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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-03-25 · Heft 13 (25.3.1904) · p. Seite 147

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 13 (25.3.1904)
Date
1904-03-25
Page
Seite 147 (sequence 3)
Language
German
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schloß, als die einzig richtige Lösung all dieser Fragen und Wirren: - Wir sind nach wie vor von der Ueberzengung durchdrungen, daß die liberalen Parteien nicht antisemitisch sind, schon weil sie es ihrem Wesen nach nicht sein können, ebenso wie uns das Verhalten der Sozialdemokraten in dem Falte Pretzel nicht in der Ueberzeugryig wankend machen konnte, daß auch die Sozialdemokratie unmöglich antisemitisch sein kann. In die politischen Streitigkeiten derjenigen Parteien, welche Gegner des Antisemitismus sind, mischen wir uns grundsätzlich nicht ein; wir haben keine andere politische Losung, als: gegen den Antisemitismus. Nus muß jede Partei willkommen sein, welche den Antisemitismus, diesen größten Feind aller Freiheit, aller Kultur, und damit auch unserer Rechte, bekämpft. Als im Reichstage Herr Liebermann v. Sonnenberg einen Trumpf auszuspielen glaubte, indem er mitteilte, der Zentralverein habe die Kandidatur des Sozialdemokraten unterstützt, wurde ein „Hört, hört!" gerufen. Hätten wir zur Wahl eines Raab, eines Liebermann, eines Boeckel unsere Glaubensgenossen nusgefordert, so wäre mit größerer Berechtigung „pfui" gerufen worden. Uns von der Volkspartei deshalb abzuwenden, weil sie sich in ihrem Verfahren in einem Falle vergriffen hat, haben wir keinen Anlaß, zumal sie dabei leider in der Haltung eines Teiles unserer eigenen Glaubensgenossen eine Art Rückhalt gesunden hat. Eine Lehre muß auch aus dieser Angelegenheit entnommen werdendes ist dringend erforderlich, daß vor allem unsere Glaubensgenossen selbst dessen inne werden, daß sich die Interessen des Judentums nicht trennen von denen des Vaterlandes und einer wahrhaft freiheitlichen Weltanschauung, und daß, wer glaubt, es könne unter irgend welchen Umständen richtig sein, dem Antisemitismus nicht entgegenzutreten, sicherlich die wahren Interessen vaterländischer Kultur außer Acht läßt. In unserer Brust sind unseres Schicksals Sterne. Zwölstausend jüdische Soldaten kämpfen auf russischer Seite gegen Japan in den Eisfeldern Sibiriens — und trotzdem hat die antisemitische Presse in Rußland die Keckheit, den Patriotismus der Juden anzuzweifeln. Ein traurigeres Schauspiel ist selten noch gesehen worden! Die nach Amerika ausgewanderten russischen Juden hätten nämlich, wie die „Nowoje Wremja" herausgefnnden hat, Japan gegen Rußland gehetzt, das Reich der aufgehenden Sonne mit Geld versehen und die Japaner so lange bearbeitet, bis sie Rußland den Krieg erklärten. Diese wahnwitzigen, haßerfüllten Ausfälle gegen die Juden machen, in Rußland trotz ihrer augenscheinlichen Unhaltbarkeit doch Eindruck, und die antijüdische Stimmung nimmt an Umfang zu. Ebenso findet das Gerücht, daß russische Juden Pferde für Japan kaufen, noch immer Gläubige, obwohl es längst entschieden dementiert wurde und obwohl selbst die offizielle „Tambowskija Gubernskija Wjedomosti" kategorisch erklärt hatte, daß im Gouvernement Tambow absolut keine jüdischen Remontenkäuser sich aufhalten. Trotzdem bringt auch der antisemitische „Swet", welcher in tausenden Von Exemplaren in den niedrigen Volksschichten Verbreitung findet, wiederum einen Artikel, in welchem behauptet wird, daß jüdische Remontenkäufer in vielen Ortschaften des Reiches Pferde ankaufen und es so zu machen verstehen, daß diese Pferde nach dem Auslande gebracht werden, wo sie von japanischen, Agenten übernommen werden. Die anständigen Blätter in Petersburg weisen zwar diese Insinuation des ,,Swet" zurück, aber das Gift der Verleumdung frißt doch immer weiter um sich. Unter diesen" Umständen ist es begreiflich, daß die Ausfälle der antisemitischen Presse unter den Juden in Rußland starke Beunruhigung erzeugt Haben. - In den.Regierungs- und Beamtenkreisen Rußlands ist die Stimmung verschieden.. Eine einheitliche Parole ist noch nicht ausgegeben. Der kommandierende General von Elisabethgrad Somsarow „dankt insbesondere den Juden für ihre Gefühle und macht alle darauf aufmerksam, daß die Juden ebenso treu und fest die teure Heimat lieben, wie wir alle, daß daher alle gegenteiligen Behauptungen bloß Verleumdungen sind;" der Polizeimeister von Krementschug hält sogar eine große Rede in der Duma, in der er u. a. sagt: „Die Nachricht antisemitischer Blätter, daß die Juden für Japan Geld sammeln, ist eine niederträchtige Lüge. Das haben die Feinde Rußlands ausgesonuen, um die christliche Bevölkerung gegen die jüdische aufzureizen. Glaubt nicht an solch törichte Gerüchte! Die Juden setzen gleich den Christen ihre Brust den feindlichen Angriffen entgegen und sind bereit für das Vaterland zu kämpfen und zu sterben. Auch ihre Spenden geben sie mit Begeisterung zum Heile des Vaterlandes. Schmach über die Lügner!" Andererseits werden jedoch wieder Züge von Haß und Intoleranz seitens verschiedener Behörden bekannt, die gerade unter den gegenwärtigen Verhältnissen doppelt peinlich wirken müssen. Das Schlimmste leistet in dieser Beziehung die offiziöse ^Russische Telegraphenagentur", die in dieser Woche die folgende Meldung in die Welt geschickt hat: „Kiew, 15. März. Obwohl der größte Teil der Studenten der hiesigen Universität ruhig und loyal gesinnt ist, stiftete eine Gruppe von 150 Studenten, meist Israeliten, Unruhen an. Es wurden von ihnen aufrührerische Schriften verteilt und revolutionäre Lieder gesungen. Der Senat der Universität sah sich gezwungen, die Polizei herbeizuholen, und es wurden sechzig Studenten, davon die Hälfte Israeliten, bei denen ungefähr fünfzig Proklamationen vorgefuuden wurden, die Karten abgenommen. Vermutlich haben dieselben Peronen bereits am Sonnabend in einer Festsitzung der Juristischen Gesellschaft Unruhen zu verursachen versucht. In dieser Sitzung waren verdächtige Leute ohne Eintrittskarten eingedrungen, die gegen Ende der Sitzung Proklamationen verteilten. - Verhaftungen wurden nicht vorgenommen." Wir wissen nicht, was an dieser Meldung tatsächlich ist. Aber wir werden es ja bald erfahren. Jndeß, wie immer auch die Sache liegen mag, welche Perfidie liegt in der Fassung dieser Notiz! Zweimal ist das jüdische Bekenntnis hervorgehoben. Zu welchem Zwecke? Nun, die Antwort liegt auf der Hand. Bei der unmittelbar darauf folgenden Meldung von dein Bombenattentat auf die Kirche in Wilna ist die Konfession des Attentäters nicht angegeben. Bei der Erschießung eines russischen Spions in Schlüsselburg ist auch nichts über dessen religiöses Bekenntnis gesagt. Bei dem Nihilistenprozeß, der gegenwärtig vor geschlossenen Türen verhandelt wird, gleichfalls nicht. Nur dort, wo Juden beteiligt sind, wird ihr Bekenntnis ausdrücklich in die Welt hinausposaunt, um den Glauben zu erwecken, daß die russischen Juden ein größeres Kontingent als die nichtjüdische Bevölkerung zu den Aufrührern stellen. Wir bedauern es lebhaft, daß die liberale Presse durch den kritiklosen Abdruck derartiger tendenziös gefärbter und entstellter Meldungen dem russischen System der Vertuschung, Heuchelei und Reaktion wider Willen Vorschub leistet. Hier erscheint dringend Abhülfe geboten. . ■ 4r- Das englische Ministerium wackelt bedenklich. Unter diesen Umständen erscheint die Frage mehr als berechtigt: Wie steht das künftige Kabinett zu der Einwanderungsbill? Zunächst hat allerdings der Ministerpräsident Balfour eine Anfrage von Sir Howard Vincent, bekanntlich einem der

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