Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1904)
- Date
- 1904-03-25
- Page
- Seite 156 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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15G .Ihnen gegenüber den großen Gedanken, für die Sie lebten und' arbeiteten. In trüber Zeit, unter schwierigen und engen Verhältnissen, in mühevoller, aufreibender Tagesarbeit haben Sie Ihren Glaubensgenossen mehr genützt als viele andere, die laut gerühmt und gepriesen werden. Sie sind eben der rechke und echte Journalist von Gottes Gnaden, wie Freytag ihn in seinem bekannten Drama schildert, der still und unbemerkt an der großen, lvelterlösenden Aufgabe arbeitet und sich aufreibt, „das Brot der Zukunft zu backen." Nun, so sei es.Ihnen beschieden, noch lange dieses Amtes zu walten? Möge die Zahl Ihrer Abonnenten so groß sein „wie der Sand am Meere"; möge die Schaar Ihrer Mitarbeiter so zahlreich werden, wie die des ersten jüdischen Journals, dessen Ausspruch ich oben zitiert habe! Möge es Ihnen auch vergönnt sein, die Erfüllung Ihrer zionistischen Träume zu erleben! . . . Und wenn Sie in stolzem Zuge als Führer etwa des V. Armeekorps nach der Urheimat der Väter ziehen, vergessen Sie dann auch nicht Ihres armen nichtzionistischen Freundes und legen Sie bei den dermaligen Machthabern ein gutes Wort ein für Ihren Sie herzlich liebenden G. IC. Litersrilchr Mitteilungen. ----In der > hiesigen „Gesellschaft für deutsche Literatur" gab es in der letzten Sitzung am 16. d. M. ein interessantes Intermezzo. Dr.,H. H. Ho üben sprach über das Verhältnis der Zeitgenossen zum SelbstmordeHeinrichs v. Kleist und kam dabei auf das Schlußkapitel des vielbesprochenen Kleistbuches von Neinhold Steig, einer Darstellung, in der die literarischen Treibereien, die der Katastrophe folgten, ausführlich behandelt sind, und dessen Schilderung der „christlichpatriotischen Gesellschaft" in Berlin aber auch manchen Widerspruch hervorgerusen hat. In diesen: Kapitel ist insbesondere von den gehässigen Aufsätzen gegen Kleist die Rede, die kurz nach dem Tode des Dichters in dem damals höchst einflußreichen „Stuttgarter Morgenblatt" erschienen fütb und die von dem „christlich-germanischen", antisemitisch angehauchten Kreise der Fouquö, Arnim rc., in dem auch Kleist zuletzt verkehrte, den: Berliner Korrespondenten des „Morgenblatts", dern Journalisten Dr. Saul Ascher, einein Juden, Zugeschrieben wurden. Darauf bezieht sich auch eine Stelle in einem uns erhalten gebliebenen, unvollendeten Konzept eines Briefes, den Achim v. Arnim an das. „Morgenblatt" senden wollte mrd tu dem es heißt, daß die Verunglimpfungen des toten Kleist nur aus einer „jüdischen Feder" fließen konnten. Der Annahme der Autorschaft Aschers, die Steig auffrischt, stand und steht freilich der Umstand im Wege, daß im zweiten jener gehässigen Aufsätze Saul Ascher selbst in antisemitischem Sinne angegriffen und verspottet wird. Aber das nahm man — überaus findig! — für einen Kniff, durch den Ascher seine Autorschaft maskieren wollte, um desto sicherer aus dem Hinterhalte seine giftigen Pfeile abschnellen zu können. Diesen tendenziösen Annahmen setzte Dr. Houbon in seinen: interessanten Vortrage die Erklärung entgegen, daß Saul Ascher mit jenen Schmähaufsätzen nichts zu schaffen hatte, und daß die letzteren von dem Redakteur und Hauptmitarbeiter des „Stuttgarter Morgenblattes", Ehr. F. Weisser herrühren, einem Mann, der nicht nur von „reinster" christlich-arischer Abstammung war, sondern sich auch mit Vorliebe! in antisemitischen Angriffen und Spöttereien erging. Der j Vorsitzende der Gesellschaft für Literatur Professor Erich Schmidt, der die Debatte über diese Mitteilungen einleitete, ersuchte den Vortragenden, den Beweis für seine Behauptung zu erbringen. Dr. Houben erwiderte daraus, daß er das Beweisstück vorläufig in der Tasche behalten, aber durchaus keinen Grund habe, es vor der Versammlung zu verbergen. Und damit legte er — zur allgemeinen Ueberraschung — ein allerdings unwiderlegliches Argument „auf den Tisch des Hauses" nieder, nämlich die gesammelten Aufsätze von F. Weisser, in denen die Schmähaufsätze gegen Kleist als Abdruck aus dem „Morgenblatte" enthalten sind, also ein Buch, in den: sich Weisser so offiziell wie möglich zur Autorschaft dieser gehässigen Nekrologe bekennt. Man darf wohl darüber staunen, daß diese nicht eben allzu versteckte Tatsache Herrn Professor Steig entgangen war. So steht Saul Ascher völlig gereinigt von einem antisemitischen Verdachte da, der vor säst einem Jahrhunderte austanchte und kürzlich wieder breit in die Erscheinung trat; ein Stück „mythenbildender Substanz" des literarischen Antisemitismus hat sich wieder in eitel Dunst aufgelöst. Wir kommen auf die Sache noch zurück. Sx-rechsaal. Sehr geehrte Redaktion! us der heute erschienenen Nr. 21 der „Deutschen Bauzeituug" ist zu entnehmen, daß die Shnagogengenieinde Posen einen engeren Wettbewerb für Erlangung von Plänen zur Erbauung eines neuen Gotteshauses ausschreibt. Ich glaube, Sie würden im Interesse der Gemeinde handeln und sich den Dank zahlreicher Glaubens- und Berufsgenossen erwerben, wenn Sie die öffentliche Aufmerksamkeit in: Sinne der nachstehenden Ausführungen auf diesen Vorgang lenken würden. Es ist bekannt, daß die zahlreichen jüdischen Architekten Deutschlands von allen Kirchenbanten und fast allen großen staatlichen und kommunalen Bauaufgaben teils grundsätzlich, teils tatsächlich ausgeschlossen sind. Dazu kommt, daß uns der mehr oder minder offene Antisemitismus die private Tätigkeit fast ebenso erschwert, wie er uns ja die Stellungen in den öffentlichen Bauverwaltungen verschlossen hat. Man sollte es deshalb für eine Ehrenpflicht der jüdischen Gemeinden halten, in den seltenen Fällen, daß sie monumentale Bauten auszuführen haben, der jüdischen Architektenschaft Gelegenheit zu geben, ihre tatsächlich großen Fähigkeiten einmal an größeren Aufgaben zu bewähren. Wird in irgend einem größeren Ort ein Kirchenbau geplant, so werden fast regelmäßig alle evangelischen bezw. katholischen Architekten des Reiches oder der Provinz zum Wettbewerb aufgesvrdert. Die Posener Synagvgengemeinde baut eine Synagoge für 1800 Plätze auf einem „äußerst glücklich gewählten Bauplatz". Das ist eine Monumentalaufgabe ersten Ranges, die einer intensiven Bearbeitung durch alle berufenen Kräfte wohl wert ist. Und wie soll diese Aufgabe nach den Absichten der Posener Gemeinde gelöst werden?! Inden: neun Künstler zu einen: engeren Wettbewerb eingeladen werden, von denen sicher drei, wahrscheinlich aber sechs, Nichtjuden sind. Es ist unerfindlich, wie man in Posen zu dieser merkwürdigen Auswahl gekommen ist. Es ist daher wohl gestattet, an eine besser zu unterrichtende Gemeinde zu appellieren, und die Aufhebung dieses Wettbewerbes zu erbitten, der augenscheinlich in Unkenntnis der bestehenden Verhältnisse und der bei anderen öffentlichen Körperschaften bestehenden Gepflogenheiten erlassen ist. Man schreibe einen öffentlichen Wettbewerb aus unter allen jüdischen Architekten Deutschlands mit angemessener Frist und unter Beobachtung der Wettbewerbsgrundsätze^ der Architektenvereine. Dadurch wird nie:nand geschädigt, die deutschen Architekten jüdischen Glaubens erhalten eine vorzügliche Gelegenheit, ihre Kräfte zu zeigen, und die Synagogengemeinde in Posen hat die sichere Aussicht, durch den geschärften Wettbewerb um eine sehr lockende Ausgabe eine ganze Anzahl trefflicher Baupläne zu erhalten. Möge überall, auch in Berlin, die öffentliche Meinung, mögen die Gemeindemitglieder, die doch schließlich die Kosten dieser großen Werke tragen, energisch ihre Ansicht kundgeben', daß das bisherige Verfahre,:! weder notig noch nützlich ist, daß es in ihrer Absicht liegt, vor allem! jüdische Architekten und alle jüdischen Architekten zur Mitarbeit heranzuziehen und ihre durch Mißgunst, Brotneid und Glaubenshaß so arg beengten Kräfte für das Gemeindeinteresfe nutzbar zu machen! Berlin, 12. März 1904. Ein jüdischer Architekt. Druck und Vertag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.