Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1904)
- Date
- 1904-03-25
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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, eingestellt werde/ so daß sich selbstverständlich Ueberschüsse ergeben müssen. Die Ueberschüsse werden u. a. für die Unterhaltung des Krantenhaüses Verwendung finden, für den Umbau des Hauses in der Heidereutergasse, welches nach der Verlegung der Mädchenschule für Gemeindebureaus in.Anspruch genommen werden soll. Gegen den Wunsch Weinbergs, den aus den Ueberschüssen der Jahre 1891 bis 1902 gewonnenen Betrag, der für die nächsten drei Jahre mit je 110 000 Mark in Einnahmen eingestellt ist, zu streichen, wendet sich Vorsteher Martin Simon. Letzterer gibt an, daß an Ueberschüssen bereits 607 000 Mark vorhanden seien, und daß die Gemeindeverwaltung gar nicht berechtigt sei, Ueberschüsse in dieser Höhe weiter zu führen, ohne den Gemeindemitgliedern etwas herauszugeben. Ein Teil der Ueberschüsse könne verwendet werden,'ein anderer Teil müsse in Reserve bleiben: das müsse der Standpunkt eines guten Hausvaters sein. In den letzten zehn Jahren sei so manche Ausgabe gemacht worden, die nicht in dem Etat gestanden hätte, und auch jetzt müßten verschiedene Ausgaben gedeckt werden. Die Frage nach dem Bau von-Synagogen habe mit dem Etat an sich nichts zu tun. Falls die Synagogen sich als notwendig erweisen, so werde es sich immer nur darum handeln, die Zinsen für die aufzunehmende Anleihe herbeizuschaffen. Der Etat sei so eingestellt, daß für alle notwendigen Zwecke Gelder vorhanden sein werden. Der Zinssatz von zwei Prozent, welchen die Gemeinde erhält, wird von Herrn Weinberg als sehr niedrig^befunden, doch gibt Herr Jacoby die Aufklärung, daß von den Banken bei dreimonatlicher Kündigung des Kapitals keine höheren Zinsen-gezahlt werden. Als Ertrag aus der Synagoge Nykestraße sind schätzungsweise 15000 Mark eingestellt worden, der Erlös aus Erbbegräbnissen ist mit 40 000 Mark veranschlagt worden. Auch die Forderung, die Gesamteinnahme der Friedhofseinkünfte in den Etat einzustellen und dem Reservefonds, der bereits auf 350000 Mark angewachsen ist, nichts mehr zuzusühren, fand keine Billigung. Herr Weinberg vertritt die Ansicht, daß wir, was wir brauchen, uns selbst schaffen müssen, aber für die Zukunft nicht zu sorgen haben. Vorsteher Martin Simon wies diesen Standpunkt als unrichtig zurück und zeigte, daß Staat und Stadt analog Vorgehen und durch ihre Amortisationen für die Zukunft sorgen. Vorsteher Netter rechnete aus, daß unsere Nachkommen von dem Reservefonds nicht mehr viel haben werden: ein Terrain an der nördlichen Grenze des Friedhofs in Weißensee, dessen Erwerbung dringend notwendig sei, koste 90 000 M., eine zweite Zufahrtsstraße zum .Friedhof 58000 Mark, die Anlage der Straße 60000 Mark, endlich werde binnen zwei Jahren die Errichtung einer zweiten.Kapelle erforderlich werden. Aus den Einnahmen des Etats geben wir noch folgende Zahlen des Haupttitejs. Es find für die drei nächsten Jahre eingestellt die Einkünfte aus Grundstücken mit je 199925 Mark, der Ueberschuß aus Trauungen mit je 3000 Mark. An Beiträgen von Gemeindemitgliedern sind veranschlagt 1904/05 1 381 434,94 Mark für 1905/06 1423 028,85 Mark, für 1906/07 1 473 274,77 Mark. Der Gesamtetat balanziert in Einnahme und Ausgabe für 1904/05 mit 1 725 250 Mark, für 1905/06 mit 1 764 644 Mark, für 190607 mit 1 812 690 Mark. An Ausgaben sind als erforderlich geschätzt an Zinsen aus unkündbare Schulden für die Etatsperiode jährlich je 1792 Mark, an Zinsen aus Hypotheken und sonstige Schulden für 190405 287 570,59 Mark, für das zweite Jahr 306.159,84 Mark, für das dritte Jahr 344 694.84 Mark. In die letztgenannten Summen sind die Zinsen für die Anleihe zum Bau des Krankenhauses einbegriffen und zwar für das erste Jahr mit 40000 Mark, für das zweite mit 60 000 Mark und für das dritte Jahr mit 100 000 Mark. An Amortisationen wurden eingestellt 37 200 Mark resp. 38 700 Mark resp. 40100 Mark. Der Titel III Gehälter und Pensionen wurde wegen der , Personalien in die geheime Sitzung verlegt. Berlin, 21. März. In dem unglücklicher: Gefechte bei Owikokorero am 13. d. Ai. ist unter den sieben Offizieren auch ein Jude vor den Hereros gefallen. Es ist dies der Leutnant der Reserve Josef Bendix, dessen Einberufung wir vor kurzem gemeldet haben. Derselbe'wurde 1874 geboren zu Dülmen (Kreis Coesfeld) in Westfalen und widmete sich dem Studium des Eisenbahnbaufaches. Nachdem er im vorigen Jahre zum Regierungsbaumeister ernannt worden war, ging er, von seiner Vorgesetzten Behörde beurlaubt; im Dienste her Firma Arthur Koppel zum Bau der Otavibahn nach Deutsch-Südwestäfrika. Nach dem plötzlichen Ausbruche des Herero- Aufstandes wurde er zur kaiserlichen Schutztruppe eingezogen. Bendix hatte seiner Dienstpflicht in Bayern genügt, dem einzigen Bundesstaate, in dem noch heute auch ein Jude auf gerechte Würdigung seiner militärischen Leistungen hoffen darf. Dank seiner Tüchtigkeit wurde er Leutnant der Reserve im "Königlich Bayerischen 1. Pionier-Bataillon. Nun hat er seine Pflicht gegen das Vaterland mit seinem Leben besiegelt, einem Leben, das bei den hervorragenden Eigenschaften des Gebliebenen zu den schönsten Hoffnungen berechtigte. Werden angesichts dieses Todes auf dem Felde der Ehre die Antisemiten fortfahren, die militärische Brauchbarkeit der Juden höhnisch in Zweifel zu ziehen? Wird auch weiterhin alles getan werden, um den Juden, die in der Stunde der Not gleich allen anderen Deutschen für das Vaterland kämpfen, die Freude an diesem Vaterlande zu schmäler::? 2L Berlin, 18. März. Der Hilssverein der deutschen Juden hielt seine Generalversammlung am 13. d. M. im Saale des Hotels „Prinz Albrecht" unter dem Vorsitz des Herrn James Simon ab. Der Jahresbericht gelangte zur Verteilung und Stadtverordneter Dr. Nathan gab der Versammlung eine Uebersicht über die Geschäftsführung. Die Mitgliederzahl des Vereins stieg von rund 3000 am Ende des Vorjahres auf 5900 am Schlüsse von 1903, und die Einnahmen des Vereins inkl. der Spezialsammlungen erreichten die erfreuliche Höhe von 950 000 Mark. Eine außerordentlich wichtige Vermehrung haben die Mittel des Vereins durch eine Reihe großer Zuwendungen erhalten. Die Hinterbliebenen der Frau Johanna Meyer, geborene Alexander, haben - durch Vermittlung des Herrn Justizrats Cassel dem Verein eine Spende von 1500 Mark zukommen lassen. Die verstorbene Frau Baronin Cohn-Oppenheim, die auch zu den immerwährenden Mitgliedern des Vereins gehörte, hat zu Händen des Herrn Dr. Paul Nathan ein Legat von 300 000 Mark hinterlassen, das den Zwecken des Hilssvereins der deutschen Juden zu dienen bestimmt ist. Herr Dr. Paul Nathan hat eine besondere Stiftung zur Errichtung und Subventionierung jüdischer Schulen in: Orient eingesetzt. Endlich hat die am 14. August 1882 vom deutschen Zentralkomitee für die russisch-jüdischen Flüchtlinge eingesetzte Kommission, bestehend aus den Herren Rechtsanwalt Makower, Justizrat Breslauer und Emil Masse, die verbliebenen Gelder in: Betrage von ca. 25 000 Mark den: Hilfsverein der deutschen Juden überwiesen. Der Redner führte aus, wie die Tätigkeit des Hilfsvereins sich in diesem Jahre besonders den unglücklichen Glaubensgenossen in Rußland habe züwenden Müssen, deren trauriges Los durch die Vorgänge in Kischinew eine schreckliche Illustration erfahren habe. Mit größerem Erfolge konnte der Hilfsverein in Galizien tätig sein. Die Einführung von Hausindustrie hat sich dort außerordentlich bewährt, und Tausende von jüdischen Arbeitern und Arbeiterinnen finden jetzt ihr Brot, die früher trotz besten Willens keine Arbeit zu erhalten vermochten. Ferner ist auf einem Delegiertentage aller beteiligten Vereine eine Organisation zur Bekämpfung des Mädchenhandels, geschaffen worden, von deren Tätigkeit man sich viel versprechen darf. Endlich hat man die Ausbildung von jüdischen Knaben zu tüchtigen Handwerkern in Westösterreich in größerem Umfange in die Hand genommen.- In Rumänien nahm sich der Hilfsverein einiger Privatschulen tatkräftig an, weil dort bekanntermaßen die Negierung die jüdischen Schüler aus den Staatsschuleu ausschließt. Die Generalversammlung erteilte einstimmig Decharge . und genehmigte den vorgelegten Bericht. Eine.Diskussion entspann sich nur über die religiöse Richtung der vom Verein subventionierten Schulen, worüber der Vorstand die Interpellanten nach jeder Richtung beruhigen konnte. Alle Redner aus der Versammlung sprachen dem Vorstand für seine Tätigkeit im allgemeinen und' insbesondere für sein Eintreten in der Kischinewer Angelegenheit ihren Dank aus. Berlin, 16. März. Zahlreichen Wünschen des Lesepubliknms entsprechend, wird die „Jüdische Lesehalle- und Bibliothek", Oranienburgersträße 28, vom 1. April d. I. ab wie früher geöffnet sein. Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag von 1 bis 5 Uhr nachmittags, Sonnabend und Sonntag von 11 Uhr-Vormittags bis 2 Uhr nachmittags; außerdem Dienstag, Sonnabend und Sonntag von 7 bis 10 abends.