Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1904)
- Date
- 1904-03-18
- Page
- Seite 138 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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/' - 138 namens Lippmanu, nahm, er Unterricht, mit demselben allerlei Kunstreisen unternehmend, d. h. sie funktionierten als Gäste verschiedener Genreinden. Nachdem er noch gründliche musikalische Studien in Karlsruhe gemacht, trat er nach Ablcütf des Trienniums definitiv sein Amt an. Sein prachtvolles Organ, sein inniger Vortrag und vor allerrr der Geschmack, den er als Vorbeter entwickelte — diese damals bei den Kantoren so seltenen Eigenschaften — lenkten bald die Aufmerksamkeit aus den hochbegabten jungen Mann, und als man in Wien daran ging, die neue Synagoge in der Seitenstettengasse einzuweihen, wurde auf Veranlassung I. N. Manheimers Sulzer nach Wien berufen. Man wird gewiß den Wortlaut dieses Verufungsschreibens, gerichtet an den einundzwanzigjährigen Künstler, noch jetzt mit Interesse lesen,') er lautet: „Wien, den 9. Dezember 1825. P. T. Herrn Salomon Sulzer, Wohlgeboren! in Hohenems. Die Vertreter der israelitischen Tolerierten in Wien wünschen bei dem allhier neu errichteten Bethause, dessen Bau nächstens beendet sein wird, einen Mann als Vorbeter (jfn) anzustellen, der nebst einem in religiöser und nwrälischer Rücksicht unbescholtenen Charakter und - Lebenswandel auch nachfolgende Eigenschaften besitzt: 1. eine kräftige sonore Stimme; 2. musikalische Einsicht und Fertigkeit, um teils bei der Abfertigung von Melodien, teils bei der Organisation eines Chores, nötigenfalls selbst eine hilfreiche Hand bieten zu können; 3. grammatische Kenntnisse der hebräischen Sprache pHpl Irr der Voraussetzung, daß Euer Wohlgeboren diese Fähigkeiten vereinigen und zur Armahme einer Vorbeterstelle allhier geneigt sein möchten, ersuchen die Herren Vertreter Sie um eine genaue Anzeige an dieselben ergehen zu lassen, rrnd die näheren Bedingungen ihnen anzugeben. Im Arrftrage der Herren Vertreter der Israeliten in Wien: I. N. Manheimer." Manheimer hatte den richtigen Mann an den richtiger: Platz gestellt, denn wenn je einer berufen war, den alten herzerhebenden und herzergreifenden hebräischen Melodien ein wahrhaft musikalisches Gepräge zu geben und den liturgischen Text in würdiger und weihevoller Weise zürn Ausdrrick zu bringen, war es Sulzer, der die Erwartungen Manheimers und seiner Auftraggeber in: Laufe der Jahrzehnte in glänzender Weise erfüllte. Er folgte dem ehrenvollen Ruf und wirkte bis an sein Lebensende in Wien, dem synagogalen Gottesdienst einen außerordentlichen Glanz verleihend und die synagogale Musik durch seine Leistungen wie seine Kompositionen von Grund aus urngeftaltend. Als Chasan (Vorbeter), wie als Komponist wurde er geradezu vorbildlich. Durch seine in Wien in zwei Bänden herausgegebenen gottesdienstlichen Gesänge: „Schir- Zion", die sich in fast allen Synagogen einbürgerten, hat er bahnbrechend gewirkt und als Pfadfinder voll Geschmack und Begabung sich bekundet. Dieses musikalische Meisterwerk ist auch jenseits des Meeres eingeführt und sogar in Jerusalem in: Bethause „Bet-Jakob" in Gebrauch. Während der erste Teil überwiegend in deutschem Musik-, speziell in Haydüschern und Mozarth'chem Stil sich bewegt, und auch von anderen Meistern, wie z. B. Seyfried, Schubert, y Vergleiche: Gedenkblätter an Oberkantor Salomon Sulzer, Wien 1882; Gr äff er, Jüdischer Plutarch; G. Wolf,' Geschichte der israelitischen Kultnsgemeinde in Wien 1820—1860, ders.: Geschichte der Juden in Wien 1156—1856, und Eduard Kulke; Salomon Sulzer, eine biographische Skizze. Fischhof, Würfel, Drechsler ulid Volkert Kompositionen enthält, sind die Gesänge des zweiten Teiles nicht nur kräftiger, origineller und kirchlicher, sondern sie tragen auch ungleich mehr das Gepräge jüdisch-orientalischer Musik und zeigen uns die Eigenart Sulzers als Komponist. Nur in einigen wenigen Chören, sowie in manchen der recitativartigen Einzelgesünge des Kantors hat er ältere, im synagogalen Gottesdienst zu besonderer Bedeutung gelaugte Melodien zu Grunde gelegt. Selbst ein so scharfer und rücksichtsloser Musikkritiker wie Eduard Hanslick kann nicht umhin, über die Bedeutung des Sulzersichen „Schir-Zion" das nachstehende Urteil abzugeben : „Obwohl natürlich dem modernen Ton- und Modulationssystem angehörig, läßt, es ein eigentümliches orientalisch-jüdisches Gepräge nirgends Vermissen. Mit voller Anschaulichkeit tritt dasselbe allerdings erst heraus, wenn die Note durch den charakteristischen nationalen Vortrag belebt und individualisiert wird. Aber auch die Note an sich trägt diesen Typus: Wir finden sie in dem Verwiegen des Necitativischen, das im Munde eines Kantors wie Sulzer den Charakter begeisterten Jmprovisierens annimmt, in gewissen rhythmischen, harmonischer:, vorzüglich aber melodischen Grundzügen, wiederkehrenden Kadenzen, und Schlußformeln." „So dürfen wir denn auch kn „Schir-Zion" den Repräsentanten des modernen synagogalen Gesanges im nationalen Grundton anerkennen. Die Gesänge sind durchaus vokal, ohne Instrumental-Begleitung, und werden vom Kantor teils allein, teils gemeinsam mit den: Chor vorgetragen. Letzterer ist ein geschulter Sängerchor von Männern und Knaben. Von schöner, ergreifender Wirkung sind die Wechselgesünge zwischen dem Kantor und dem Chor; jener beginnt allein mit einem kräftigen Motiv — die häufigen Intonationen von Grundton in. die Quinte gebe:: ihm den Charakter des Rufenden, Emporschwingenden, der . Chor erwiedert in kürzeren oder längeren vierstimmigen Sätzen. Einige Chöre hat Sulzer mit Orgelbegleitung versehen und damit tatsächlich gegen allzu orthodoxe Stimmen für das Recht der Orgel in der Synagoge plaidiert. In großen Räumen ist dies Instrument zur Unterstützung und Ausfüllung reiner Vokalmusik nahezu unentbehrlich: sein universal-religiöser Charakter eignet sich für jeden monotheistischen Kultus, historisch dürfen die Juden überdies auf ihr „Magrepha" und „Maschrokita" Pochen, die, primitiv und bald überwunden, doch immerhin Orgeln waren. Den: christlichen Abendlande verdankte die Orgel ihre Ausbildung, aber nicht ihre Herkunft. Das musikalische Verdienst Sulzers erscheint in den Augen des Kenners gesteigert durch viele eigentümliche, in der Sprache wie im Rhythmus begründete Schwierigkeiten. Die Melodie muß allezeit dominieren, die Stiunne des Kantors dem Chor stets voraus und überlegen sein, kein Wort darf wiederholt werden. Die Texte entbehren jeglicher Strophen-Architektonik und fügen sich schwer den: musikalischen Takt und Periodenbau; dazu treten die strengsten Ansprüche auf die Beachtung der überaus schwierigen Prosodie des Hebräischen." Alle jene Ehrungen und Ovationen, deren sich Sänger von Gottes Gnaden erfreuen, wurden auch Salomon Sulzer zu teil, der sich auch außerhalb des Synagogengesanges als ein stimmgewaltiger und feinsinniger Künstler bewährte. Er exzellierte speziell im Vortrag SchuberPscher Lieder. Es wurde ihm die Auszeichnung zu teil, daß er u:anchn:al zur Mitwirkung bei den Hofkonzerten, wie zl B. bei der' Erzherzogin Sophie und dem Erzherzog Karl, befohlen wurde. Die Schwerkraft seiner Tätigkeit lag natürlich im Kantvrat. Er war vielleicht der stimmgewaltigste Kantor, der je in einer modernen Synagoge seine Stimme zum Lobe Gottes erklingen ließ.