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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-04-01 · Heft 14 (1.4.1904) · p. Seite 158

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 14 (1.4.1904)
Date
1904-04-01
Page
Seite 158 (sequence 2)
Language
German
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— 158 geschlechts, der Eine Gott, dessen Kinder wir alle find, die allgemeine Gleichartigkeit unserer Natur und ihrer Gesetze, die Idee unserer Bestimmung, die Uebereinftimmung in unseren Geschicken, in unseren Freuden und Leidensind dieser Grundlagen genug, aus welche sich das große Gebäude., der Nächstenliebe errichtet, unter dessen Dach die Kinder aller Zonen, aller Völker, aller Glaubensbekenntnisse sichmiteinander vereinigen können. So entspringt uns im Lichte des Festes aus dem Gedanken der Familienliebe, der Barmherzigkeit, der Nächstenliebe auch die Idee der Gerechtigkeit. Und aus dieser wieder die Vorstellung von der Gleichheit aller Menschenkinder vor Gottes Angesicht, die ebenfalls in Israel ihre Heimat hat. Mit Stolz dürfen wir darauf gerade am Pasfähfeste Hinweisen. Während das griechische und römische Altertum die Menschen in drei große Klassen teilte, von denen die erste als Bürger des Staates das volle Recht der Freiheit besaß, die zweite, die unterworfene, nur nach den Bestimmungen, die ihr die erste auferlegte, und die dritte, die Sklaven, der persönlichen Freiheit gänzlich beraubt war, während das Mittelalter ein absolutes Recht auf Freiheit ebensowenig anerkannte, sondern die gesamte Masse in viele Körperschaften teilte, hat das biblische Gesetz die persönliche Freiheit zu seinem obersten Grundsatz proklamiert. Wo ist denn noch eine Gemeinschaft, die am Eingang ihres wichtigsten historischen Festes allen Menschenkindern znruft: „Wer hungrig ist, komme und esse mit!" Und die das nicht blos gerufen, sondern vollinhaltlich betätigte, indem der Arme sich an dein Tisch des Reichen, da seine Ahnen so gut wie die des Reichen aus Mizrajim erlöst wurden, als gleichberechtigtes Mitglied der Gesellschaft fühlen durfte. „Denn meine Knechte sind sie, die ich herausgeführt aus dein Lande Mizrajim. - Sie sollen nicht verkauft werden, wie man Knechte verkauft." Dieser echt demokratische Gedanke der Gleichheit aller vor dem Gesetze mußte in Israel zu jeder Zeit das Gefühl und die Begeisterung für die Freiheit erwecken, ohne daß dadurch irgend welche Jrrtümer und Ausschreitungen vorgekommen wären, wie sie gerade heute zu beklagen sind, wo die Idee der Freiheit durchaus nicht dieselbe Begeisterung zu erwecken vermag wie in früheren Zeiten. Man staunt darüber, wenn man in den Blättern und Büchern unserer Gegner die Verleumdungen gegen Israel liest. Was wird in unserer Zeit nicht alles vom jüdischen Stamm verbreitet; wie werden unsere Schwächen gemustert und zergliedert, aber von den hervorstechenden Zügen des jüdischen Stannnescharakters: von seinem Familiensinn, von seiner Barmherzigkeit, von seinem Gleichheitsgefühl und von seiner Freiheitsbegeisterung ist da niemals die Rede. Das darf uns aber nicht beirren, unter den gegenwärtigen Verhältnissen jene Gedanken immer.und--immer wieder hervorzukehren und zu betätigen. Mag die Theologie noch so viele Hypothesen aufstellen, mag die Assyriologie so viele Tontäselchen ausgraben, als sie nur kann, die Tatsache werden beide nicht aus der Welt schaffen, daß Israels Grundgedanke der Sieg der reinen Gottesidee, der Sieg der Humanität, der Sieg der Menschenverbrüderung verbleiben muß. Vor ihm zieht in der Geschichte eine Feuersäule einher, die die Vorurteile verzehrt, die bett harten Rassenhaß erweicht und schmelzen läßt, die Licht und Aufklärung verbreitet. Der Kampf Israels in der Geschichte, so lehrt uns das Passahfest vor allem, ist der Kampf der göttlichen Gerechtigkeit gegen rohe Gewalt und gegen schreiendes. Unrecht. Fern im Osten tobt der männermordende Krieg, Israel aber singt in seinen - Häusern und Tempeln das Lied des ewigen Friedens; draußen lauert der Haß, Israel aber singt am Passahabend das Lied der Liebt. Denn mit dem. erstell seiner Propheten ruft es -hellte den Völkern zu: „Mich sendet zu' euch der ewige, lebendige Gott der Geschichte, der Gott aller Zeiten, aller Länder, aller Rassen, der Gott der Arier, der Semiten, der ganzen Menschheit." Das ist die Lehre des Passahfestes, die wir uns in Erinnerung 311 bringen und allen Völkern zu verkünden haben. Die Woche. Berlin, 29. März, ersunken und vergessen ist die sogenannte deutschnati 0nale Bewegung, die einige junge Brallseköpse unter den deutschen Juden ins Leben rufen wollten, um dadurch bem Antisemitismus den Wind aus den Segeln zu nehmen. Mag man über die Idee denken, wie nran will — die Ausführung derselben war eine recht unglückliche. Und alll unglücklichsten war die publizistische Vertretullg derselben, all welche in diesen Tagen die antisemitischen Blätter durch die Mitteilung erinnern, daß das „jüdische Blatt für deutsch-völkische Interessen", das den Titel „Toleranz" führte, sanguub klanglos aus diesem Leben geschieden sei. Mit ihm wohl auch der Vereill, der die Bewegung hervorgerufen. Wir begreifen aber nicht, waruln die Ailtiseillitell sich darüber freuell, denn sie hatten doch ihre Helle Freude an der ganzen Sache. Geringere Freude dürste es vielen unter ihnen verursachen, daß der famose Graf Pückler-Klein-Tschirne wieder auf dem Plan erschienen ist. Aus seiner ersten Rede in Berlin wollen wir zur Erheiterung unserer Leser nach, seinem Moniteur einige Stellen wiedergeben. Er sagte: „Bebel gehört zu den wenigen Männern, die Schneid haben und der Regierung die Wahrheit sagen, und das ist notwendig. Wie die Herren heute regieren, das ist keine Regierung, das ist Wurstelei (Sehr richtig!), vor der kein Mensch Respekt haben kann. (Großer Beifall.) Wenn Bebel national wäre und auf christlichem, monarchischem Boden stände, dann könnte er ein famoser Mann werden, mit dem man in manchen Punkten Zusammengehen könnte. (Großer Beifall bei den Sozialen.) Wenn ich in den Reichstag käme, würde ich müer diesen Umständen auch mit Bebel Fühlung nehmen und'wir ivürden den Herren von der Regierung die Wahrheit geigen, daß sie die Kränke kriegen und daß sie alle ausreißen. (Stürmischer Beifall.) Die mauschelnden Juden würden dann schleunigst aus den: Reichstage verduften. (Großer Beifall.) Wir brauchen starke Charaktere, Männer lind Helden .... Sozialdemokraten sind dumme Kerle, die sich nicht belehren lassen, die den Juden Singer, Stadthagen und wie die Kerle alle heißen, nachlaufen wie toll und verrückt, das sind dumme Luder. (Stürmischer Beifall.) Wir Antisemiten werden die Sozialisten, die zurückkehren zu ihrem König, gern, aufnehmen. Voraussetzung ist, daß sie anständige patriotische Leute sind, die den Juden ganz gehörig auf das Leder rücken. (Stürmischer Beifall, großer Lärm bei den Sozialdemokraten.)" * Unsere Mahnung, der russisch-offiziösen Lügenfabrik das tiefste Mißtrauen entgegenzubringen, hat Beachtung gefunden. Die „Frankfurter Zeitung" fügt speziell mit Bezug auf das erwähnte Telegramm aus Kiew noch treffend hinzu: „So scheut man auch vor kleinen Widersprüchen nicht zurück, wie beispielsweise vor dein, daß nran behauptet, die Gruppe der 150 revolutionären Studenten bestehe zumeist aus Israeliten, und dann selbst zugeben muß, daß nur 30 der abgenommenen Legitimationen in der Tat jüdischen Studierenden gehört hatten. 30 von 150 gelten in der außerrussifchen Welt noch nicht als die Mehrheit. Kenner der russischen Universitätsderhältnisfe bedürfen aber nicht einmal solcher anfliegender Widersprüche, um die ünwahrhaftigkeit

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