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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-04-01 · Heft 14 (1.4.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 14 (1.4.1904)
Date
1904-04-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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68. Jahrgang. No. 14. Berlin, 1. April 1904. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint w ö che n tlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redaktenr: Snstav Rarpeles. Begründet von Rabbine» D*' Ludwig Philipps»«. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin 8XV., Jerusalemer Straße 46/49, 5» richten, verlng von Rudolf Mosfe, Berlin. Lum jfrktr der Freiheit. . Berlin., 29.. März. mit dem anbrechenden Frühling feiert auch Israel sein Freiheitsfest, dessen symbolische Verknüpfung von Natur und Geschichte einer der schönsten Gedanken in unserem religiösen Leben ist, der immer und immer wieder, namentlich in trüber Zeit, erörtert werden muß. In der Tat ist das Passahfest wie kein anderes geeignet, den Charakter des jüdischen Stammes von seiner besten Seite zu zeigen. Am ersten Festabend, dem Seder, der noch heute in sehr vielen Familien gefeiert wird, die sonst fast gar keinen Zusammenhang mit dem religiösen Leben haben, setzen sich die Familienmitglieder um den festlich/ gedeckten Tisch und hören die Geschichte an von dem Auszug ihrer Ahnen aus dem Aeghpterlande. Schon die ersten Zeilen dieser Erzählung zeigen uns drei große Charaktereigenschaften des jüdischen Geistes im hellsten Lichte. Die Hagada beginnt mit den Worten: „Dies ist das Brot des Elends, das unsere 'Väter in Aegypten gegessen haben." Der ganze Jammer des Druckes und der Knechtschaft tritt dem Juden lebendig vor die Seele; mitten in der Freude des Festes tritt an ihn die Mahnung heran, sich nicht zu überheben, nicht stolz und nicht hochmütig zu sein, denn dieses „Brot des Elends" muß der Reiche wie der Arme gleich essen. Es gibt keine bessere Herstellung desselben für den einen wie für den andern. Und gerade dadurch werden die feinsten Seiten seines Herzens berührt und er fügt hinzu: „Wer hungrig ist, der komme und esse mit:" Er will nicht, daß irgend ein Mensch an seinem Feste darbe und der Freude entbehre. Dieses echt demokratische Prinzip hat der Jude zu allen Zeiten, im Sonnenschein des Glücks, wie in der Nacht des Mißgeschicks bewahrt, und aus diesem Gefühl der Gleichheit stammt die Begeisterung für die Freiheit, die für den Juden zu allen Zeiten und in allen Ländern charakteristisch ist, und die sich in dem jubelnden Ausruf der Hagada manifestiert: „Heute sind wir noch Knechte, über's Jahr aber freie Männer!" Welche Empfindungen und Gefühle sprechen aus diesen ersten Paar Sätzen der Hagada, und welche scheinbaren Kontraste vereinigen sich in denselben! Das ' vom Druck niedergebeugte Herz offenbart sich -voll Milde dem Dürftigen und erhebt sich im Gefühl der Gleichheit aller. Menschen vor Gott mitwunderbarer Elastizität zur Sonnenhöhe des Freiheitsgedankens. Der Familiensinn, die Barmherzigkeit, der Gleichheitsgedanke und die Freiheitshoffnung, das sind die besten Charaktereigenschaften des jüdischen Stammes. Sie alle treten am Frühlingsseste des Passah in die Erscheinung. '' Ohne die Innigkeit seines Familienlebens hätte der Jude die trüben Tage des Mittelalters nicht überstehen können. Von außen zurückgestoßen, sucht der Mensch stets den Trost in den Armen der Seinigen. An der Schwelle des Hauses ist der Markstein für die Verachtung und den Hohn, denn dort findet er die Liebe, die Achtung und Ehrfurcht, die man ihm draußen mit Unrecht versagt. Die Innigkeit des Familienlebens war bei den Juden eine schier unbegrenzte; sowohl das Verhältnis der Eltern und Kinder, als auch das eheliche Leben war heilig und gehoben, zu äußersten Anstrengungen und Aufopferungen befähigend. Diese Innigkeit ist uns, gestehen lrsir es nur offen, zum Teil abhanden gekommen. Sie findet sich wohl sehr oft noch in jüdischen Häusern, aber man hört äfidererseits doch auch Aeußerungen und Taten der Lieblosigkeit und des Hasses, die früher in Israel unerhört waren: So ist das Passahfest eine ernste Mahnungdie alte Innigkeit des Familienlebens auch uns und unseren Kindern zu erhalten. ' Das Barmherzigkeitsgesühl, welches aus dem Familiensinn hervorgeht, gründet sich, wie jeder weiß, auf den Gedanken der Nächstenliebe. Auf dem Grunde des altisraelitischen Gottesgedankens ist das Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst; Ich bin der Ewige", entstanden, und niemals ist die Frage in Israel aufgetaucht: wer ist der Nächste? Denn die Antwort war von vornherein gegeben: alle Nebenmenschen, ohne Unterschied des Geschlechts, des Alters, der Rasse, des,Glaubens, .des Vaterlandes, des Stammes, der Bildung.' „Wie der Eingeborene unter euch, soll auch der Fremdling sein, der sich bei euch aufhält; und liebe ihn wie dich selbst, denn Fremdlinge wäret ihr im Lande Mizrajim.". Mag die moderne christliche Theologie noch so sehr dagegen eifern, wir wissen, was „Fremdling" bedeutet, denn wir ersehen es einfach aus dem Zusatze, den wir an jedem Passah mit besonderer Bedeutung lesen: „Denn'Fremdlinge wäret ihr im Lande Mizrajim." Dort waren die Israeliten nicht blos anderen Stammes, der geduldet, später unterdrückt und mißhandelt, sondern auch anderer, ja gegensätzlicher Religion, wodurch buchstäblich bewiesen ist, daß nach jüdischen Grundsätzen Vaterland, Stammesverschiedenheit, Religion und Feindschaft-keinen Unterschied in der Pflicht der Nächstenliebe Hervorbringen dürfen. Und' diese von der Bibel — trotz Herrn Delitzsch und seiner Genossen — zuerst gebotene Nächstenliebe ist keine ideale Höhe, von welcher aus alle Unterschiede der Menschen verschwinden, sondern sie läßt die realen Verhältnisse gelten und erkenntsie als berechtigt an. Welche Pflichten hieraus entspringen) verschwimmt uns aber nicht in nebelhafter Ferne, sondern die Religion Israels hat' es in sicherster Weise in den bestimmtesten Geboten ausgeprägt. Die Einheit des ganzen Menschen-^ .-J.-m; ■>.%. J ' r-r-.

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