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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-04-01 · Heft 14 (1.4.1904) · p. Seite 159

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 14 (1.4.1904)
Date
1904-04-01
Page
Seite 159 (sequence 3)
Language
German
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159 der ganzen Meldung sofort zu durchschauen. Der geringe Prozentsatz-der zum Universitätsstudium in Rußland zugelassenen Juden schließt es schon ganz von selbst ans, daß die Inden bei irgend einer merklichen Bewegung sich in der Mehrzahl befinden können. Bei 3—5 Prozent jüdischer Studierender kann man mit den jüdischen Revolutionären die Denunziationssuppe nicht fett machen. Es soll ja aber auch vor allem dem Auslande dargetan werden, daß die Mehrzahl der Studierenden loyal, d. i. gouvernemental gesinnt sei, was das Gegenteil der Wahrheit — muß doch die verschwindend kleine gouvernemental-konservative Minorität der Studierenden ans Scheu und Scham, vor der fortschrittlichen Majorität Geheimbünde bilden — es soll ferner an die antisemitischen Instinkte des Auslandes appelliert werden, in der Darlegung, daß in Rußland nur die Juden sich in,patriotisch und oppositionell verhalten; es soll ferner dem Zaren selbst eingeredet werden, daß die fortschrittliche Bewegung irz Rußland nur jüdisch sei und also nicht beachtet werden dürfe." Beachtenswert ist auch die Tatsache, daß bei den Unruhen, Attentaten und Prozessen dieser Woche — denn ohne solche geht es in Rußland ja in keiner Woche ab — die Angabe der Konfession durchweg fehlte. 4k» Nach aintlichen Quellen wurde neulich eine Statistik der ackerbautreibenden Juden in Rußland sestgestellt, deren interessante Ergebnisse folgende sind: , Bevölkerung der Ackerbaukolonien: 63 492 Seelen. Zahl der Kolonisten in einzelnen Zweigen des Ackerbaues: 21521 Familien mit 80 000 Seelen. Zahl der Gutsbesitzer und Pächter: 3358 Familien mit etwa 13 000 Seelen. ' Die Gesamtzahl der vorn Ackerbau lebenden Juden beträgt also über 150 OO0. Die jüdischen Ackerbankolonier, Verteiler: sich auf das ganze Gebiet der Gouvernements, in welchen die Irrden das Aufenthaltsrecht gerrießen. Borr den 15 westlichen Gouvernements haben alle mit Ausnahme des Gouvernements Poltnva und Tarrrien eine jüdische landwirtschaftliche Bevölkerurrg. Die Zahl der Kolonien beläuft sich ans 299. Sie sind rricht alle gleich ausgedehnt und folglich ist die Bevölkerung nicht überall gleich zahlreich. Meistens bewohnen mehrere Familien dasselbe Bauerngut. Jede südliche Kolonie Nenrußlands hat im Durchschnitt 116 solcher; im Gouvernement Cherson erreicht ihre Zahl 951; dagegen findet,narr in den südwestlichen und nordwestlichen" Kolonien' nur 19, manchmal sogar nur 14 Ländereien. Die 251 nord- und südwestlichen Kolonien haben eine Gesamtbevölkerung vor, 30 809 Einwohnern und bearbeiten 363 18 Desiatins. Nämlich die 191 nördlichen und nordwestlichen Kolonien 18 654 Einwohner und bearbeiten 24 484 Desiatins. Die 60 südwestlichen Kolonien 12155 Einwohner und bearbeiten 11834 Desiatirrs. Dagegen die 38 Kolorrien Nenrußlands 32683 Einwohner und bearbeiten 63 431 Desiatins. lieber die Hälfte der jüdischen Kolonisten bewohnt also Neurrrßland und bebaut 63,6 Prozent der Gesamtfläche, über welche die Juden im ganzen Reiche verfügen. Außerdern genießen sie andere Vorteile: nicht nur, daß die ihnen zugeteilten Ländereien weit ausgedehnter sind als in anderen Gegenden (durchschnittlich 11,4 Desiatins für jede Familie, 18,1 im Gouvernement Cherson, während dagegen im Gouvernement Wilna bloß 5,78 Desiatirrs, in Podolien 3,41 Desiatirrs), sondern die Errrten fallen da, infolge des vorzüglichen Klimas, weit besser aus als anderswo. Außerdem steht der größte Teil dieser Kolonien direkt nrrter der Verwaltung des Ackerbaurninisteriums oder seiner Vertreter, sie sirrd also nicht der, Plackereien der Kontrollausschüsse ansgesetzt. In schlechten Erntejahren werden sie ferner unterstützt. Auch ist das kulturelle Niveau irn allgemeinen weit höher als in anderen Kolorrien; fast die Hälfte dieser Kolonien besitzen Volksschulen und andere Anstalten von öffentlichem Nutzen. Die südlichen Kolonien dagegen sind sich selbst überlassen und müssen sich allerlei Hindernisse von seiten der Kontrollausschüsse gefallen lassen. Es folgen hier einige Daten: Von den 21521 in den westlichen Gouvernements und im Königreich Polen ansässigen Kolonisten befaßt sich ungefähr die Hälfte, nämlich 11299 Individuen mit Gemüsebau. Auch treiben zahlreiche Juden den Milchhandel und andere wirtschaftlichen Geschäfte. Hier einige Ziffern: Atilchhandel Tabakspflanzrurg Weinbau Bienenzucht Sonstiger Betrieb 7 454 Personell 1695 780 200 93 Zu diesen verschiedenen Betrieber, wird eine Fläche von 19475 bebaut. Der bedeutendste Teil der Ländereien befindet sich außerhalb der Zone der Städte und wird verpachtet. Sie nehnren folgende Fläche ein: Eigentunr der Kolonisten 3469 Desiatinen Verpachtete Landgüter 4245 „ In, Süden haben sich der Gemüsebau und der Gartenbau beträchtlich entwickelt; die jüdischen Gärten urnfassen 6 916 Desiatinen, also ungefähr die Hälfte der Gesamtfläche der von ihnen bebauten Ländereien (13862 Desiatinen). Im Südwesten beläuft sich die Gesamtfläche der Geruüsegärtoi, nur auf 3147 Desiatinen wovon für Polen 2637 „ j „ „ Neu-Rußland 1160 „ Dagegen steht Neu-Rnßland für die Tabakspflanzung (1,525 Desiatinen auf 2755) und für den Weinbau 1391 auf 1650) an der Spitze. In Spezialkulturer, (Rüben, Hopser,) behält die südwestliche Gegend die Oberhand. In manchem Gebiete dieser Region, so z. B.! im Gouvernement Grodno, wo es mehr als 2000 jüdische Gemüsegärtner gibt, in den Gouvernements Minsk (1866), Kownv (1659), | Bessarabien (2087), erfreuen sich die kleinen landwirtschaftlichen Ge-! schäfte eines besonderer, Blütestandes. In Rußland selbst zählt man 3359 jüdische Gutsbesitzer rrnd Pächter, deren Ländereien sich auf 932757 Desiatinen belaufei,, wovon 411108 als Eigentum, 521649 als Pachtgüter, also nicht einmal 1 der Gesamtfläche des innerhalb des Territoriums liegenden Kultrrrbodens. Der Prozentsatz des jüdischen Eigentrrrns erreicht 0,58°'o der Gesamtfläche. Die meisten jüdischer, Gutsbesitzer, 88"/.., betreiben selbst der, Ackerbau, das Verhältnis der jüdischen Pächter ist noch beträchtlicher, 92"'». Die beiden Kategorien befassen sich vorzugsweise mir Ackerbau, die Industrien, die mit den, Ackerbau verwandt find, erfreuen sich bei ihnen keiner besonderer Entwickelung. Mau zählt nicht einmal eine Fabrik auf 20 Landgüter. 1 Die Juden im tzeere Ciefe Erbitterung haben in vielen Kreisen die Angriffe hervorgerufen, die von antisemitischer Seite im Reichstag gegen die militärische.Tüchtigkeit der Inden und gegen ihren Anteil an den Freiheitskriegen erhoben wurden. Namentlich-da, wo die Erinnerung an solche Heldenkämpser wie ein Heiligtum bewahrt wird. Aus einer Fülle von Zuschriften, die-uns von verschiedenen Seiten zugehen, veröffentlichen wir nur die beiden. folgenden, weil sie besonders charakteristisch sind und dem verletzten Rechtsgefühl treuen Ausdruck geben. I. Hochgeehrter Herr! Ich bir, empört über die neueste böswillige Methode, den Juden die tugendhafte, aufopfernde Vaterlandsliebe abzusprechen, und deshalb beehre ich mich, Ihnen zur Benutzung für Ihr brelgelesenes Blatt — als Gegenbeweis — inliegend zu überreichen: eine beglaubigte Zeugnisabschrift, sowie einen Originalbrief, beides vor, dem Herrn Generalmajor a. D. du Troffel.

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