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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-03-18 · Heft 12 (18.3.1904) · p. Seite 143

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 12 (18.3.1904)
Date
1904-03-18
Page
Seite 143 (sequence 11)
Language
German
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143 ^QTLLeCOr? Kinder unserer Leit. Roman von Jacob L eb p. -iv i\ j.) i t ix 1 24. einrief) war erschüttert beim Anblick seines Bakers. Er fj sah blaß und eingefallen ans, mir die energischen Züge und das straffe Auftreten zeugten van der unge- - brochenen Kraft. Er war allein, seine Frau und Erna weilten noch in Mentane. „Nun Vater, die Scheidung." „Ist ausgesprochen. ■ Die Ehe liegt hinter Erna wie ein Traum. Mich aber haben inzwischen die Gewissensbisse nicht \ verlassen." „Vater!" schrie Heinrich. „Mein Sohn, wir, die Eltern, sind allein die Schuldigen. , Ich war der Schwäche Deiner Mutter gegenüber nicht stark genug. Die ungesunde Neigung Ernas konnte nur deshalb so erstarken, In eil wir dieselbe begünstigt haben. Die Welt hat die Achtung vor. mir verloren, die ich auch in der Tat nicht mehr verdiene." „Vater," rief Heinrich, „Ihr habt das Beste gewollt. Um Erna ihrem Manne, ihrer Stellung, ihrem neuen Glauben ganz und ungeteilt zu überlassen, wolltet Ihr auf das Wieder-; sehen, auf den Verkehr mit Eurer Tochter verzichten, denn : Ernas Besuche wären immer seltener geworden. Eltern, ivelche ■ so entsagen wollen, sind heilig und müssen mit Ehrfurcht betrachtet werden." „Heinrich, Dein Lob ist der größte Vorwurf für uns. Es durste zu einem solchen unnatürlichen Opfer unsererseits nicht tommim: Wir durften den Boden unseres Glaubens niemals verlassen, dann hätte Rode nicht an eine Verbindung mit Erna denken können, und ebensowenig hätten wir das Glück unseres Kindes im Blendwerk der äußeren Stellung gesucht. Wenn Erna in ihrem elterlichen Hause mehr Ehrfurcht vor der Religion gefunden hätte, wäre der Gedanke an eine Mischehe niemals in ihr anfgestiegen." „Vater, Peinige Dich nicht mit Selbstvorwürfen. Schaue voran, denke an Deine Kinder." Heinrich umarmte seinen Vater, der ihn fest an sich | Preßte. j „Ich werde Dich nicht mehr verlassen, Vater, wenn Du! so düster denken willst; mag studieren, wer will!"! Herr Berger sagte mit einem Anflug von Lächeln: i „Kehre unbesorgt nach Deiner Universität zurück. Du j hast mich aufgerichtet und — ich bin noch der Alte! Ihr j sollt doch stolz auf Euren Vater bleiben können, denn wie ich j in meiner Familie gehandelt habe, kümmert die Oeffentlichkeit! nicht. Wie war's in Hamburg?" | Heinrich erzählte. Sein Vater nickte billigend.! „Wo werden nun die Kinder Unterkonunen finden,! Vater?" . | „Ich denke, im jüdischen Hospiz. Ach, Du kennst dies noch j nicht? Es ist hier ein Hospiz gegründet für auswärtige und i heimatlose junge Leute, dort erhalten Kommis, Ladenmädchen, - Näherinnen, kurz alle, die sich anständig ernähren, für sehr j billiges Geld Pension. Dort ist eine Bibliothek, ein Klavier,; eine Auswahl Spiele, einzelne halten Vortrüge. Wir haben i einen sehr tüchtigen Verwalter, der mit seiner Frau das Ganze zu unserer Zufriedenheit leitet." „Bist Du im Vorstand, Vater?" „Ja, ich habe es mit geschaffen und ihm einige Spiele geschenkt." Das war richtig, nur hatte er außer den Spielen das Haus und die ganze Einrichtung gestiftet. „Nun, dann wäre ja unseren Niunänen geholfen. Aber es ist ein Mädchen dabei, lieber Vater, das Deiner besonderen Fürsorge wert ist. Es ist aus guter Familie und hat so viel gelernt, daß sie nicht zur Arbeiterin entwürdigt werden darf." „Arbeit entwürdigt niemals, Heinrich. Ich werde das Mädchen aber prüfen und seinen Kenntnissen entsprechend beschäftigen." Heinrich dankte seinem Vater mit so beredten Worten, daß dieser ihn verwundert anschaute. . . Es klopfte an und Philipp Kühl trat ein. Heinrich eilte ihm mit einem freudigen Ansruf entgegen iinb begrüßte ihn herzlich. Philipp war ein trefflicher Mensch geworden. „Seien Sie willkommen, Herr Berger." „Philipp, bist Du toll? Ich heiße für Dich immer noch Heinrich. Wie geht's Dir?" „Dank Deinein verehrten Vater geht's mir vorzüglich. Herr Berger, mein Studium dauert noch etwa zwei Jahre. Dann beweise ich Ihnen meine Dankbarkeit. Ich baue Ihnen eine neue Lichtanlage nach System Kühl und dann werden die Vier Jahreszeiten noch berühmter." Er rieb sich die Hände und sah Herrn Berger strahlend an. Dieser lachte. , „Gilt Philipp. Bis dahin soll keine Glühbirne bei mir verändert werden." Philipp empfahl sich. Heinrich begleitete ihn. „Wir wollen einen Frühschoppen trinken." „Wo? In Eurem Erholungsraum?" Heinrich schüttelte sich. „Dort gibts keinen Alkohol. Komm zlim Spatenbräu." Wie sie nun beim Bier zusmnmen saßen, erzählte Philipp dein staunend zuhörenden Heinrich von den neuesten Unternehmungen seines Vaters und den fürstlichen Schenkungen an die Wohltätigkeitsanstalten, besonders die jüdischen. „Höre, Heinrich, was Dein Vater leistet, ist mit einem Wort gigantisch. Er hat den großen Zug . der amerikanischen Milliardäre, und es ist bernerkenswert, wie er bei seinen wohltätigen Stiftungen immer einen neuen, praktischen Zweck im Auge hat." „Und dieser Mann konnte andererseits so schwach sein" murmelte Heinrich. Philipp, dem das Ehedrama ebenso bekannt war, wie der übrigen Welt, schaute Heinrich an und sagte: j „Heinrich, Reflexionen nützen jetzt nichts mehr. Man sieht Deinem Vater an, wie die Reue an ihm nagt, aber die Buße, die er sich auferlegt, gereicht zum Heile von tausenden hilfsbedürftigen Juden. Es wird jetzt noch einige Rührung mit Euren Damen absetzen, dann aber auch fort mit den Selbstvorwürfen.!" Heinrich lächelte. „Du hast Dich ganz außer Atem gesprochen. Aber laß gut sein, Philipp, Nur werden schon Herr über das Unglück werden." — Die Damen waren znrückgekehrt. Erna hatte ihre jugendlichen Kräfte und ihre frühere Schönheit wiedergewonnen. Die heiße Sonne des Südens vermochte aber nicht, ihr die

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