Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1904)
- Date
- 1904-03-18
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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' 68. jalirgäng. 12. ' Berlin, 18. März 1904. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums" Lorrklpsndm-m und Mschrichten. Deutschland. Berlin, 14. März. Der Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde in Berlin hat soeben Nummer 18 seiner Mitteilungen ausgehen lassen. Ein Aufruf an unsere Gemeindemitglieder über die Orgelfrage eröffnet den Reigen, in dem es heißt: „Wir haben uns entschlossen, einen möglichst wortgetreuen stenographischen Bericht über diese Verhandlung im Nepräsentantenkollegium zu veröffentlichen, damit unsere Gemeinde-Mitglieder genau erkennen, wohin wir steuern. Die acht liberalen Repräsentanten waren vollzählig am Platze, um - den Beschluß der Konservativen abzuwendeii, von den 13 konservativen Mitgliedern fehlten bei der Abstimmung 5, aber der Vorsitzende der Versammlung gab, wie bereits erwähnt, bei der Stimmengleichheit den Ausschlag. Jur November d. I. finden Neuwahlen zum Nepräsentantenkollegium statt, da gilt es zu entscheiden, ob die destruktive Herrschaft der Orthodoxen noch weitere 6 Jahre in der Berliner Gemeinde bestehen bleiben soll." Dann folgt der stenographische Bericht über die erwähnte Sitzung. Und den Schluß bildet ein sehr interessanter Anssatz: „Wenn die Orthodoxen siegen" — von sluä. plül. Hans Friedeberger, der die Ansichten unserer jüngeren Generation über die Kämpfe innerhalb der Gemeinde zum Ausdruck bringt und uns die Gefahren eines Sieges der Neuorthodoxie für die Zukunft recht anschaulich vorführt. Ueber die Orgel-Enquete enthalten die „Mitteilungen" genauere Daten als sie unser letzter Leitartikel geben konnte. Darnach haben von 741 Gemeindemitgliedern im Norden und Nordosten 705 für und nur 36 sich gegen die Orgel erklärt. 3. Berlin, 11. März. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur hat am 11. d. M. Frau Dr. Helene Herrmann, der jüngste weibliche Doktor der Berliner Universität, einen sehr interessanten Vortrag über Heines „Hebräische Melodien" gehalten. Die Grundstimmung des Dichters, sein beständiges Schwanken zwischen Sensualismus und Spiritualismus, seine Quellen — namentlich Sachs, Jost und Basnage — und seine Kunstmittel wurden sachlich und gediegen erörtert. Das außerordentlich zahlreich versammelte Publikum spendete dem Vortrag lebhaften Beifall. — Aus den a n s - wärtigen Literaturvereinen: In Tilsit sprachen Frau Z. Ehren - Werth über „Gustav Freytags Jesuiten und Juden", Dr. med. Zlocisti-Berlin über „Jüdische Renaissance", Dr. Pick-Straßbnrg (Westpr.) über „Nathan der Weise und der Talmud"; in Lissa Dr. Rosenberg-Thorn über „Ein mittelalterlicher Heine". Am 1. d. M. beging der Verein sein zehnjähriges Bestehen durch eine Purimfeier, wobei ein von Herrn Felix Jakobi verfaßtes Theaterstück besonders großen Beifall fand. In Schildberg sprach Rabbiner Dr.Kraus über „Die Geisteswaffen gegen die Angriffe auf die mosaische Religion nnd thre Bekenner"; in Nakel Dr. Ernst Tuch-Charlottenburg über „Welchen Berufen sollen wir Juden unsere Kinder zuführen?", Dr. Ro senthal-Pr. Stargard über „Herder und die Bibel", Dr. Perlitz über „Don Pedro, der Grausame und die Juden"; in Landsberg a. W. Dr. Perlitz-Nakel über „Antoninus und Rabbi"; in Hirschberg Frau Regina Neisser über „Bedeutende jüdische Frauen des 19. Jahrhunderts"; in Magdeburg Dr. M. Spapier über „Drei jüdische Historiker"; in Braunschweig Kantor Ziwi-Elberfeld über „Ursprung nnd Entwicklung der jüdischen Musik"; in Hamm Dr. Hochfeld-Düsseldorf über den „Eintritt der Juden in die bürgerliche Freiheit"; in Hop p stä dten Landrabbiner Dr. Lewit über Lessings Drama „Die Juden"; in Oberstein Dr. Lewit über „Die biblische und die buddhistische Welt- und Lebensanschauung"; in Stuttgart Herr Max Hausmeister über „Gabriel Rießer und seine Zeit, seine Leistungen für das Judentum und seine Stellung als Mitglied und zweiter Vizepräsident der Deutschen Nationalversammlung", sowie über „Tolstoi, sein Leben und seine Werke, wie auch sein neuestes Auftreten zu Gunsten der bedrückten russischen Juden". — Neue Literaturvereine wurden begründet in Pforzheim, wo Dr. Appel- Karlsruhe den ersten Vortrag über „Johann Reuchlin und Johann Pfefferkorn" hielt, und in Neuenburg, wo Herr Bekofzer-Danzig über „Die soziale Idee des Judentums" sprach. 8. Berlin, 15. März. Der „Verein für Arbeitsnachweis" (begründet von den Berliner Bne Brit-Logen) versendet seinen Bericht über das Jahr 1903. „Arbeit nicht Almosen" ist das Leitwort des Vereins, das sein verstorbenes Ehrenmitglied Eugen Rosenstiel demselben zur Richtschnur seines Handelns gegeben, und diesem folgend hat der Verein nicht nur tausenden Personen dauernde Arbeit verschafft und ebensoviele vorübergehend beschäftigt, bis es ihm gelungen auch diese möglichst in dauernde Stellung zu bringen, sondern er hat armen und leidenden Personen Schreibarbeiten mit ins Haus gegeben, hat Frauen, denen der Ernährer der Familie gestorben oder arbeitsunfähig geworden, Arbeitsstuben eingerichtet, hat rückkehrenden Auswanderern, die mittellos und ohne Kleidung nach langer Irrfahrt in Berlin landeten, Kleidung und Speise gegeben, sie körperlich nnd seelisch aufgerichtet, und ihnen Arbeit verschafft, bei welcher sie sich so viel verdienten, daß sie in ihre Heimat zurückkehren konnten, wenn die Behörde ihr längeres Verbleiben am hiesiger: Orte nicht duldete. So hat der Verein eine humanitäre Tätigkeit ohne gleichen entfaltet. Die leitende Kraft desselben ist das Vorstandsmitglied Herr Jlia Ber, ivelcher die Geschäfte des Instituts mit Aufbietung aller seiner Kräfte im Dienste der Wohltätigkeit waltet und durch Umsicht dessen Erfolge schafft. Nicht weniger als 3589 Personen sind im Lause des Jahres urrtergebracht worden, und zwar dauernd 2400, vorübergehend 1189, im Ganzen 1428 Personen mehr als im Jahre 1902. Der Bericht stattet der jüdischen Gemeinde für die bewilligte Subvention und Herrn Kommerzienrat Fritz Friedländer für reichlich gewährtes Brennmaterial Dank ab, und beklagt in dern Hinscheiden des Geh. Kommerzienrats Louis Simon den Verlust eines seiner Wohltäter. Möge das Streben des Vereins auch ferner reiche Förderung erfahren. -soll. Küftrin, 14. März. Schächtverbot in Sicht! In der letzten Stadtverordnetensitzung hatte der Magistrat einen Antrag gestellt, das Schächten im hiesigen städtischen Schlachthofe gänzlich zu verbieten. Der Referent der Versammlung sprach sich im allgemeinen für deir Antrag aus, Uiünschte aber das Schächten zu gestatten, werur die Tiere vorher betäubt würden, womit sich der Magistrat einverstanden erkürte. Stadtv. Müller — Mitglied des Shnagogenvorstandes — bat um Ablehnung des Antrages unter Hinweis darauf, daß ein solches Verbot nur im Königreich Sachsen und in der Mark Brandenburg nur in der Stadt Angermünde bestehe. In Prenzlau war ein solches gleichfalls angeregt, doch seien die dortigen städtischen Behörden so tolerant gewesen, es abzulehnen. Die dortige jüdische Gemeinde habe nunmehr beim Schächten besondere Apparate und Matratzen angeschafft, wozu auch die hiesige Gemeinde bereit sei. Andernfalls würden die orthodoxen Juden gezwungen werden, ihr Fleisch von auswärts zrr beziehen oder wohl gar von hier fortziehen. Die Versammlungstimmte aber den Anträgen des Magistrats urrd des Referenterr zu! — Nachdem die früher so zahlreiche jüdische Gemeinde Kriescht sich bis auf 4 Familien verringert hat, ist die im Jahre 1861 erbaute rrnd arn 22. Juli desselben Jahres von dem Landsberger Rabbiner feierlichst unter Mitwirkung eines Bläserchors und eines gemischten Chors von jüdischen jungen Leuten eingeweihte Synagoge verkauft worden. Die Gemeinde umfaßte damals die Ortschaften des linken Wartheusers von Sonnenburg bis Hammer. Vor einigen Tagen fand nun unter Leitung des Predigers Haase-Küstrin eine Schlußseier in der Synagoge statt, aus welcher bann die heiligen Geräte entfernt wurden. Die Gemeindemitglieder sind der Gemeinde Zielenzig zngeteilt worderr. In gleicher Weise wurden vor einigen Jahren schon die Gemeindemitglieder von Sonnenburg der Gemeirrde Küftrin angegliedert.