Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1904)
- Date
- 1904-03-25
- Page
- Seite 154 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228581-3228595--60687-3274468- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sie hat einen schwer verletzten Arbeiter Tag und Nachtgepflegt, und der greise Professor sagte ihr:. „Der Mann verj dankt sein Leben Ihnen allein." Da ließ Dr. Weil sie in sein Sprechzimmer rufen. „Frau Erna, Sie haben jetzt höhere Pflichten als bei uns." - „Meine Mutter, Herr Doktor?" fragte sie leise. „Ja, Frau Erna, Sie allein sind vielleicht imstande, Ihre Mutter zu retten," und nun erzählte er der jungen Frau alles, das, was er bei ihren Eltern gehört hatte. > „Ich danke Ihnen, ..Herr Doktor, ich kenne meine Pflicht.? Ich kehre jetzt nach Hause zurück uud schwanke nicht mehr,? wieder Jüdin zu werden. Das Verlangen nach meiner früheren Religion stieg schon in meiner Krankheit vor der Scheidung > auf und wuchs immer mehr und mehr. Eine falsche Scharm hielt-mich bis jetzt vom Wiedereintritt ins Judentum zurück;^ da aber die Ausführung. meiner Mutter Genesung bringen, kann, zögere ich nun nicht mehr." Der Doktor sagte einfach: „Ihr Herz hat wieder denrichtigen Weg gefunden." — Erna kehrte nach Hause zurück, und ihre Mutter hörte, mit glücklichem Lächeln, daß sie wieder Jüdin werden wollte. — Heinrich machte noch längere Reisen', versicherte sich aber? vorher der Liebe der schönen Rumänin Ruth Borescu. Sie gestand dem entzückten Jüngling, daß sie ihn schon-, geliebt, als er auf dem Schiff wie ein Wesen höherer Art zu ihr getreten war und so teilnehmend und liebevoll mit ihr? geredet habe. Die Anwesenheit Ernas, die. ihrer Mutter nicht von der Seite wich, und deren Rückkehr zum Judentum, wirkten so wohltätig auf den Gesundheitszustand der Frau Berger, daß. ihre Wahnideen sie gänzlich verließen. Sie blieb aber tief, ernst- -sie konnte nicht mehr fröhlich werdendem geheimer, Druck schien noch auf ihren Gemüt zu lassen. Eines Tages war die Familie Berger um den Kaffeetisch , versammelt, als Doktor Weil eintrat. Erna fragte mit freundlichen Lächeln, ob sie ihrem früheren Chef nicht auch ein Täßchen anbieten dürfe, was gerne angenommen wurde, und zwischen den beiden entspann sich eine heitere Unterhaltung. Frau Berger sah dem zu. Plötzlich sagte sie traurig: „Herr Doktor,. mein Gewissen zwingt mich das auszusprechen, was ich jetzt denke. Wie glücklich könnte Erna heute fein, wenn sie nicht in törichter Verblendung damals die treue Hand, die sie durchs Leben leiten/ wollte, zurückgewiesen hätte. Und ich, ich war Schuld daran. Ich habe das arme Kind zu eitlen Leben erzogen und die verderblichen Wünsche in seinem Herzen aufkeimen lassen.- O, welche Vorwürfe muß ich mir jetzt machen!" Sie seufzte und Tränen traten in ihre Augen. Erna, die bei diesen Worten eine tiefe Bewegung nicht, bemeistern konnte, eilte verwirrt, erglühend, zu ihrer Mutter. Sie bat sie unter Küssen und Tränen, sich nicht mit diesen Selbstvorwürfen zu peinigen, denn sie habe ihr Geschick selbst verschuldet. Doktor Weil aber ergriff die Hand der Frau Berger und sagte mit seiner zu Herzen gehenden Stimme: „Gnädige Frau, Sie haben durch Ihre edle Fürsorge für die Armen und. Elenden Ihre Schuld gebüßt; die Menschen sollen für ihre. Verirrungen nicht ihr ganzes Leben lang leiden. Und . . . 5 was Gott-zusammenfügen will, wird sich zu seinem Glücke doch^ , noch finden, wenn auch auf wirren und verschlungenen Pfaden." Und er sah mit innigem Blicke zu Erna hin, in deren. Seele die süße Hoffnung auf ein kommendes Glück einzog. > Melier Lriek eines jüdikchrn Redakteurs an leinen Kollegen? Lieber Freund! estehen Sie es nur ein: unsere Orthodoxen haben ganz recht, es geschehen wirklich noch Zeichen und Wunder, wenn ein jüdischer Redakteur seinem Kollegen zum 25 jährigen Jubiläum gratuliert. Aber wer weiß, ob wir dieses Wunder erlebt hätten, wenn wir nicht glücklicherweise in verschiedenen Sprachen schrieben. Unsere Leserkreise sind ja gar zu verschieden, und der meinige kann leider Ihr Blatt kaum lesen, geschweige denn abonnieren. Mein Glückwunsch ist daher ein wirklich aufrichtiger und von Herzen kommender. . -Auf der anderen Seite kann eigentlich nur ein Kollege faktisch wissen, was ein solches Journalistenjubiläum zu-bedeuten hat. Noch besitzen wir keine Memoiren eines jüdischen Redakteurs. Die ganze jüdische Journalistik ist ja noch zu jungen Datums, und der einzige, der solche vielleicht hätte schreiben - können, der unvergeßliche Ludwig Philippson,. ist mitten in den Vorbereitungen zu seinem letzten Leitartikel aus dem Diesseits abgerufen worden. Das liebe Publikum hat ja keine Ahnung von den Leiden eines jüdischen Journalisten. Es liest seine Zeitung, meistens liest es sie überharrpt nicht, und denkt sich nichts däbeü Welche Schwierigkeiten aber auf dem Wege von einer Nummer zur anderen liegen, wie viel Sorge und Not, wieviel Aerger Und Kummer, davon hat es keine Vorstellung. Besäße es eine solche, dann würde es wahrscheinlich mehr Achtung vor der Journalistik haben, als dies leider der Fall ist. Ich wünschte z. B., daß meine Leser einmal den Inhalt' meines Papierkorbs auch nur von einem Tag kennen lernten. Sie würden vielleicht dann manches Versehen und manche - Fehler viel milder beurteilen, als dies gegenwärtig so selten geschieht. Billige Leser sollten vom jüdischen Redakteur nicht allzu viel verlangen. Sie sollten bedenken, daß der Allmächtige, der unsere schöne Welt geschaffen hat, nicht lauter italienische Seen und Schweizer Alpenketten in die Welt gesetzt, und daß inan. auch die Umgegend von Berlin oder Warschau dem lieben Gott nicht übelnehmen darf. Wenn inan nun in der- Natur so vieler Flachheit und Gedankenlosigkeit die Berechtigung nicht absprechen darf und der Weltgeist trotz Pankow und Pruszkow immer noch Weltgeist bleibt, warum wollte man einer Zeitung ein Stück Flachland oder Sumpfgegend, namentlich wenn es ein schönes Stück Alpengegend in der nächsten Nummer verspricht, so sehr übelnehmen, daß man deshalb gleich mit der Aufgabe des Abonnements droht. Doch ich will nicht klagen, sondern frei gestehen, daß ich mit meinem Leben ganz zufrieden bin. manchmal sogar so sehr, daß ich es wirklich bedaure, daß unsere alten Weisen keine besondere Broche für einen Redakteur gemacht haben. Ich habe schon verschiedene Zeitungen und Wochenschriften redigiert, politische und belletristische, Tageszeitungen und Wochenschriften, große und kleine, solche, die, sehr viele und solche, die so gut wie gar keine Abonnenten hatten, aber ich bin doch mit meinen jetzigen Lesern zufrieden und muß sagen, schlechter als das Publikum jener Blätter ist unser jüdisches Publikum wahrhaftig nicht. In vielen Beziehungen iss es 0 Am 20. b. M. feierte der hervorragenbste und geistvollste Vertreter der hebräischen Publizistik, N. Sokolow, der Herausgeber des hebräischen Tageblatts „Hazefiräh" in Warschau, das fünfundzwanzigjährige Jubiläum seiner erfolgreichen literarischen Wirksamkeit. Einem Sammelwerk zu Ehren des Tages war auch der obige Brief gewidmet.