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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-03-25 · Heft 13 (25.3.1904) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 13 (25.3.1904)
Date
1904-03-25
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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s Berlin, 20. März. Die erste jüdische Ferienkolonie, bestehend aus 18 Knaben, ist bereits heute nach Bad Elmen abgegangen. Die Kosten für die Ausrüstung und Beköstigung dieser Pfleglinge trägt der Kinder-Sparverern. ' n. Berlin, 20. März. Die neue Shnagogengemeinde für den Südwesten „Mischkan Jisroel“ hat sich am 2. d. M. in einer Versammlung, zu welcher außer sonstigen Interessenten noch etwa ein Drittel von den 623 Unterzeichnern-erschienen waren, für kompetent und konstituiert erklärt, nachdem Herr E. Friedmann in einem mit lebhaftem Beifalle aufgenommenen Referat die Notwendigkeit der Einrichtung von würdigen Gottesdiensten nach streng alttraditionellem Ritus auch in den wohlhabenderen Vierteln bewiesen hatte. Es wurde konstatiert,daß bis jetzt,etwa 250 Plätze bestellt feien. Die Versammlung genehmigte nach nner lebhaften Diskussion den vorn Vorsitzenden, Herrn Direktor M. Wolfs gemachten Vorschlag, demnächst auf einen Sonntag Vormittag 11 Uhr eine Generalversammlung einzuberufen, in welcher über die eingegangenen resp. gezeichneten Gelder für den Garantiesonds Rechenschaft abgelegt werderi, die Erwerbung eines würdigen Betlokals, die Wahl des definitiven Vorstandes, das Engagement der Kultusbeamten erörtert werden soll. — Berlin, 22. März. Einem lange gefühlten Bedürfnisse Rechnung tragend, veranstaltet die Direktion der 1. internationalen Kantoren-Schule zu Berlin an den kommenden' beiden Pesfachabenden eine große, öffentliche Seder-Feier. Diese im vornehmen Stile angelegte- Veranstaltung bezweckt, zahlreichen alleinstehenden Damen und Herren, sowie ganzen Familien die Gelegenheit zu bieten, einer würdigen Feier mit anznwohnen. Um die Feier zu einer weihevollen und erhebenden zu gestalten, soll während der Festtafel durch einen Gelehrten der tiefere Sinn des Textes sowie die Bedeutung der alten Gebräuche dem Verständnis der Teilnehmer näher gebracht werden. Den gesanglichen und textlichen Teil hat Kantor Frommermann übernommen; auch dieser soll durch die Widergabe der altjüdischen melodieenreichen Responsorien und Gesänge, unter Mitwirkung eines Chores, die Weihe des Abends erhöhen. Hoffentlich wird die Idee dieser irr ihrer Art erstmaligen Veranstaltung allgemein Anklang finden. L2 B.erLiir, 20. März. Am 16. d. M. ist in Charlottenburg nach langem, schwerem Leiden der Freiherr v. Hämmerstein, der ehemalige Chefredakteur der „Kreuzzeitung" ,gestorben. Die Unduldsamkeit, der Antisemitismus, die Versolgungssucht feierten in der „Kreuzzeitung" unter Hammerstein Orgien. Er war der leidenschaftlichste Vorkämpfer der Orthodoxie und des Agrariertums. Auch vor dem Fürsten Bismarck und selbst dem Träger der Krone machte sein Fanatismus nicht Halt. Sein nächster Freund war Herr Stöcker, der auch den „Scheiterhaufenbrief" an ihn richtete. Hammerstein nahm ein trauriges Ende. Seit langer Zeit hatte er Urkundenfälschung und Betrug verübt. Aber die Leiter der konservativen Partei trugen geraume Zeit Bedenken, sich seiner zu entledigen. Schließlich kam es dennoch zur Katastrophe. Er.wurde augeklagt, in Griechenland verhaftet und ausgeliefert, und 1896 zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. In den letzten Jahren hat mau nichts von ihm vernommen. n. Frankfurt a. O., 20. März. Die Notiz betr. das Schach tverbot in Küftrin ist dahin zu berichtigen, daß die Vorlage des Magistrats kein generelles Schächtverbot verlangte, sondern gleich „nur eine dem Schäch ten vor hergehende Betäubung" forderte (was also nicht erst vom Referenten der Versammlung als „mildernder" Zusatz beantragt wurde). Dies wird jetzt erst den Küstriner Zeitungen vom Magistrat als Berichtigung ihres Referats mitgeteilt. Wie verlautet, hat ein paar Tage nach Annahme der Vorlage sich eine Deputation der jüdischen Gemeinde zum Regierungspräsidenten von Dewitz hierher begeben, mit gegen diesen Beschluß der städtischen Behörden Beschwerde zu führen, auch soll eine gleiche Beschwerde in dieser Angelegenheit an den Kultusminister gerichtet sein. — Nakel, 18. März. Der „Jüdische Frauen-Verein", welcher am 17. Januar 1864 gegründet wurde, beging am 13. d. M. mit dem Feste seines vierzigjährigen Bestehens auch das zweite Stiftungsfest seit seiner Reorganisation am 9. März 1902. Unter der rührigen Leitung der Frau Kaufmann Rosa Heimann und des Herrn Peczkowski, Lehrers und Kantors der hiesigen jüdischen Gemeinde, wurden verschieden^ Aufführungen vorbereitet.-— Unter anderem wurden zwei - „Lebende ^Bilder" nach den Gemälden von Oppenheim und zwar „Chanukah" und „Purim" gestellt. Ein vom Lehrer Peczkowski verfaßter und von Fräulein Perlitz vorgetragener sehr hübscher Prolog leitete die „Bilder" ein und verband, sie miteinander zu einem einheitlichen Ganzen. Alsdann kamen zwei Lieder aus den „Hebräischen Melodieen" von C. Loewe zum Vortrage: „Beweinet, die geweint an Babels Strand" und „War' ich wirklich so falsch?" Damit schloß der 1. Teil. Im 2. Teile der Aufführungen war dem Humor eine Stätte bereitet. Allgemeiner Tanz, unterbrochen von der „Kaffeepause", in welcher manch ernster und launiger Toast ausgebracht würde, beschloß das gemütliche und in allen Teilen wohlgelungene Fest. m. Hamburg, 17. März. Der vor einiger Zeit verstorbene hiesige Kaufmann Simon Hesse hat den größten Teil seines etwa 400000 Mark betragenden Nachlasses zu wohltätigen Zwecken bestiurmt. Der Hauptbetrag dieser Summe soll zur Errichtung eines Stifts für Freiwohnungen verwendet werden. Diese Stiftung, welche bedürftigen hiesigen Gemeindemitgliedern mietefreie Wohnung gewähren soll, wird zum Andenken an die Eltern des Stifters sowie an den' Testator und dessen Gattin selbst den Namen „Hesse-Stiftung" führen. Die Realisierung der gesamten bedeutenden Hinterlassenschaft wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Die „Hesse-Stiftung" erhielt als erste Teilzahlung 120000 Mark, das jüdische Krankenhaus 3000 Mark, die Talmud Tora-Nealschule 22500 Mark, der Frauenverein zur Unterstützung armer Witwen 3000 Mark, die Verwaltung des Begräbnisplatzes Langenfelde 2250 Mark, der Verein zur Unterstützung armer Greise 750 Mark, das jüdische Hospital in Frankfurt am Main 1500 Mark und die israelitische Gemeinde unserer Nachbarstadt Wandsbeck 2250 Mark. Diese Beträge sind etwa die Hälfte der den obigen Institutionen testierten Summen. Nach Realisierung des Nachlasses werden sowohl die „Hesse-Stiftung" wie die übrigen Institutionen nochmals die gleichen Beträge erhalteil. B. Köln, 18. März. In ihren resp. Sitzungen vom 16. d. M. nahmen der Vorstand (mit 6 gegen 1) und die Repräsentanten (mit 10 gegen 5 Stimmen) den Antrag aus Einführung einer Orgel in die Roonstraßen-Synagoge an, nachdem sich in denselben Sitzungen Rabbiner Dr. Frank gutachtlich dahin ausgesprochen hat, daß der Einführung ein Religionsgesetz nicht entgegenstehe, während Rabbiner Dr. Rosenthal den gegenteiligen Standpunkt vertrat. Damit ist diese Angelegenheit, die seit mehreren Jahren die Gemüter beschäftigte, zum vorläufigen Abschluß gelangt, und zwar deswegen nur zum vorläufigen Abschluß, weileine Anzahl Repräsentantemund Vorvorstandsmitglieder der Minderheit Protest gegen den- Beschluß einlegte mit der Begründung, daß durch denselben ein Religionsgesetz verletzt sei, den sie mit Kapitel 18, Vers 3, im 3. Buch Mose bezw. mit Schulchau Aruch, Iore Deal), Kapitel 278 (Chukkaus hagoi), sowie mit Talmud Babl. Traktat Sukkah Fol. 51a begründen. Hierüber hat nun eine Kominission von 3 auswärtigen Rabbinern zu entscheiden, von denen je einer durch den Vorstand, durch die Repräsentantenversammlung und durch die Protesterheber gewählt wird. Die Verhandlungen der Repräsentantenversammlung waren bei aller scharfen Kennzeichnung der Gegensätze unter der vorzüglichen Leitung des Vorsitzenden Herrn Sally Bielefeld von einer der Bedeutung der Sache angepaßten Würde getragen. Ob der Protest irgend welche praktische Bedeutung haben wird, erscheint uns sehr fraglich, nachdem die Orgel unbeanstandet in den Gottesdienst von fast, allen Mittel¬ und Großsynagogengemeinden Deutschlands bereits seit Jahrzehnten eingeführt worden ist und sich überall als ein zur Verschönerung und Hebung des Gottesdienstes unentbehrlicher Faktor bewährt hat. -- München, 11. März. Der Rechtsanwalt Juftizrat Ofner hatte im. Aufträge eines Mandanten eine Forderung gegen den . Schriftsteller Sigmund v. Poißl beizutreiben. Das nahm Herr v. Poißl sehr krumm auf und schrieb an den .Justizrat, der Israelit ist, einen Brief, in dem er von einer „Knoblauchkanzlei" und davon -sprach, daß der Anwalt an einer Hetze gegen ihn teilnehme. Der Briesschreiber hatte sich heute vor dem Schöffengericht am Amtsgericht - München I. wegen Beleidigung zu verantworten. Er lehnte, allerdings erfolglos, einen Schöffen mosaischen Glaubens wegen Besorgnis r .der Befangenheit ab und kehrte den Antisemiten so stark hervor, das; er vom Amtsrichter energisch zur Ordnung erinahnt werden mußte.

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