scheu Husaren Nr. 5 unfern Dienst getan. , Gott weiß es, daß ich weder mich, noch meine Glaubensgenossen mit leeren Phrasen als Soldaten rühmen oder sie als tadellos hinstellen will. Ich habe Rekruten ausgebildet und habe es wohl erfahren, daß es auch unter den jüdischen-Soldaten sogenannte Weichlinge gibt; dennoch setzt der jüdische Soldat zumeist mit allem seinem Können seine beste Kraft ein, um den anderen nachzukommen und nicht getadelt und gestraft zu werden. Ich gebe auch ferner zu, aber nur in den seltensten Fällen, gibts junge Leute, die schon von Hause aus teils durch ihre Erziehung, teils durch ihr Selbstbewußtsein verdorben und dadurch zum Soldaten untauglich sind. Für die einzelnen Fälle,-die die Antisemiten mit>der Lupe heraussuchen, können doch aber alle anderen nicht als untauglich verurteilt werden. Ich habe inr vergangenen Sonuner auf einer Reise im I)-Zuge von Berlin nach Breslau mich mit einem Hauptmann, der auf Urlaub war, unterhalten, und hat er mir gegenüber offen und ehrlich erklärt, daß er mit Vorliebe in seiner Kompagnie jüdische Soldaten einstelle und die besten Erfahrungen mit den Leuten gemacht hat, und tue es ihm von Herzen leid, daß leider viele Regimenter von dem Bazillus des Antisemitismus angesteckt seien, und daß jüdische Soldaten, wenn sie noch so tüchtig sind, in ihrer Tüchtigkeit nicht anerkannt werden dürfen, damit sie ja nicht befördert, zur Ausbildungsmannschaft und sonst bevorzugten Diensten herangezogen werden. Gott bewahre, daß unser liebes Deutschland wieder von einen: Krieg bedroht wird. Sollte das aber mal der Fall sein, so bin ich fest überzeugt, daß unsere jugendlichen jüdischen Kameraden wieder, wie wir es gerne getan haben, ihre volle Manneskraft und ihr Leben, ja Gut und Blut für unfern lieben, allergnädigsten Herrn Kaiser und sein Reich unter der Devise: „Wir sind und bleiben unserm Kaisertreu," zur Rechtfertigung von-uns alten Veteranen einsetzen werden, um der antisemitischen Gesellschaft zu beweisen, was der jüdische Soldat wert ist. Und dann wird er auch wieder zur Geltung kommen. Ganz ergebenst Moritz David, Veteran, Unteroffizier des Pomm. Hnsaren-Regiments, Blüchersche Husaren Nr. 5.

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