Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1904)
- Date
- 1904-03-25
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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149 Bernd" im Vvlkstheater ansehen, und sich dann, im Burgtheaterlangweilen, wenn sie dazu ein Bedürfnis'haben. Es ist nun einmal unsere Zeit so beschaffen : In der Literaturstunde lesen unsere Jünglinge und Jungsrüulein „Wilhelm Tell" oder „Wallenstein"; auch „Nathan der Weise" kann empfohlen werden, das siird Stücke, die der Moral nicht schaden, im stillen Kämmerlein aber werden Mirbeau, Schnitzler, Guy de Maupassant, Bahr und Pierre Louys gelesen. Das ist der Lauf der Welt. Um aber wieder auf Gerhard Hauptmann zurückzukommen: er verließ unfreiwillig die herrlichen Hallen des Burgtheaters, und nun kommt einer der famosen, tschechischen, obstruierenden Reichsratsabgeordneten, Ryba, (zu deutsch Fisch), ist der Name des Trefflichen, und interpelliert den guten Vorsitzenden unseres Abgeordnetenhauses, warum. „Rose Bernd" aus dein Burgtheater verbannt wurde, verlangt aber, daß seine Interpellation „voll und ganz", wie man jetzt so schön sagt, verlesen werde, auch die beigeschlossene „Rose"/ natürlich ist das Drama Hauptmanns gemeint. Wie Sie sehen, sind die Herren obstruierenden Tschechen nicht nur komisch, sondern auch literarisch und menschenfreundlich veranlagt. Sie wollen nicht die Zeit jin Reichsrate ganz totschlagen, sondern fühlen das Bedürfnis, wenn sie des trockenen Tones satt sind, auch zur literarischen Erbauung der Zuhörerschaft beizutragen. Sie sind auch nicht so chauvinistisch wie sie anssehen/ ist es doch ein deutsches Theaterstück, das sie gerne kennen lernen möchten. Szenen, wie sie in dieser „Rose Bernd" Vorkommen, sind ein Hochgenuß für literarische und andere Feinschmecker, und, warum sollte man sich das Vergnügen entgehen lassen, diese von den Schriftführern verlesen zu hören? Sie wissen nun, wie es in unserem Parlamente zugeht. Sie schlagen sich wieder, die Tschechen und Deutschen, und das arme Volk bezahlt die Kosten.. In Prag sing die Schlägerei zwischen deutschen und tschechischen Studenten an, in Brünn wurde sie fortgesetzt und in Wien wird ans zwei i Schlachtfeldern gekämpft, auf der Rampe des Universitätsgebäudes und im süulengetragenen Parlamentshause. Stransky, der große Tscheche aus Deutsch-Brod in Böhmen, mährischschlesischer Landesadvokat, Herausgeber der „Lidove-Noviny", (zu deutsch „Bolkszeitung"), ist wieder zu Ehren gekommen, er kann wieder brüllen, er wurde aber auch von einem „Alldeutschen" als der frechste Jude angebrüllt. Im wilden Kampfe sind sie gegen einander entbrannt, unsere Herren Volksboten,' Oesterreich soll wieder einmal durch die schwerwiegende Frage gerettet werden, ob die Burschenkappe oder die Czamara (für Mindergebildete diene die Anmerkung, daß dies der verschnürte Nationalrock der Tschechen ist), Herrscherin sei, aber in diesem wilden, tierischen Rassenkampfe kann der Alldeutsche den „Juden" nicht in Ruhe lassen. Stransky wurde zwar im Brünner israelitischen Tempel getraut, ist aber längst nicht mehr Jude, das Hütte seiner Karriere geschadet. Er ist römischkatholisch getauft. Er spielt nur gerne mit Juden Karten, weil er dies als eine größere Unterhaltung betrachtet, als mit Alldeutschen zu saufen oder sich zu pauken. Im übrigen hat Stransky einmal eine wahre Bemerkung gemacht, das kommt sonst bei ihm nicht allzuoft vor. Er sagte zu seinen Abgeordnetenkollegen: Ihr seid alle Antisemiten, verschämte und unverschämte. Pernerstorfer aber, gewesener Deutschnationaler, Alldeutscher a. D., zur Zeit manchmal Deutscher, manchmal internationaler Sozialdemokrat, verglich unser Parlament mit einer Menagerie, in der verschiedene wilde Tiere miteinander eingeschlossen sind. Wir Juden verzichten auf die Ehre, zu diesen wilden Tieren gezählt zu werden und überlassen diesen Vorzug den verschiedenen Sorten von Antisemiten, die sich in dem „hohen Hause" zusammengefunden haben. Wir wollen von den Tschechen, aber auch von .den Deutschen, Sorte:.Stein und Herzog, nichts wissen. Denn die Tschechen haben, insbesondere in Mähren, die Existenz zahlreicher Juden gänzlich vernichtet, wünschen jedoch, daß die Juden bei den Wahlen mit ihnen gehen. Den Deutschen aber haben die Juden Handlangerdienste geleistet, dafür werden sie von diesen beschimpft und verhöhnt. Wären die Juden rachsüchtig, sie könnten aus dieses Parlament Hinweisen und sagen: Soweit hat es euere Nationalpolitik, oder besser euer Rassenhaß gebracht. Mit dem Antisemitismus fing diese Politik an, und mit dem Kamps aufs Messer zwischen „arischen" Völkern hört sie auf. Doch, wer küuuuert sich um dieses Parlament? Man liest gar nicht, was in ihm vorgeht. Das Volk ist gescheiter geworden, es weiß, daß es von seinen „Mandatsträgern" nichts zu erwarten hat,- und so sind ihm die Kämpfe zwischen Stransky und Stein viel gleichgiltiger, als die zwischen Russen und Japanern. Die Juden aber lasse man in Ruhe. Sie haben diese Kämpfe nicht herbeigeführt, und Stransky ist ihnen — Hekuba. Wir Juden könnten diesen Herren, die sich die Köpfe blutig schlagen, zurufen: Wir sind doch bessere Menschen. Aber wir tun dies nicht, erkennen jedoch die Nemesis in dieser ganzen geschichtlichen Entwicklung. Schließlich sind ja doch diese Kämpfe das Ende eines alten, verrotteten Systems. Sie sind die Dünunerung von ganz unhaltbaren Zuständen. Schlechter kann es in diesem vielgeprüften Oesterreich nicht werden. Wir müssen nun abwarten, was sich aus allen diesen Krisen entwickeln wird. Vielleicht werden die Verständigen in Oesterreich einsehen, daß, wer Wind säet, Sturm erntet. Benützen wir diese Zeit, um an unserer sittlichen Erziehung zu arbeiten. Lassen wir die Zwistigkeiten in unserer Mitte, und mögen wir endlich zur Erkenntnis gelangen, daß das Ausgeben irgend eines veralteten Minhag noch nicht den Untergang des Judentums bedeute. In der Landeshauptstadt Mährens haben sich heute tschechische und deutsche Jungen die Köpfe blutig geschlagen. Jakob aber bleibe der friedliche Zeltenbewohner und erhebe sich über den Streit der Völker. lwri. Lin oergellkiikr Berliner Humorist. Von Gotthilf Weißstein. or 60 Jahren, in der fröhlichen seligen Studentenzeit war es. Freund L. rrnd ich, wir hörten philologische und philosophische Kollegin, Sanskrit bei Weber und Catull bei Moritz Haupt, Homer bei Kirchhofs und- Psychologische Analysis bei Lazarus, sprachgeschichtliche Fragen bei Steintlzal und andere schwierige Dinge mehr. Ein glückliches Geschick wollte es, daß ich des letzteren Hausgenosse wurde und mich so seines und seines Schwagers Professor M. Lazarus' intimen Umgangs erfreuen durfte. Alle Woche einmal vereinigten ivir uns an dem angeregten Familientische in dem stillen Hause am Königsplatz, wo gelehrte Gespräche geführtwurden und allerlei humoristische Erinnerungen austauchten. Namentlich Professor Lazarus ivar unerschöpflich, in Reminiszenzen aus dem alten Berlin aus den fünfziger und sechziger Jahren, als in den kleinen Winkeln und Ecken der Stadt noch Raum für allerlei Originale war. Und Lazarus, der Psychologe, war ein vortrefflicher Beobachter und Freund feinen Humors. Wemr Freund L., der längst ein gewaltiger, gelehrter Kanzelredner geworden ist, seine köstlichen Späße erzählte, oder wenn ich aus dem Schatze urwüchsigen alten Berliner