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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-03-25 · Heft 13 (25.3.1904) · p. Seite 155

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 13 (25.3.1904)
Date
1904-03-25
Page
Seite 155 (sequence 11)
Language
German
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sogar besser. Und meine Leser sind sicher die allerbesten. Ich wünschte nur, daß ihrer — noch viel mehr wären. Sie auch? Nicht wahr. ' Zwischen dem jüdischen Lesepublikum und seinem Redakteur bildet sich mit der Zeit ein gewisses familiäres Verhältnis heraus. Der Abonnent kennt den Mann oder will ihn wenigstens kennen lernen, der für ihn die religiöse Kost zurecht inacht, und er vertraut ihm oft seine diskretesten Abonnentensorgen an. Mein Papierkorb könnte davon merkwürdige Dinge erzählen. Ich will nur eine kleine Vlumenlese hier geben. Ein Mann aus einer kleinen elsässischen Gemeinde, in der keine höhere Schule ist, wünscht von mir eine Gouvernante für seine Tochter, ein anderer aus einer rheinischen Gemeinde verlangt Auskunft, über einen Schauchet, ein armer jüdischer Lehrer möchte Stipendien für seinen Sohn'haben, der im nächsten Quartal die technische Hochschule besuchen will, ein Arzt will und zwar umgehend eine genaue Bibliographie solcher Werke, die sich mit der Medizin bei den Juden beschäftigen, ein fünfter verlangt — er ist „treuer Abonnent seit 15 Jahren" — daß ich ihn als Rabbiner nach £., wo der frühere Rabbiner noch kaum beerdigt ist, so warm wie möglich empfehle. Selbstverständlich habe ich den Mann in meinem Leben noch nicht vor mir gesehen. Einen sechsten soll ich umgehend darüber beruhigen, ob Palmin koscher sei, dagegen will eine Hausfrau genau wissen, ob eingemachte Früchte wirklich mit Mondamin schinackhaft herzustellen sind. Und das alles ist noch ein Kinderspiel 'gegen den Mann, dem ich schleunige Auskunft über Charakter, Verhältnisse, Familie, Einkommen re. eines Jünglings geben soll, den er sich zum Schwiegersohn erkoren, oder gegen den Kantor (er ist seit „dreißig Jahren Abonnent der Zeitung"), dem ich fein Los II. Klaffe in der Königlich Preußischen Lotterie gegen ein solches der dritten ja noch bestimmt vor der Ziehung Umtauschen möchte. Aber was will das alles sagen gegenüber den vielen Rekriminationen und Klagen, die so viele „geneigte Leser" tagtäglich erheben! Dem einen ist der Leitartikel zu scharf, dem anderen zu schwach; dem einen ist der Inhalt des Blattes zu gelehrt und dem-anderen viel zu seicht; der eine findet die Novelle wundervoll und der andere scheußlich; der eine macht nur kühn den Vorwurf, daß ich Rischuß errege und Antisemitismus wecke, und der andere erklärt mir ebenso freimütig, daß ich ein Rückschrittler sei; der eine hält mich für einen Zionisten, wenn ich in einem Artikel zu Tischebeaw sage, daß wir noch viel Grund zur Klage um Zion hätten, und der andere sagt, ich sei ein Assimilant, wenn ich die Forderung erhebe, daß wir uns im Eisenbahnkoupee anständig benehmen sollen. Ein jüdischer Gemeindevorstand droht mir, wenn ich nicht einen Artikel gegen den entlassenen Rabbiner ausnehme, so würde er denselben an die „Staatsbürger-Zeitung" schicken; ein weggejagter Chasan verlangt ungestüm die Aufnahme eines Pamphlets gegen seinen früheren Parneß, und ein freisinniger Lehrer fordert für seinen Aufsatz gegen einen orthodoxen Rabbiner oder auch umgekehrt „schleunige Aufnahme". Selbstverständlich soll jeder dieser Artikel noch bestimmt und unverkürzt „in dieser Nummer" erscheinen. Am wichtigsten sind natürlich die Anzeigen, daß Herr Sender Glatteis in Leitomischel demnächst „das seltene Fest" der Silberhochzeit, oder der Herr Kantor Kasriel Peßachsohn das noch seltenere Fest seines fünfundzwanzigjährigen Amtsjubiläums begehen wird. Und dabei habe ich von den Besuchen gar nicht gesprochen, von dem Mann noch nicht, der ein Empfehlungsschreiben an einen reichen Bankier haben will, und auch von dem noch nicht, der für Erez Jisroel sammelt oder für die Jeschiwa in Radzhmin oder von dem Kollegen, dem gerade sein letzter Groschen ausgegangen, oder von. dem treuen Leser, der, da er gerade in Berlin zu Besuch bei seiner Schwiegertochter ist, den Redakteur des Blattes kennen lernen will, das er feit „vierzig Jahren" abonniert, dem er so viele schöne Stunden verdankt, während er dabei gar nicht bedenkt, daß er dem Redakteur eine ebenso schöne Arbeitsstunde raubt. ■ Das sind so die kleinen häuslichen und intimen Angelegenheiten eines jüdischen Redakteurs; vonden großen Känrpfen will ich. gar nicht reden, von den Kämpfen gegen nichtjüdische und jüdische Antisemiten, von dem Kampfe um unser Recht, um unsere Existenz, um unsere heilige Lehre, um das unveräußerliche Erbteil der Gemeinde Jakobs, von dem allen will ich nicht sprechen, um nicht pathetisch zu werden. Ich bin nun einmal heute in der humoristischen Laune und will mir diese nicht verderben lassen. Und ich habe ein gutes Recht zu dieser Laune. Draußen strahlt der Himmel im goldigsten Blau. Es ist ein Frühlingssonnentag, wie ihn schöner kein Dichter erschaffen kann. Rosige Wölkchen ziehen durch die Lüfte und bilden fo ein unsichtbares Band, daß mich mit all denen verknüpft, die mir lieb und teuer sind im Leben. Und in dieser Stimmung schreibe ich einen Glückwunsch für einen Kollegen und Freund, der in erfolgreicher Arbeit im Dienste der heiligsten Ideen sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum feiert. Und da sollte ich nicht guter Laune sein? Nein, lieber Freund, wir wollen uns unfern Frohsinn, unsere Heiterkeit, unfern altjüdischen Humor durch nichts trüben lassen, weder durch äußere, noch durch innere Feinde, weder durch unsere Mitarbeiter, noch durch die fehlenden Abonnenten. Wir haben uns so lange — Sie nun schon ein Vierteljahrhundert und ich noch länger — diesen Humor nicht trüben lassen durch eine ganze Fülle bitterer Erfahrungen, die jeder in feinem Kreise gemacht hat, und es wäre Torheit, wenn wir jetzt verzagen wollten. Nein, vertrauen wir dern guten Geiste, der uns so. weit geführt, und arbeiten wir rüstig, jeder an seinem Teile, weiter fort. Ihr Teil, mein lieber Freund, ist ja ins Liebliche gefallen. Wieviel Schweres und Bitteres Ihr Beruf auch mit sich bringen wäg, Sie haben eine große, eine schöne und dankbare Aufgabe. Und wie Sie dieser Aufgabe in den letzten fünfundzwanzig Jahren gerecht geworden sind, davon wird die Kulturgeschichte des Judentums einmal zu erzählen haben. Es ist ein schönes Wort, das der Talmud von dem Journalisten sagt. Von dem Journalisten? höre ich Sie staunend ausrufen. Nun, Sie kennen es ja ebenso gut wie ich. Es steht im Talmud Chagiga Seite 73 und lautet: ♦KnSD 112'X «mp mtw. Die Hüter einer Stadt — das sind die Schreibersleute darin! Nun, Sie haben dieses Hüteramts redlich und eifrig gewaltet wie kein anderer; mit wahrhaft genialer Kraft haben Sie die geheimsten Reize unserer heiligen Sprache ergründet und ihren Wortschatz in ungeahnter Weise bereichert. Mit einer Strenge ohne Gleichen, die aper der Würde der Sache völlig entsprach, unterwarfen Sie bei freiwilligen und unfreiwilligen Mitarbeitern den Wandel ihrer Zeitwörter einer strengen Kritik. Alles, was von verdächtigen Piets und Puals,. von falschen Hiphils und Hophals sich vorfand, wurde genau untersucht und unbarmherzig ausgemerzt. Dadurch haben Sie sich ein Verdienst um unsere Sprache erworben, das nicht hoch genug anzuschlagen ist. Aber, was noch mehr ist : Sie haben um die Kultur unserer Glaubensbrüder im Osten in harter Arbeit sich unvergängliches Verdienst erworben, in einer Zeit, in der die dortigen Juden aus der Nacht der Finsternis zum Lichte der modernen Kultur einporwuchsen. Alles Behagen des eigenen Lebens verschwand

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