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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-03-18 · Heft 12 (18.3.1904) · p. Seite 137

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 12 (18.3.1904)
Date
1904-03-18
Page
Seite 137 (sequence 5)
Language
German
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„Es sind Dichtungen eines bewegten, sittlich-starken Herzens, das auf seine Gefahr rücksichts- und furchtlos' hinausruft ins Volk. In dieser Leidenschaftlichkeit (auf Geheiß der Wahrheit) finde ich den Grundzug Ihrer Gedichte, den Grund ihrer Schönheiten wie ihrer Mängel. - La ff e n S i e d o ch j a-die s e Mängel stehen!" Auf diese Mahnung eines Gelehrten hin trat Friederike Kempner an die Oeffentlichkeit und 'wurde vielleicht zumeist gerade infolge einiger ironischer Kritiken dadurch zu einer Art Berühmtheit. Ihre Gedichtsammlung hat sie ihrer Mutter, M. Kempner geb. Aschkenafy, gewidmet. Der Mut, mit welchem Friederike Kempner, .unbeirrt durch allerhand spöttische-Zusendungen, „den Widerstand der stmnpfen Welt besiegt", die Offenheit, mit der sie ihr Judentum in den Gedichten wiederholt bekennt, und die Unerschrockenheit, mit der sie gewissen Zeitauswüchsen entgegentrat, rechtfertigen es wohl, wenn wir der Vielgeschmühten hier Worte der Anerkennung Nachrufen.' Unsere Leser mögen aus einigen Gedichtproben selbst urteilen. Schon in den früheren Auflagen steht: Die Judenkirsche. (Phyeallis Alkekengi.) Ein kleines ernstes Bäumchen ' Streckt seine Zweige aus, Es ließ sich nicht gerir sich essen, Und Haß war drum sein Los! - Hellrot sind seine Fruchte, Die Blüten weiß wie Schnee, Es zeuget die Geschichte .. Von Bäumchens Schmerzensweh. Das Frankfurter Börne-Denkmal, das noch in Deutschland n i ch t vorhandene Denkmal Heinrich Heines regen die Dichterin .zu lyrischen Ergüssen an, die zwar nicht klassisch in der Form, aber (wie N. v. Esenbeck richtig urteilte) „rücksichts- und furchtlos von der Tribüne hinaus ins Volk gerufen sind." Einige kleine Geschmacklosigkeiten in der Form können, gegenüber der Reinheit des Strebens der Dichterin ernstlich nicht ins Gewicht fallen. So lauten einige ihrer Verse an He in r ich H ein e: Ruh' in Frieden/ großer Dichter, - Rrch in Frieden, Dichtergeist, Nutz' in Frieden, Herz voll Saiten, Das kein Mißton mehr zerreißt. . . . . singe, spiele weiter,- Jener Lieder süße Worte . . Von des Fichtenbaumes Träumen In des Nordens kalter Höh ... . Singe in des Himmels Sphäre, Alle Engel stimmen ein, Witzliputzli sei vergeben —- Alle Poesie ist rein! Ihr echt jüdischer Optimismus läßt die Dichterin, der es an anonymen Schmähbriefen (wie sie in der Vorrede mitteilt), nicht mangelte, an dem Fortschritt der Menschheit nicht, verzagen. So dichtet sie folgendes auf den Fanatismus: . Du hast dich eingeschlichen .7 In unsre neueste Zeit, ' . . Doch ists ein letztes Flackern, Du machst umsonst dich breit — Du bist ja nur ein Schatten, Gespenst aus morscher Zeit, Besiegt; — geweiht der Sage Und der Vergänglichkeit. — r . Den Antisemiten liest Friederike Kempner dtzn Text in einem Gedicht, das (wie das meiste, was sie geschrieben) sehr harmlos ist, obwohl folgendes Motto Grillparzers darüber steht; Der Weg zur neuen Bildung geht ' Von Humanität Durch Nationalität Zur Bestialität. Die Glosse der Dichterin wollen wir hier nur im Artszuge wiedergeben: v Zanket nicht, hetzet nicht, . .-= Friedlich scheint das Sonnenlicht, ' Laßt die Juden und die Christen Ungekränkt ihr Leben fristen. Ein anderes Mal dichtet Friederike Kempner: Aus allerlei Hetzen. Das ist ein helles Zanken, . Ganz ohne Unterlaß, Für dieses kurze Leben Hat man nicht Zeit zum Haß! . ' Bon der Harmlosigkeit und dem frommen Gemüt der Dichterin, das sich mehrfach in ihren Hymnen wiederspiegelt, zeugen auch die unter derselben Ueberschrift abgedruckten Verse, mit denen wir unseren Nachruf schließen wollen: Freundlich gucken meine Blicke, Hoffnungsvoll den Himmel an. Einem freundlichen Geschicke Harrt getrost der fromme Mann. . ' ■ ■ Salomon Sul?er. Von Dr. Adolph Ko Hut. ' ir wissen, welch hohe Bedeutung' im synagogalen Gottesdienst, einem. musikalisch gebildeten, mit vorzüglichen Stimmmitteln begabten und durch seelischen Vortrag sich auszeichnenden Kantor zukommt. Wenn diese Vorbeter und Sänger Künstler in des Wortes edler Bedeutung sind, die durch die ideale Verschmelzung von Wort und Ton, von Tradition und Modernem auf die Gemüter der Beter zu wirken bemüht sind, und wenn sie nicht gesangliche Kunststücke zum besten geben, sondern nur das göttliche Wort in weihevoller und würdiger Weise künstlerisch zum Ausdruck bringen wollen, werden sie ganz außerordentlich zur Hebung des Gottesdienstes beitragen. Sie sind dann Kultusbeamte im wahren und schönen Sinne. Zu den Altmeistern unter den jüdischen Kantoren, die sowohl durch ihre meisterhaften gesanglichen Kunstleistungen als auch ihre Kompositionen für die Synagoge sich einen unsterblichen Namen errungen, gehörte auch Salomon Sulz er, der länger als ein halbes Jahrhundert als Oberkantor der israelitischen'Kultusgemeinde zu Wien überaus segensreich wirkte und sowohl als Reformator des Synagogengesanges wie auch als Sänger und als Komponist unsterbliche Verdienste sich erworben hat. Geboren wurde Salomon Sulzer am 30. Mürz 1804 . zu Hohenems in Vorarlberg. Er hieß eigentlich Levi; '.da jedoch sein Großvater zu denjenigen gehörte, die bei der Judenvertreibung aus Sulz den Wanderstab ergreifen mußten, so nannte man ihn Sulzer> und auch er nahmdiesen Namen an. Schon frühzeitig entwickelte sich bei ihm eine hervorragende Begabung für Gesang und'Musik, und seine schöne.Baritonstimme bestimmte die wohlhabenden Eltern, dieselbe künstlerisch ausbilden zu lassen. Ein frühreifes Wunderkind, wählte ihn, den dreizehnjährigen Jüngling, die Gemeinde zu Hohenems nach einem sehr gelungenen Vortrag provisorisch zu ihrem Vorbeter, ihn verpflichtend, im Laufe von drei Jahren sich in. würdiger Weise für chas offizielle Amt vorzubereiten, was denn nuch in vollem Maße geschah. Bei einem sehr tüchtigen Kantor ,

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