Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1904)
- Date
- 1904-03-18
- Page
- Seite 144 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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durchsichtige Blässe' der Wangen zu rauben, was ihr, verbunden? mit einer» tiefen Ernst, einen eigentümlichen Reiz verlieh. Sie schritt langsam durch die heimischen Räume nnü sagte ergriffen! „Hütte ich Euch doch niemals verlassen!" Ihr Vater sprach" mit mildenr Vorwurfe: „Erna, verscheuche jetzt die trüben Erinnerungen. Wir beginnen jetzt ein neues Leben. Oder liebst Du Deinen früheren Gatten noch?" „Nein", erwiderte sie ruhig, „das ist alles aüsgelöscht und tot. Ich glaube, daß ich ihn niemals liebte, und daß mich nur die Eitelkeit in seine Arme geführt hat."' Ein leichtes Rot färbte ihr Antlitz. Herr Berger sagte in leichterem Tone: „Es wird Dir nicht erspart bleiben, liebe Erna, daß Deine ' Bekannten Dich Wiedersehen wollen, teils aus Teilnahme, teils aus Neugier. Wirst Dir Besuche empfangen?" Frau Berger rief aufgeregt: „In den ersten Wochen keineswegs und bann auch nur gute Freunde unseres Hauses." Erna sagte lächelnd: „Fürchte nicht sür mich, liebe Mutter. Ich beabsichtige jeden Besuch anzunehmen und auch Besuche zu machen. Vor allem wünsche ich Doktor Weil zu sprechen." „Dir konrmst meinen Wünschen zuvor, meine Tochter, er soll Dir seinen ärztlichen Rat erteilen." Erna widersprach nicht. Dem Besuchender sich bald einstellte und der ausschließlich ails Danren bestand, trat Erna so unbefangen entgegen, daß die so teilnehmenden Freundinnen ganz verblüfft waren. „Nein", zeterte Frau Meyer Abends bei ihrem Marrn, „diese Person'ist nicht klein zu kriegen. Ich sage ihr aus Mitleid, sie solle mir ihr Herz ausschütten, ich sei verschwiegen; da sieht sie mich an und erwidert: „Sie haben sich wohl im Hause geirrt". Ich war so alteriert, daß ich aufstand und mich entfernte. Ein Ding, das ich als kleines Kind gekannt!" Und ihre Nase schlängelte drohend vor sich hin. — Doktor Weil, der von dein Wunsche Ernas, ihn zu sehen, in Kenntnis gesetzt war, ließ sich bei ihr melden. Sie reichte ihm die Hand und sagte trübe lächelnd: „Ihr Wunsch, Herr Doktor, für meine sonnige Zukunft ist nicht in Erfüllung gegangen." „Frau Erna, das Geschick ist oft stärker als wir. Doch nun Mut. Zwingen Sie das Glück." „Glück habe ich nicht mehr zu erwarten, ich lebe nur noch für Pflichten." „Ich verstehe. Sie wollen sich jetzt ganz ihren Eltern widinen." „Meine Ettern bedürfen meiner noch nicht, aber bitte, hören Sie zu. Mein Leben war bis zu meiner Verheiratung ein eitles, ein faules, wie das aller meiner Freundinnen; denn das bißchen Dilettieren ist doch nur ein geschäftiger Müssiggang. In meiner Ehe war es mir versagt, meine Pflichten als Hausfrau, als Beraterin meines Gatten zu erfüllen. Wie oberflächlich die Erziehung von uns Mädchen ist, beweist die erschreckende Tatsache, daß ich leichten Herzens, ohne zu zögern, nreinen Glauben aufgeben konnte: Ich hatte viele Zeit nachzudenken, und glaubte erst, diese Haltlosigkeit sei die Folge unserer Religion. Das ist aber auch ein Jrrtmn, denn ich hatte ja keine Religion, sondern nur eine Konfession. Das hat sich bitter an mir gerächt. Hätte ich unsere Religion mehr geachtet, so wäre mir das herbe Geschick, das mich betroffen hat, erspart geblieben. Leichtfertig, ohne Überzeugung gab ich den jüdischen Glauben auf und sehne mich jetzt nach ihm zurück. Vielleicht ist die Reue zu spät, aber büßen will ich und der Buße mein ferneres Leben weihen. Ich will Krankenpflegerin werden und Sie,Herr Doktor, soltemnir denWeg zeigen." Er war erschüttert. „Wissen Sie, Frau Erna, daß außer Ihrer - geistigen Stärke auch eine körperliche dazu gehört? Glauben Die > das Grauen überwinden zu können? Denken Sie an das HerzeWd, das Sie Ihren Eltern zufügen? Bleiben Sie zu Häuse-.^nnd verschönern Sie Ihren Eltern den Lebensabend." „Herr Doktor" sagte sie finster, „meine Eltern haben mit gesündigt, deshalb folge ich ohne Schwanken meinem inneren Triebe. Wenn meine Eltern eine Tochter, eine Stütze brauchen, werde ich da sein, jetzt aber wäre ich ihnen ein Spielzeug, ein Paradestück, wie früher, und dazu — fühle ich mich zu gut. Meine Leiden haben mich erhöht." Er stand auf und küßte ihr respektvoll die Hand. „Fräulein Erna, in der chirurgischen Abteilung des Krankenhauses bin ich Oberarzt. Dort sollen Sie unter meiner Leitung für Ihren schweren Beruf vorbereitet werden, sobald Ihr Herr Vater mich darum ersucht." Sie dankte ihm mit einem warmen Blick. „Erst will ich das Zuhausesein auskosten und bei meinen Eltern bleiben. Ich muß ihnen ihre Heiterkeit wiedergeben." — Doktor Weil benachrichtigte sofort Ernas Eltern von ihrem Vorhaben, um ihr die Szene zu ersparen. Frau Berger weinte konvulsivisch. „Jetzt verliere ich meine Tochter wiederum." Herr Berger schüttelte seinen Kopf. „Es mag jetzt für das Kind das Beste sein. Wenn es sich nur nicht auf inuner fesselt." Doktor Weil lächelte. „Eine Krankenpflegerin legt kein Gelübde auf immer ab, wie eine Nonne. Lassen Sie Ihre Tochter nur ihrem Kopfe und ihrem Herzen folgen, beide sind gut." Und das Leben ging seinen Gang weiter. Erna war Krankenpflegerin ün Hospital geworden. Obgleich der Chefarzt ihr Freund war, nahm sie keinerlei Bevorzugung oder Schonung an. In der ersten Zeit wich ihr jeder Blutstropfen aus dem Gesicht, biß sie die Zähne zusammen, wenn sie bei einer Operation Beihilfe leisten mußte. Sie hielt aber tapfer aus und wurde der Liebling der Kranken. — (Schluß folgt.) Sxrechssal. Geehrter Herr Redakteur! en Vers und Text: Genesis IV, 14 nimmt Herr Dr. Bernfeld in Ihrem Sprechsanl vom 12. d. M. (Nr. 7 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums) von seinem Standpunkt aus mit Recht in Schutz. Denn fast alle alten Versionen der' heiligen Schrift fassen das fragliche -Avtfui min’sso“ als „Strafe" aus. Aber nicht jede noch so allgemein rezipierte UedersetzUng des hebräischen Textes ist die wirklich und einzig richtige. Und gerade das Idiom der berügten Phrase, sowie der syntaktische Geist des Textes widerspricht diesen Versionen. „Avon“ ist Sünde, ist Schuld, „Msso“ ist „tragen, dulden, verzeihen", „Nössa. Avon“ (int ganzen biblischen Schrifttum) bedeutet das „Verzeihen der Sünde" und nichts anderes! Und doch haben hier fast alle Versionen das so nahe liegende übersehen, und von „Strafe" gesprochen, wo einfach die „Schuld und das Verbrechen" in Sicht ist. ,Güdol avöni min’ssö“ heißt geradezu: „Meine Schuld ist zu groß, tun verziehen zu werden!" Man lese dett pragmatischen Zusammenhang des ganzen Textes zur Stelle, und man wird mir sofort beipslichten. Des Moines, Iowa, 24. Februar. Dr. S. H. Sonneschein. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe tu Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.