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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-03-25 · Heft 13 (25.3.1904) · p. Seite 146

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 13 (25.3.1904)
Date
1904-03-25
Page
Seite 146 (sequence 2)
Language
German
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Die Erfahrung lehrt indessen Individuen wie Pölkdr mehr und mehr Bescheidenheit. Gewiß würden auch namentlich moderne Juden, die ja nicht mehr in Ghetto-Abgeschlossenheit leben und die 'großen Leistungen anderer Völker kennen und würdigen gelernt haben, auf den Ausdruck „auserwähltes Volk" heute als aus eine veraltete Redensart kaum noch irgend welches Gewicht legen, wenn nicht die Antisemiten sie immer von neuem geradezu zwängen, sich viel höher einzuschätzen, als sie sonst zu tun geneigt wären. Wie? müssen sie sich fragen, uns, eine handvoll im Menschenmeere, lassen sich fast sämtliche Völker herab, zu hassen, zu fürchten? Wir, von denen die weitaus meisten obendrein arm und schwach sind,' die wir schon durch die Zerstreuung über, alle Länder ohnmächtig fein müßten, sollen die Herren,in Deutschland, in Frankreich, in Oesterreich, kurz überall sein? Gegen uns hält man für nötig, ein solches Heer von Lügen und Verleumdungen auszustreuen? Gegen uns macht man die Edelsten der Nation, die geistige Blüte der Völker mobil, gründet man Zeitungen, schreibt man eine ganze große Literatur, verschließt man Akademien, Schulen, Vereine, Salons, Bureaus re., eingestandenermaßen aus Furcht vor der Uebermacht so weniger? Was -müssen diese Wenigen doch für Auserwählte sein, daß sie es trotz allem zu so unheimlicher Macht bringen können, wie die Antisemiten sie schildern und fürchten! Die Juden müßten eigentlich mit irgend einem Serum geimpft werden, damit sie nicht solcher feigen Furcht gegenüber einen ganz ungeheuerlichen Größenwahn bekommen. Und wenn selbst einsichtigere Juden sich sagen würden, die Furcht sei nur erheuchelt, um den Haß, den bekannten Fremdenhaß halb- und den bestialischen Rassenhaß ganz barbarischer Völker etwas zu verdecken, dann müßte doch der gewöhnlichste Jude selbst gegen seinen Willen. dazu gebracht werden, sich äls etwas Besseres, für klüger zu halten, wenn.er fortwährend hört, welche sinn- und haltlosen Märchen' überfein Denken, Fühlen, Glauben, Handeln verbreitet, geglaubt und trotz aller Widerlegungen immer von neuem vorgebracht rverden. Muß nicht unter solchen Umständen fast jeder Jude wenn nicht hinaüsschreien, so doch bei sich denken, was Schiller in der berühmten Gartenszene von „Maria Stuart" der Königin Elisabeth ins Gesicht schleudern läßt, daß er nicht vor feinen Verfolgern so stehen möchte, wie sie vor ihm? Wir haben, wie wir uns vorgenommen, keine theologischen Gründe für die angebliche Auserwähltheit der Juden angeführt. Alle Gläubigen, christliche wie jüdische, müssen ja auf Grund der Verheißungen im Pentateuch und in den Propheten glauben, daß Gott das jüdische Volk auserwählt hat, aus Liebe zu diesem und aus begründeter Liebe. Die dann sagen, daß Israel dieser Liebe nicht würdig gewesen und nicht würdig sich gezeigt habe, begehen eine Blasphemie; denn sie trauen Gott einen schlechten Geschmack oder die Möglichkeit sich zu irren, zu. Läßt man aber die Argumente aus. der Bibel beiseite und denkt man rein weltlich nur daran, daß die Juden sich von altersher das auserwählte Volk nennen, dann muß daran erinnert werden, daß „auserwählt" an sich noch kein Selbstlob bedeutet. Man kann zu allerlei auserwählt sein'; man form auserwählt sein zu Leiden, zu einer schwierigen Mission, die mehr eine Last ist als ein Geschenk, und zu vielen anderen Dingen. Die Juden können auch auserwählt sein um, wie ein bekannter Schriftsteller in feinem Roman „Moderne Propheten" einen Rabbiner sagen läßt, etwa wie ein Thermometer die Wärme zu messen, so den Kulturgrad der verschiedenen Völker zu be-' stimmen. An der Behandlung der Juden erkennt man die Bildung der Individuen wie den Kulturstand der Völker. Und das ist ihre Auserwähltheit. Dir Woche. - Berlin, 22. März. er Reichstag ist in die Ferien gegangen, und es ist gestattet, einen Rückblick auf die Verhandlungen der letzten Monate zu werfen. Oft genug ist von antisemitischer Seite die „Judenfrage" angeschnitten worden. Dagegen wurde von Seiten der Freisinnigen Parteien zweimal das Thema behandelt, das einemal kurz durch den Abgeordneten Oeser> der bei einer Besprechung über die Handelsverträge die Lage der deutschen Handlungsreisenden jüdischen Glaubens in Rußland zur Sprache brachte —- ohne eine Antwort zu erhalten, und das zweitemal durch den Abgeordneten Eickhofs, der die Stellung der Juden in der Armee erörterte und eine Antwort provozierte, aus die nran sich wird berufen müssen, um irgend etwas positives zu erreichen. Wenn von Verwältungsbedenken als Hindernis für den Eintritt von Juden in das Offizierkorps keine Rede mehr sein kann, so muß doch zum allermindesten dafür gesorgt werden, daß wenigstens den jüdischen Einjahrig-Freiwilligen die Möglichkeit zur Ableistung der Ofsiziersprüfung nicht vorenthälten werde. Hierzu ist nur ein kriegsministerieller Erlaß erforderlich. , Der Zentral-Verein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat sich schon lange auch mit der Frage beschäftigt, ob es nicht rötlich und möglich sein würde, bei der sich täglich mehrenden Schwierigkeit der Berufswahl für ärmere Leute jüdischen Glaubens solche, soweit sie sich in geistiger und körperlicher Beziehung dazu eignen, den Unterosfizierschulen zuzuführen. Falls eine Gewähr dafür geboten wird, daß der jüdische Unteroffizier zur Kapitulation zugelafsen und in den Besitz des Zivilversorgungsscheins gelangen würde, dürfte damit Vielen genützt sein. Auf eine in dieser Absicht an das Königliche Kriegsministerium gerichtete Eingabe ist nachstehender Bescheid ergangen: Kriegsministerium. Berlin W. 66, den 5. März 1604. Nr. 439/1. 04. A; I. Leipzigerstr. 5. Auf die Eingabe vom 8. Januar 1904 erwidere ich dem Zentral- Verein ergebenst, daß mir keine Bestimmung bekannt ist, nach welcher Angehörigen des jüdischen Glaubens wegen ihres religiösen Bekenntnisses der Eintritt in die Unteroffizier-Laufbahn verwehrt werden kann; auch ist bis jetzt kein Fall zu meiner Kenntnis gelangt, in welchem ein Unteroffizier seiner Glaubenszugehörigkeit wegen von weiteren Kapitulationen ausgeschlossen worden ist. An Der Kriegsminister den Zentral-Verein Deutscher Staatsbürger gez. v. Einem, jüdischen Glaubens hier. Der Weg für eine positive Arbeit ist also geebnet, und es wird Sache aller beteiligten Kreise sein, denselben unablässig zu beschreiten. Im übrigen haben diese wie alle früheren Verhandlungen von neuem in uns die Ueberzeugung gefestigt, daß eine Gesamtorganisation der deutschen' Juden eine unabänderliche Notwendigkeit sei. Es geht nicht mehr, daß jeder auf seine eigene Faust Schritte Unternimmt, die der Gesamtheit die Verantwortung auserlegen. Die beiden Immediateingaben des Breslauer Justizrats Feige, die ja alle Politischen Blätter gebracht haben, sind ein neues Zeugnis für die unbedingte Notwendigkeit eines Zusammenschlusses: Auch' die Debatten über das Verhalten der einzelnen Parteien bei den Wählen und unsere Stellung zu diesen Parteien sprechen ebenfalls dafür. Uns erscheint das Wort, mit dem Rechtsanwalt Horwitz die letzte Generalversammlung des Zentral-Vereins

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