Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1904)
- Date
- 1904-03-18
- Page
- Seite 139 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Bedeutung dieses Kantors hat wohl am trefflichsten der grösste jüdische Prediger der neuen Zeit, 'Adolf Jellinek, in einer Rede entwickelt, die er -am Sarge des Verblichenen im Tempel der inneren Stadt Wien gehalten hat. Ich entnehme derselben nur die folgenden Worte: „Die Stimme, welche mehr als ein halbes Jahrhundert zum Lobe Gottes hier ertönte, ist verstuöimt, verstummt für immer. Diese Stinuue, wer vermag sie zu schildern? Ihre Starke und Zartheit, ihre Höhe und Tiefe, ihre Fülle und ihre Feinheit, ihre Weihe und ihre Wirkung, ihren Wohlklang und ihren erschütternden Gesang? Diese Stimme entzückte, überwältigte und begeisterte, öffnete die Pforten des Himmels, drang ein in die Tiefe der Seele, entlockte dem Auge Tränen der Freude und der Trauer und der Nene. Ihr lauschten zwei Generationen, ergriffen und hingerissen, der Jüngling und der Greis, der Mann und das Weib, der Laie und der Künstler, der Fürst wie der Untertan, der Jude wie der Nichtjude. Das war nicht eine Stinuue, das Ivaren mannigfache'Stirnmen des hellsten Jubels irnd des tiefsten Kununers, der lauten Freude und der wehklagenden Trauer, der trüben Vergangenheit, der freieren Gegenwart und der hoffnungsvollen Zukunft. Und woher kam die übermächtige Wirkunge dieser Stimme? Waren es der Klang und die Kunst allein, die ihr einen nusterblichen Zauber verliehen? O nein! Sie war das Echo einer inneren Stimme, eines Seelenganges, einer Herzensmelodie seiner eigenartigen Persönlichkeit. Denn Salomon Sülzer hatte eine lebhafte, dichterische Phantasie, erfüllt und genährt mit den prachtvollen Bildern der Propheten, den farbenreichen Gemälden des biblischen Altertumes, fcieu Sagen und Legenden des Mittelalters, den Hoffnungen des israelitischen Volkes. Was er sang, das sah er vor sich in lebendigen- Gestalten, das umschwebte seinen Geist. Er vergaß seine Umgebung, Zeit und Raum, und seine dichterische Phantasie versetzte ihn in eine andere, alte Zeit. Wenn der Himmel Oesterreichs nmwölkt war und Israel tummervoll einherging, rief er seiner Gemeinde wie ein Führer und Feldherr zu: „Höre Israel, der Ewige, unser Gott ist ein einziger Gott; fürchtet nicht, verzagt nicht, verzweifelt nicht!" Das klang wie eine Zusprechung, wie eine .Ermutigung, wie ein Aufruf: „Hoffe und harre und bleibe stark!" Wenn die Sonne der Freiheit in Oesterreich anfging und auch die Bekenner des Judentums umstrahlte, sang er in seiner ganz anderen Tonart: „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, ist ein einziger Gott, Du hast nicht vergebens gehofft und ansgeharrt -r die Gerechtigkeit hat gesiegt, die Freiheit triumphiert!" - Aus seiner Stimme klang ein treues, teil:: ahmvolles Herz, denn er war ein „Bote und Vertreter der Gemeinde" im vollen Sinne des Wortes. Er lebte in der Gemeinde, fühlte mit der Gemeinde, jubelte unb jammerte mit den Familien, nahm, den wärmsten Anteil an ihrem Wohl und Wehe. Wenn ein nichtiges Ereignis, ein. heiteres oder ein trübes, die Gemüter bewegte, so fand er im Gebete einen Satz, den er festhielt, durch Modulation erweiterte und dem 'er eine neue Seele einhauchte, die mtf den Fittichen des Gesanges znm Himmel empordrang. - Die Stimme— verstummt, — der liederreiche Mund ist geschlossen. Was aber Sälomon Snlzer im Reiche der Töne geformt, gedichtet und umgestältet hat, das bleibt fort und fort." Selbst Tondichter von europäischem Ruf, wie z. B. Franz Liszt, der große Klavierkönig, waren von den ergreifenden gesanglichen Vorträgen des Meisters entzückt. Hier mag ein Urteil Liszt's, das er in seinem Bllche: „Die Zigeuner und ihre Musik in Ungarn" niedergelegt hat,- auszugsweise wiedergegeben werden: „Wir haben ein einziges Mal Gelegenheit gehabt, eine Ahnung von dem zu empfinden, was eine jüdische Kunst werden könnte, wenn die Israeliten alle Intensität des in ihnen'lebenden Gefühles in Fornr ihres eigenen Geistes kund gäben. Wir lernten in Wien den Kantor Sulzer kennen. Die zum Verhüllen des innersten Lebens gebräuchliche Maske ist bei dieser Künstlerorganisation nicht so undurchdringlich wie sonst und läßt ans Augenblicke das wirkliche Gepräge seiner Seele durchleuchten, wie es die geheime Rede väterlicher Belehrung ihr ansgedrückt haben. Dann scheint es, als habe er mitgemeißelt an den Felsblöcken zu den Pyramiden, als habe er das rote Meer mit überschritten und Pharao in den Wellen j -versinken sehen; als gewähre er noch die Feuerwolke, welche das aus- - i erwählte Volk vor. den Augen der Feinde verhüllt, als seien die! Enrpörer Korah, Dathan und Abiram vor seinen Augen verschlungen ' worden, als habe er mit Hiram den Tempel des Salomo betrachtet, i als sei er in Ophir und Sidon gewesen und habe zu Ezechiels Zeit I die Gesänge der Gefangenen an den Ufern des Euphrats vernommen,! nachdem er in Sions Freudenliedern dem Sistrum und Psalter und Davids Harsenklüngen gelauscht. Um ihn zu hören, gingen wir zur; Synagoge, deren musikalischer Leiter und Vorsänger er war. Selten! haben wir eine so überwältigende.Erschütterung aller Saiten der! Gottesverehrung und des menschlichen Mitgefühls erlebt, als an ' diesem Abend, wo beim Scheine der den Plafond gleich Sternen überi säenden Kerzen ein seltsamer Chor anhub von dumpf gutturalen; Stimmen, als wäre jede Brust eine Kerkerzelle, aus deren Tiefe sie j sich rangen, um dem Gott der Bundeslade in Elend und Eefangen- I schaft zu. lobfingen, ihn im festen Glauben anzurusen, voll der Ge-! wißheit einstiger Erlösung ans endlos langer Sklaverei, einstigem; Entrinnen ans diesem verhaßten Land, einstiger Wiederkehr in ihr! Königreich vor den Blicken der entsetzten Nationen mit einen: Triumph j voll unvergleichlicher Pracht. Beim Aussprechen dieser hebräischen! Worte glaubte man dunkle Blumen sich von ihren Stengeln erheben! und ihre klingenden Goldblätter irr die Lüfte verstreuen zu sehen; l diese rauhen Töne, schimmernden Diphthonge und knitternden 1 Endungen durchschwebten den Raun: und streiften wie mit leckenden Feuerznngen das Ohr." Das Leben Salomon Sulzers war auch sonst reich an künstlerischen Erfolgen und Anerkennungen aller Art. Während des langen Zeitraumes, wo Snlzer im Amt war, — Wien j hatte er so lieb gewonnen, daß er jede andere Berufung znrück- ■: wies und bis an sein Lebensende in der Stadt an der schönen i blauen Donau wirkte — wurden, ihn: wiederholt von nah und j fern, von großen und kleinen Gemeinden, von Musikinstituten,; Künstlern k. rauschende Huldigungen dargebracht.! Es würde mich zu weit führen, wollte ich alle Aeußerungen! der Anerkennung, der Dankbarkeit und der oft sich, über-; schwenglich äußernden Verehrung hier wiedergeben, und so sei! es mir nur gestattet, ans der Fülle der Kundgebungen jene i Momente herausgreifen zu dürfen, die nicht allein ein persönliches, sondern zugleich auch ein kulturhistorisches Interesse; beanspruchen dürfen. Anläßlich des 40 jährigen Amtsjubiläums des gefeierter:! Oberkantors — am 24. März 1866 — richtete der Vorstand der j Wiener israelitischen Knltusgemeinde an denselben eine Hulj digungsadresse, wie sie wohl noch nie zuvor ein jüdischer! Kantor erhalten hat. I Auch in Versen wurde das 40 jährige Kantorjubiläum Salomon Sulzers. gefeiert. Namhafte Dichter wie S. H. Mosenthal, der Dichter der „Deboräh", Ludwig August Frankl, I. S. Tauber u. a. begrüßten das denkwürdige! Ereignis in schwungvollen Gedichten, welche von großen - Bühnenkünstlerinnen, Mitgliedern des Wiener Hoftheaters, wie : Zer l in e G ab i ll o n, Amalie H ai z in g e r u. a. gesprochen wurden. Deur hochpoetischen Prolog des ersteren seien hier j nur die nachstehenden Strophen entnommen: j Da kam ein Mann, dem flücht'gen Volk entstammt,! Begeistert von der Muse heiligem Drang,! Der schlug die Zionsharfe gottentflammt, j Daß sie wie unter Davids Fingern klang. . j Und zog ans Herz mit liebevollem Fleiße Der Väter heilige und hehre Weise. I; , Mit dem Gesetz der künstlerischen Schöne Band er die alten heimatlosen Töne.