Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1904)
- Date
- 1904-03-25
- Page
- Seite 150 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Volkstums heimische Scherze auftischte, so lächelte Lazarus wohl mit freundlichem Beifall, bemerkte aber: „Das sind ja ganz gute Witze, meine Lieben, aber gegen Sil vius Landsbe r g er kommt ihr doch nicht mit, das war ein wirklicher Humorist." Und dann erzählte er von den Schwänken dieses unbekannten Mannes mit dem schönen Vornamen, besonders von seiner PrrpPenkomödie! Dreißig Jahre lang habe ich dieser damals in unseren: Kreise oft genannten Komödie nachgespürt und erst jetzt, vor kurzem, habe ich das Büchlein erwischt. Es ist ein kleines, löschpapierenes Heft in dem bekannten, etwas ausgerenkten Oktavformat der Berliner Witzliteratur, wie sie seit den Mürztagen bei mehreren hiesigen Buchhändlern, besonders in zierlichen Heften bei den: Kladderadatsch-Verleger A.Hoffmann &(£o., in großer Anzahl herausgekommen sind. Auf dem Titelblatte befindet sich ein plumper Holzschnitt, der eine Stelle des Stückes mit den: betreffenden Text darunter illustriert. Zu Anfang Dezember des Jahres 1851 brachten die Berliner Blätter folgendes heitere Inserat, wozu bemerkt sei, daß der darin genannte Louis Weyl ein damals bekannter und beliebter satirischer Schriftsteller war.. In der „Nationalzeitung" vom 6. Dezember heißt es: Kellners Hotel, Tauben straße 16. Am Sonntag, den 7. Dezember d. I., wird eröffnet: die humoristisch-gemütliche Weihnachtsausstellung ü Ja Wehl. Programm: I. Das Jahr 1851, in großen, transparenten Scherzbildern; II. Klassisches Berliner Puppentheater: a) Prolog: Gedichtet von Brennecke, gesprochen von Kasper im Frack; ' ,b) Don Carlos, der Infanterist von Spanien, oder das kommt davon, wenn man seine Stiefmutter liebt. Spanische Lokalposse mit starkem Berliner Beigeschmack und sehr vielen Couplets in 3 lustigen Akten. Frei nach Schiller, aber bedeutend verbessert. Musik von Gluck, Haydn, Lanner, Strauß, Meyerbeer, Gungl und nrehreren. Personen: i (werden an der Kasse gratis verteilt). III. Alle Puppen müssen tanzen. Ausgeführt vom ganzen Ballet-! personal des Herrn Theaterdirektors Boigt. Zum Schluß:! Jesuitenpolka, getanzt von Herrn Pappdeckel und Fräulein Lein:- j färbe. Die ganze Vorstellung dauert eine Stunde und wird an: den Schluß derselben stets wieder zu Anfang geknüpft. Also Bej ginn der Vorstellung: Sonntag um 4, 5, 6*/2, 8 und 9 Uhr. | Entree a Person 5 Sgr., Kinder die Hälfte. Kellners Hotel, > Taubenstraße 16. Die Inserate gehen den ganzen Monat Dezember hindurch! weiter, bis es am 5. Januar heißt: „Die letzte Vorstellung". I Und eine kritische Stimme im Feuilleton der N.-Z. von damals.! (16. Dezember) berichtet unter dem allgemeinen Titel „Weihnacht-. liche Studien", einem politisch-literarisch-künstlerischen Potpourri in satyrischer Färbung, das durch mehrere Nunuuern geht, eingehend über diese Komödie. Dabei ist zu erinnern, daß der böhmische Schneider Tomaschek sich sein Leben hatte versichern lassen und dann anstatt seines eigenen noch lebenden Leibes ein — Plättbrett in die Erde gesenkt wurde. Doch kam die - komische Betrugsgeschichte, als die Prämie erhoben wurde, an> den Tag, und der durchaus nicht verstorbene Tomaschek kam, sehr lebendig ins Gefängnis. Der mit JLq. zeichnende Rezensent! (Abkürzung für Lestocq), Pseudonym für Hermann Lessing-i (Verfasser von „Torso und Korso"), berichtet also: „Eine solche heitere Aufgabe hat sich die „humoristisch-gemütliche? Weihnachtsausstellung" in Kellners Hotel gestellt und sie am 7. Dezember bereits mit Erfolg und allgemeiner Teilnahme gelöst. Von Philipp I. von Spanien bis zur Berliner Bürgerwehr, von de:: finstersten Zeiten der Inquisition bis zu Tomascheks wirklicher Auf-' erstehung des Fleisches und der Eingeweide, diese denkwürdige geschichtliche Periode finden wir hier in Rahmen und Zeitbildern dargestellt, . durch Sprache und Gesang illustriert und durch drastische Darstellung, bis zum Leben verwirklicht. Kasper, die lustige Person, ein ehemaliger Berliner Aufwiegler, ist, wie sein jetziger Kollege, bei der Schwester der Königin von Spanien"-zu hohen Ehren gekommen. Er ist Leibkoch der Prinzessin Eboli geworden und als solcher die wichtigste Person im Staate. Er hat wie Tallehrand und andere Personen den Grundsatz, daß Verträge nur dazu da sind, um gebrochen zu' werden, und Sprache und Couplet,- um unsere Gedanken zu verbergen. Mit diesen Waffen der Jntrigue ausgerüstet, gelingt es ihm und dem Freunde des Don Carlos, dem Markis Posa, den König durch ein eigenes Medikament aus dem Wege zu räumen und den Jnfanteu mit seiner Stiefmutter als Königspaar zu vereinigen, wodurch das ritterliche spanische Sprüchwort: „Weiße Hände kränken nicht" selbst in der Nähe des Gendarmenmarktes treulich befolgt wird. Das Medikament ist aber so origineller Natur, daß wir es hier erwähnen müssen. Es ist dies dasselbe, das der Wiener Theaterintendant Herr Laube in einer seiner Novellen ein Zeichen der fortschreitenden Bildung nennt; es ist dies dasselbe, das in unseren Theatern u::d Kammern öffentlich verkauft wird, nämlich die Langeweile, die mit bleierner Schwere unsere Augen zudrückt. Aber Kasper, ein Mann der Vorsicht, der bei seinem hohen Patienten alle diese Mittel anwendet, fürchtet dennoch, daß Philipp II. als ein Mann der Verstellung nur scheintot sei; er greift daher zum äußersten, er nennt ihm nur den Titel des neuesten, Produkts der Birch-Pfeiffer- und erst der Häuser bauenden und leerenden Muse gelingt es, das königliche Haus in tiefe Trauer zu versetzen. Der König von Spanien, seinen Mitmenschen um zwei Jahrhunderte voraus eilend, stirbt an der Birch-Pfeiffer." Das Personenverzeichnis lautet folgendermaßen: „Philipp der Ixte-, König von Spanien. Etwas jähzornig und immer in Geldverlegenheit. Hulda, seine linker Hand angetraute Gattin. Früher Putz- - macherin in Paris und sehr geliebt von * Don Carlos, Kronprinz und Infanterist. Leidet sehr an Weltschmerz und liebt, soviel der alte Philipp weiß, seine Stief-. mutter hoffnungslos. Prinzessin Eboli. Sehr heißblütig und reizbar, sonst aber äußerst nachsichtig mit den Schwäche:: des männlichen Geschlechts. Kasper. Früher Aufwiegler in Berlin, jetzt Leibtoch bei der Prinzessin Eboli. Markis Posa von Castilien. (Angenommener Name). Ist der Sohn eines Irrenarztes ans Poseuruckel. — Zweideutiger Charakter. Infantin Carline. Ein Kind von sieben Atonalen, Tochter Philipps des Ixten, und, nach Behauptung seiner Frau, ihm zum Sprechen ähnlich. Herzog Alba, General en chef des spanischen Heeres. Oberbefehlshaber in den spanischen Marken. Sehr gemütlicher Mensch. Domingo, ein Psaff und zugleich Mitglied des Autodafeter- Klubs in Madrid. Das rote Gespenst, ein Offizier der Nobelgarde, Granden re. Ort der Handlung: Der erste Akt spielt in Aranjuez und, nachdem die schönen Tage daselbst zu Ende sind, in Madrid. Zeit: zwischen 1651 und 1852." Die Puppentomödie ist eine mit zahlreichen Tagesanspielungen und lokalen Glossen gewürzte Satire aus die letzten Zuckungen der achtundvierziger Bewegung und die darauf folgenden Zeiten der Reaktion; doch bleibt Witz und Satire auf dem Niveau gutmütigen Spaßes. Kasper, der alte Hanswurst des deutschen Pichpenspiels, der wohl des Verfassers Meinung am deutlichsten wiedergibt, bedenkt alle Parteien und Rangstufen wit den Pritschenschlägen seiner sarkastischen Laune und bildet in seinem urwüchsigen Altberlinertum den Mittelpunkt des heiteren Spiels. Wie Mephistopheles am Hofe des Kaisers im zweiten Teile des Faust durch die Erfindung des Papiergeldes sogleich der populärste Mann im. Reich wird, so