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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-03-25 · Heft 13 (25.3.1904) · p. Seite 153

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 13 (25.3.1904)
Date
1904-03-25
Page
Seite 153 (sequence 9)
Language
German
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Versicherungsagent." Mein amerikanischer Korrespondent fährt dann fort: „Nach mir bekannten Bildern von Saphir zu urteilen, muß Landsberg diesem sehr ähnlich gewesen sein. Auch besaß er eine ähnliche kaustische Manier der schlagfertigen Rede, der treffenden Antwort, die mitunter verletzend wirkte. So ist. es kein Wunder, daß ihm nichts gelungen ist." Damit dürsten die krausen Lebensnachrichten von diesem humorbegabten, wie ein echter deutscher Dichter, im Elend Gestorbenen geschlossen sein. Linder unterer Leit. Roman von Jacob Levp. P (Schluß.) hilippKuhl hat den vier Jahreszeiten einen Clou verschafft, der Besucher von weit und breit anlockt — eine Beleuchtung, einen Lichtstrom, der scheinbar aus allen Ecken, von allen Seiten flutet, dessen Quelle aber unsichtbar bleibt. Die großen Warenhäuser Deutschlands und des Auslandes ersuchten Philipp in den schmeichelhaftesten Ausdrücken, ihnen gleiche Lichtanlagen herzustelten; er aber sagte mit stolzem Lächeln zu Herrn Berger: „Die vier Jahreszeiten sollen das Licht Kühl ein ganzes Jahr allein besitzen, das ist mein Stolz und ein kleiner Beweis meiner Dankbarkeit." Trotz allem Zureden Bergers blieb er dabei. — Doktor juris Heinrich Berger war in das Geschäft seines Vaters eingetreten. Er konnte aber seine Briefe nicht lange der schonen Ruth Borescu diktieren, weil seine Mutter sie zur Gesellschafterin genommen hatte, sobald Erna ins Hospital übergesiedelt war. Die Familie Berger beteiligte sich wieder am gesellschaftlichen Leben Frankfurts in großein Maße. Frau Berger hatte keine Einwendungen mehr zu machen, wenn ihr Gatte seiner Vorliebe für jüdischen Verkehr Ausdruck verlieh. Sie selbst pflegte nur noch Umgang mit jüdischen Familien und wiederholte immer ihrem Manne, wie glücklich sie sich bei ihren Glaubensgenossen fühle. Sie ließen stillschweigend geschehen, daß Ruth Borescu, die zu Hause sehr religiös erzogen war, den Säbbath und die Feiertage wenigstens bei den Mahlzeiten andeutete. Das junge Mädchen stellte am Freitag abend einen silbernen Becher vor dein Platze des Hausherrn, „für Kiddusch", ebenso holte sie jeden Samstag abend die Geräte für Habdalah. Herr Berger lächelte, schob aber Becher und Gewürzbüchse aus die Seite. Auch an dem jüdischen Vereinsleben beteiligte sich das Ehepaar Berger nicht nur durch namhafte Geldspenden, sondern auch durch tätige Mitarbeit. Sowohl Herr wie auch Frau Berger wurden infolgedessen in den Vorstand mancher Vereine gewählt, und Frau Berger war unermüdlich im Dienste der guten Sache. Sie plante einen großen Jahrmarkt zu Gunsten der Kinderbewahrschule und wurde aus der ersten Versammlung zur Präsidentin gewählt. Sie übte ihr Amt mit Eifer und Geschick aus, aber gegen Schluß der Sitzung wurde sie zerstreut und blickte immer nach einer Seite des Saales. Schließlich erhob sie sich, schützte Kopfweh vor und ent? fernte sich, ohne die Versammlung ordnungsgemäß geschlossen zu haben. Zu Hause angelangt, fing sie heftig zu weinen an. Ihr Mann fragte entsetzt: „Aber Jda, was ist denn geschehend" Sie schluchzte: „Heute ist meine Vermutung zur Gewißheit geworden, ich bin eine Paria. Seit einiger Zeit blicken mich die Leute auf der Straße so auffallend an; Damen, die ich niemals gesehen und die ich nicht kenne, flüsterten sich zu: Diese Jüdin ist die Mutter einer Christin. Heute sagte nun in der Versammlung Frau Meyer zu ihren Nachbarinnen, es sei sonderbar, daß ich in jüdischen Vereinen diese Rolle spiele, da meine Tochter getauft sei." Ruth, die Frau Berger begleitet hatte, blickte äußerst befremdet drein und sagte: sie habe von alledem nichts gehört und Frau Berger müsse sich geirrt haben. Frau Berger wurde durch den Widerspruch so gereizt, daß ihr Mann und Ruth Mühe hatten, sie zu beruhigen. Die Stimmung der beklagenswerten Frau wurde inuner trüber. Ruth, die. mit der kindlichen Liebe einer Tochter für sie sorgte, gelang es nicht, sie aufzuheitern. Sie sprach nur das Notwendigste und grübele oft stundenlang vor sich hin. Eines Tags kam Erna auf Besuch. Da wurde ihre Mutter scheu, verlegen, nervös, sodaß sich die junge Frau bald wieder entfernte, weil sich ihr die Gewißheit aufdrängte, daß mir ihre Gegenwart die Mutter so in Aufregung gebracht hatte. Sie sagte zu Ruth, daß sie Doktor Weil veranlassen würde, morgen ihre Mutter zu besuchen. Nachts wurde Herr Berger durch das Schluchzen und Weinen seiner Frau geweckt. Tötlich erschrocken fragte er was ihr fehle, die Frau wollte sich aber nicht beruhigen. Nach langem - inständigem Zureden faßte sich Frau Berger endlich. Sie umschlang ihren Mann und stöhnte: „Ich bin die unglücklichste Mutter aus der Erde. Unsere Tochter ist uns auf ewig fremd geworden und muß uns hassen. Sie ist Christin geworden; je mehr ich mich als Jüdin fühle, desto fremder muß mir Erna werden. Wenn ich sterbe, wird sie nicht bei mir sein." Und die unglückliche Frau fing an zu schreien und zu toben. Der sofort herbeigerufene Doktor Weit fand die Frau erschöpft und teilnahmslos. Sie schlummerte während des Befragens ein. Er winkte Herrn Berger aus dem Zimmer. „Meine Befürchtungen, die ich Ihnen in Badenweiler und später nicht verschwieg, haben - sich leider bewahrheitet. Die Nerven Ihrer Frau sind im höchsten Grade überreizt und das unglückliche Vorkommnis in Ihrer Familie hat die Katastrophe beschleunigt. Wir müssen den Nerven Ihrer Gemahlin jetzt die größte Ruhe, die größte Schonung angedeihen lassen." Herr Berger sagte düster: „Ich fürchte, daß die Krankheit schlimmer ist, meine Jda leidet an Wahnvorstellungen." Und nun erzählte er dem Doktor, waslseine Frau aus der Straße und in der Vorstandssitzung bemerkt haben wollte, und sich daraus der Gedanke der Entfremdung mit Erna entwickelt habe. Der Arzt dachte lange nach. „So ist vielleicht ein Weg, wenn auch nicht direkt zur Heilung, so doch zur heilsamen Besänftigung möglich und dieser Weg wäre nicht nur für Ihre Frau segensreich. Ich muß mit Ihrer Tochter reden." Und er entfernte sich rasch. — Frau Erna, die durch treue Erfüllung der übernommenen Pflichten Gleichgewicht in ihrer Seele und Befriedigung über ihr Dasein gewonnen hat, lächelt wieder.

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