Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1904)
- Date
- 1904-03-25
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228581-3228595--60693-3274474- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
_ _ Der Anrtsanwalt Beantragte 200 Mark Geldstrafe, der Angeklagte Freisprechung; das ltrteil lautete auf 150 Mark Geldstrafe, eventrieA 30 Tage Gefängnis. 1. Fürth, 11. März. Unsere Gemeinde beklagt den Verlust eine^' ausgezeichneten Mannes. In Schweinsurt, wohin er sich in den. letzten Jahren zurückgezogen, ist Dr. Samuel Dessau, ein geborener Hamburger, der ein Vierteljahrhundert Direktor der „Israelitischen Bürgerschule" hier war, nach schweren Leiden im hohen Greisenalter verschieden. Sein Verdienst war es, daß die königliche Regierung die Anstalt als vollberechtigte Realschule anerkannte und die Reichsbehörden 1882 dem Leiter der Anstalt das Recht zur Aus-? stellung von Zeugnissen für den Einjährig-Freiwilligen dien st verliehene Vorher war Dessau acht Jahre lang Lehrer an der Realschule der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt a. >M., wo er den naturwissenschaftlichen Unterricht leitete. Ein Sohn des Verblichenen ist der Historiker Professor Dr. Dessau in Berlin, ein anderer ist Professor in Florenz, ein Schwiegersohn Rabbiner Dr. Stein in Schweinsurt. Wie sehr der Heimgegangene auch selbst seine Verdienste und Leistungen verbarg, so wußte man doch auch in fernerstehenden Kreisen das Wesen und Wirken des Mannes nach seinem wahren Wert zu schätzen. Dessau gehörte zu den seltenen Männern, die arbeiten und schaffen nicht um des Lohnes und der Anerkennung willen, sondern in der Pflichterfüllung selbst ihre Befriedigung finden, zu den Männern, die der ihm erwählten guten Sache mit Ueberzeugung dienen, ohne , sich durch persönliche Rücksichten leiten zu lassen. Das Leichenbegängnis fand hier, aus den eigenen Wunsch des Verblichenen, ohne jede Anzeige und Grabrede, aber unter'sehr zahlreicher Beteiligung'statt. Aber das Andenken an den vortrefflichen Mann wird in dem Kreise, den er ausgefüllt, in dankbarer Erinnerung sortleben. — Karlsruhe, 20. März. Der großherzogliche Oberrat der Israeliten hat an die Rabbinate, Shnagogenräte und Religionslehrer folgendes Sendschreiben erlassen: „In manchen größeren israelitischen Gemeinden bestehen Bibliotheken für Erwachsene und für die Jugend^ die bei geeigneter Auswahl der Bücher und fleißiger Benützung einen wohltätigen Einfluß auszuüben vermögen. Mittlere und kleinere israelitische Gemeinden werden jedoch nur ausnahmsweise in der Lage sein, derartige Bibliotheken anzulegen und das Interesse daran durch Neuanschaffungenlebendig zu erhalten. Um auch solchen Gemeinden die Vorteile einer guten Büchersammlung zugänglich, zu machen, haben wir die Errichtung einer Wanderbibliothek beschlossenem der belehrende und unterhaltende Bücher und Schriften für Erwachsene und für die Jugend, sowohl allgemein bildender Art, als auch besonders Erzählungen aus der jüdischen Geschichte und aus dem jüdischen Familienleben enthaltend, ihren Platz finden sollen:'- Diese Wanderbibliothek wird vorerst 10 Serien (Abteilungen zu je etwa 25 Werken) umfassen, die von hier ans an zehn Gemeinden zur Benützung während eines halben Jahres versendet werden. Nach Umfluß dieser Frist erfolgt die Rücksendung an die hiesige Zentralstelle, welche die Wiederverfendung in der Weise vornimmt, daß jeder Gemeinde eine andere als die bisher benützte Serie zügelst. Vorbedingung ist, daßin der Gemeinde der Rabbiner, der Lehrer oder eine sonstige geeignete-Persönlichkeit das Amt des Bibliothekars übernimmt. Die Synagogenräte derjenigen Gemeinden, welche in den Turnus der Wanderbibliothek einbezogen zu werden wünschen, mögen sich unter Bezeichnung des in Aussicht genommenen Bibliothekars binnen vier Wochen bei uns melden." Gesterreich-Anssm. LH Wien, 21. März. In unserem Abgeordnetenhause geht es wieder einmal recht tumultuös zu, nur sind es diesmal nicht die Juden, die beschimpft werden, sondern die Schlacht tobt zwischen Deutschen, Deutschnationalen und Czechen, und wir können also aus-> nahmsweise die unbehelligten Zuschauer abgeben. — Einen rühmensE werten Fortschritt der Gesinnung bekundet der Ausgang der Ge-, meindewahlen in St. Pölten und Baden, wo zumeist fortschrittliche Kandidaten gewählt erschienen und die Christlich-Sozialen trotzt ungeheurer Anstrengung in der Minderheit blieben. — Der Kaisen hat dem Advokaten Dr. S. Groß den Orden der Eisernen Krone 3. Klasse verliehen und den bekannten Privatdozenten Dr. Leon Kellner zum außerordentlichen Professor an der Universität in Czernowitz ernannt. — Das Dekanat der theologischen Fakultät an der Wiener Uruversität hat.ans den Erträgnisse:: der Lackenbacherschen Universitätsstiftüng ein 'Reisestipendium ausgeschrieben, das zur wissenschaf t li chen Erschließung P al ästinas. und .dadurch -zur Vertiefung des Bibelstudiums verwendet werden soll.t Das 4000 Kror:en betragende Reisestipendium soll vorzugsweise an .Dozenten, .Supplenten oder außerordentliche Professoren des Bibelstudiums verliehen werden, kann aber auch an einen katholischen Priester zur Auszahlung gelangen, wenn er den sonstigen Bedingungen entspricht. — Infolge eines Erlasses der mährischen Statthalterei wurde Dr. Salomon Funk, Rabbiner in Boskowitz, auf Ansuchen des Landesrabbiners Dr. B. Placzek zum Landesrabbiner-Stellvertreter ernannt. . Von MH und ftm — Zum Mitglied des Kuratoriums der Lehranstalt für die Wissenschaft des . Judentums wurde an Stelle des ausscheidenden Herrn Professor Dr. M. Philipp so n Herr Geh. Negierungsrat Professor Dr. Cohen-Marburg, in den wissenschaftlichen Beirat der Zunzstiftung Herr Dozent Dr. E. Baneth gewählt. — Am 18. d. M. ist hier der Konzertmeister und Kammermusiker des Fürsten von Hohenzollern, Julius Stern nach kurzem Krankenlager gestorben. — Der Senat und die Genossenschaft der Ordentlicher: Mitglieder der Akademie der Künste, Sektion für die bildenden Küirste, haben als zuständige Preisrichter von den Stipendien der Michael Beerfcher: Stiftungen das im Betrage von 2250 Mark zu einer einjährigen Studienreise nach Italien dem Maler Sigmund Lipinskh verliehen. — Der antisemitische Abgeordnete Fröhlich hat die Absicht ausgesprocher:, auch in dieser Session den Antrag betreffend ein Schächtverbot von neuem, im Reichstage einzubringer:. — Von den ausgewiesenen russischen Studenten sind nur Mandelstamm, Silberfarb, Syrkin, Bärfou, Bärrnann, Nöfsohn Juden. — In Breslau ist die Stelle eines Schularztes zum ersten Mal mit einer Dame, Fräulein Dr. Therese Oppler besetzt worden. An der Breslauer Universität promovierte am 21. d. M. Frl. Paula Philippfon, die Enkelin des sel. Dr. Ludwig Philippson, zum Dr. med. Die junge Dame ist die Enkelin und Tochter eines Arztes. Ihr Großvater väterlicherseits war ihr Großoheim, der bekaimte Dr. Phöbus Philippson, ihr Vater der jungverstorbene Dr. Moritz Philippson in Magdeburg. —Die Hiilterblicbenen des Herrn Max Böhm in Zaborze haben zum bleibenden Gedächtnis an den Entschlafenen 1000 Mark der israelitischen Kinderheilstätte Königsdorff-Iaftrzemb, die in Gleiwitz ihren Verwaltungssitz hat, zugewendet. — An der Jacobson-Schule (berechtigte Realschule mit realproghmnasialer Abteilung) in Seesen hat die Reifeprüfung unter dem Vorsitz des als herzoglichen Regierungskommisfars fungierenden Schulrats Professors Dr. Brandes aus Wolfenbüttel stattgefunden. 23 Schüler der ersten Klasse haben die Prüfung mit Erfolg bestanden und dadurch die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst erworbeir. — Seminardirektor a. D. Dr. Plato in Köln hat den Roten Adlerördeu IV. Klasse erhalten. — Lebhaftes Interesse, so schreibt die „Wormser Ztg.", wird in weiten Kreisen die Ernennung des Gerichtsassessors May zum stellvertretenden Amtsrichter in Osthofen Hervorrufen. Mit dieser Ernennung fällt der Vorwurf, daß man in Hessen prinzipiell keine israelitischen Richter in Dienst stelle, in sich zusammen. — In Gothenburg ist am 19. d. M. im hohen Alter der frühere Rabbiner der dortigen Gemeinde Dr. M. Wolf gestorben. Derselbe war vorher in Culm. Bekannt sind seine Schriften „Die Philonische Philosophie", „Muhamedanische Eschatologie" und die Ausgabe der „Acht Kapitel" Maimnnis. Ehre seinem Andenken! — Dr. jur. Astruc, Chef des Präfekturkabinetts, ist zum Unterpräfekten von .La Palisse ernannt worden. Das ist soviel, wie in Preußen Regierungspräsident! — In Paris ist der Senator und frühere Justizminister Lud ovic Trarieux, einer der wackersten Streiter im Dreysuß-Prozeß, ein warmer Freund der Juden, gestorben. 'Ehre seinem Andenken! — In Wärsch a u sind gegenwärtig 385 jüdische. Bethäuser.—Der Ansbruch einer Judenhetze istjetztleider auch in Athen zu befürchten. Den Anlaß hierzu bietet ein von einem Israeliten begangener RaubiNord. Aus Erbitterung darüber schleuderte, wie ans Athen gemeldet wird, die Menge Steine gegen die Wohnung des Mörders.' Die israelitischen Geschäfte wurden geschlossen, starke Truppenabteilungen bewachten das Iudenviertel. WeitewMeldnngen fehlen. < ,'