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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-03-25 · Heft 13 (25.3.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 13 (25.3.1904)
Date
1904-03-25
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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68. Jahrgang. No. 13. Berlin, 25. März 1904. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 ITt. Redakteur: Gustav Rarpeles. Begründet von Rabbiner D*- Ludwig Philixpson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion unb- Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 4S/49, zu richten. Verlag von Rudolf Akosse, Berlin. Das „suserwähltk Volk". Berlin, 22. März, erschiedene Blätter nahmen die Wiederkehr des Tages, an welchem vor einem Jahre der Kaiser in dem Briefe über „Babel und Bibel" m a. bemerkte, daß es durchaus nichts schade, wenn etwas venu Nimbus des anserwählten Volkes verloren gehe, zum Anlaß, um auseinanderzusetzen, daß die Juden sich wenig würdig gezeigt haben, von Gott auserwählt worden zu sein, daß Gott sie vielmehr gerade um ihres sittlichen Tiefstandes willen aus Gnaden erwählt habe, damit die Welt an ihren Geschicken sein weises Walten in voller Klarheit erkennen könne. Wir gestehen mit den Absichten Gottes nicht so vertraut zu sein wie die Verfasser jener Artikel. Wir wollen auch, obwohl aus mancherlei Wendungen der theologische Stil herauszu erkennen ist, die Theologie möglichst aus dem Spiel lassen. Wir möchten vielmehr nur ans etliche rein weltliche Umstände aufmerksam machen, welche zeigen sollen, daß es keineswegs eine ganz aparte jüdische Anmaßung ist, sich als auserwühlt anzusehen, daß es begreiflich ist, wenn das jüdische Volk von vielen noch heute als auserwählt angesehen wird, und daß es geradezu von den Gegnern gezwungen wird, sich als anserwählt zu betrachten. Es sind zunächst keineswegs die Juden allein, die nationalen Chauvinismus sich haben zu schulden kommen lassen. Wir wissen, wie die alten Kulturvölker alle anderen für Barbaren gehalten haben. - Wir kennen den Chauvinismus der an der Zivilisation marschierenden „gratide nation“, wir wissen ein Lied zu singen von der Ueberhebung der Engländer und Amerikaner; wir haben oft genug davon gehört, wie fvgar die Russen auf den „faulen Westen", die Türken auf die Giaurs, die Chinesen auf die „weißen Teufel" herabsehen. Wir sind beinahe gezwungen anzunehmen, daß fast jedes Volk eitel genug ist, sich für das beste zu halten. Am weitesten gehen hierin vielleicht die Teutomanen, die geradezu Größenwahn entfalten. Nach ihnen ist der Germane der „Edelmensch" par exeellenee, die höchste Blüte der Menschheit, und alle Tugenden und Talente, Treue, Ehrlichkeit, Tapferkeit, Dichten und Denken sind von ihm gepachtet. Die alte Geschichte spricht dagegen allerdings sehr oft für den hohen Wert der Juden. Gewiß sind die alten Israeliten nicht selten zum Götzendienst abgefallen, waren nicht alle Israeliten, damals wie jetzt, wirklich Israeliten. Aber sind alle Christen jemals wirklich Christen gewesen? Sind sie es heute? Gibt es nicht ein sehr ernstes Werk von einem sehr ernsten Manne -unter dem Titel „Sind wir noch Christen?" Und wenn es heute christliche Propheten gäbe, würden sie nicht — wir glauben .in diesem Falle sogar Herrn Stöcker auf unsere Seite zu haben — der überwältigenden Mehrheit der Christen mit vollem Recht den Vorwurf machen, daß sie keine Christen sind? Dennoch nennen sich bis aus einen alle Staaten Europas christliche Staaten, sind die europäische Kultur, die europäische Gesittung imd Gesinnung trotz allem und allem und nochmals allem christlich. So war trotz des von den Propheten oft und mit Recht gerügten Götzendienstes das Judentum monotheistisch und hat sich allein trotz Harnmurabi und Babel das Verdienst erworben,. der Welt den Monotheismus gegeben oder bewahrt zu haben. Wohl also konnte das jüdische Volk in seinen Augen itrtb in den Augen der heutigen. Welt, soweit sie billig denkt, einen gewissen Anspruch haben, ein exzeptionelles im guten, im besten Sinne zu sein. Oder verdient das ein Volk nicht, das‘ dreitausend Jahre vor den anderen Völkern, vor vielen modern gebildeten, christlichen Nationen mit dem Prinzip der Sklaverei gebrochen, die Notwendigkeit eines strengen Ruhetages erkannt, den Tierschutz, das Gastrecht, die Nächstenliebe als Pflichten hingestellt hat? Sollten die Inden nicht stolz auf ihre Kultur sein, wenn sie wissen,- daß vor Tausenden von Jahren ihre geistigen Führer so vornehme Grundsätze gepredigt haben, wie man sie kaum den modernen englischen Gentlemen, den französischen Grandseigneurs in ihrer Blütezeit, den weisesten Philosophen und Ethikern aller heutigen Kulturvölker zutraut? Wohl können wir begreifen, daß auch fromme Christen mit einer gewissen Ehrfurcht aus das Volk blicken, in dessen Mitte Christus gelebt, gelernte und gelehrt, bas die Patriarchen, die Propheten, die Psalmensänger, die Apostel, hervorgebracht hat. Und nun die lange, lange glorreiche Geschichte der jüdischen Schmach. Wo ist ein Volk, das so viele Jahrhunderte hindurch so viele Leiden erduldet, so viele Schmach ertragen, so viele unschuldige Leben hergegeben, wenn ein einziges Wort sie am Leben und im Besitz erhalten, ihnen Ansehen und Macht verschaffen konnte? Wo auf dem ganzen Erdenrunde ist ein Volk, das all diese Verfolgungen und Verluste an Gut und Blut überdauert, allen unglaublichen Hindernissen zum Trotz sich nicht nur-aufrecht erhalten, sondern sogar bald hier bald dort zu höchstem Ansehen, großem Reichtum, zu Wissen, Können, Einfluß und Macht gebracht hat? Die Geschichte des jüdischen Volkes ist ja so einzig, so wunderbar, so ganz und gar apart daß, wenn die Juden nie sich als das auserwählte Volk , ausgegeben hätten, ein Geschichtsschreiber auf den Gedanken hätte kommen können, die jüdische Geschichte als eine auserwählte die Geschichte eines aus erwählten Volkes zu bezeichnen. .

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