Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1904)
- Date
- 1904-03-18
- Page
- Seite 136 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228581-3228594--60662-3274442- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
bruders in Lessings „Nathan" (4. Akt,- 7. Szene) sich erinnerte : . „Und ist denn nicht das ganze Christentum Aufs Judentum gebaut? Es hat mich oft Geärgert) hat mir Tränen g'nug gekostet, Wenn Christen gar so sehr vergessen konnten, - Daß unser Herr-ja selbst ein Jude war!" * ' Liest man die Verhandlungen und das Urteil in dem Prozeß von Zablotow in Galizien, so kommt man zu der Erkenntnis, wie recht der sel. Karl Emil Franzos hatte, wenn er diesen Teil Oesterreichs. Halbasien nannte. Unwillkürlich wird man stets an Kischinew erinnert. Wie wir seinerzeit mitgeteilt haben,- fanden am 11. September v. I. in dem oftgalizischen ■ Städtchen Zablotow anläßlich eines Jahrmarktes blutige Exzesse gegen die Inden statt. Die böswillige Ausstreuung des Gerüchtes, daß die Juden eine Bäuerin zu rituellen Zwecken abgeschlachtet Hütten, versetzte Hunderte von Bauern in fürchterliche Erregung; sie sielen über die unglücklichen Juden mit Prügeln, -Eisenstangen und Mistgabeln her, Verwundeten mehr als 40 von ihnen, plünderten und verwüsteten ihre Häuser. Die barbarisch , mißhandelten jüdischen Bewohner Mordko Burg, Juda Karpel, Rachmil Nier und Aba Eisenberg entgingen nur wie durch ein Wunder, dem Tode. Nach den übereinstimmenden Aussagen zahlreicher Zeugen standen an der Spitze der ruthenischen Exzedenten ein polnischer Finanzwach-Oberaufseher, der in Uniform und mit blankem Säbel die 'Bauern anführte, und. ein gleichfalls polnischer Drogist. Am 5. März hat nun das Kreisgericht Kolomea nach zweiwöchentlicher Verhandlung das Urteil über die Uebeltäter gesprochen. Von den 31 Angeklagten wurden nur 12 zu Kerker-und Arreststrasen in der Dauer von . fünf Tagen bis zu drei Monaten verurteilt, die übrigen aber, darunter die beiden 'obenerwähnten Rädelsführer, sowie der Bauer Wakaluk, der geradezu als Ueheber des Ritualmordgerüchtes bezeichnet wurde, freigesprochen. Obwohl der angerichtete Schaden viele Tausende von Gulden betrug, wurden den Beschädigten doch im ganzen nur 268 Kronen als Schadenersatz zugesprochen. Der Vergleich zwischen diesem Urteil und jenen von Kifchinew drängt sich, wie gesagt, von selbst auf. Glücklicherweise existiert aber in Oesterreich. ein oberster Gerichtshof. Und da der Staatsanwalt gegen das freisprechende Erkenntnis des Gerichtshofes die. Nichtigkeitsbeschwerde, gegen das Strafausmaß der Verurteilten die Berufung erhoben hat, so darf man hoffen, daß die Schuldigen ihre verdiente Strafe erhalten und das erste Urteil kassiert werden wird. Am Ende ist ja Oesterreich doch ein Rechtsstaat. * Die russische Presse hetzt auch in dieser trüben Zeit nach wie vor — gegen die Juden. Vor allem die „Nowoje Wremja".' Tag für Tag tischt sie ihren geduldigen Lesern die gemeinsten und häßlichsten antisemitischen; Geschichten auf. Auf alle Fragen weiß das Blatt nur eine Antwort : Die Juden sind an allem schuld! Daß überhaupt ein Krieg zwischen Rußland und. Japan ausgebrochen, daß Amerika oder England mit Japan sympathisiert — alles ist aus das Konto der Juden %xx setzen „Will man die Japaner im fernen Osten besiegen, so muß man bei den heimischen Japanern), den Japanern in, Rußland, das heißt bei den russischen Juden den Anfang machen", so ungefähr schreibt ein Herr Menschikow in einer der. letzten Nummern der - „Nowoje Wremja". „Juden lesen viel", antwortet, der Ruß", „und die Worte von. Menschikow werden bis zu,-den Ohren der Tausende und. Abertausende von jüdischen Soldaten dringen, die für. ihr Vaterland künrpfen. Welches Gefühl wird sich ihrer bemächtigen, wenn sie hören, daß sie, die ihr Herzblut für Rußlands Ehre opfern, in Petersburg von einem berüchtigten Feuilletonisten der Gegenstand solchün-" erhörter Beschuldigungen sind?" * Die russische Bevölkerung befindet sich zur Zeit. in einer nervösen Erregung und leider scheint diesem Hetzerder Moment gekommen, ein neues Kischinew zu arrangieren. Aus dieser.zu trauriger Berühmtheit gelangten Stadt hat in der. vorigen Woche der aus dem ersten-Prozeß bekannte Agitator Pronin telegraphisch der Kaiserin Alexandra Feodorowna die selbstverständlich erlogene Nachricht gemeldet, daß die Juden von Kischinew sich über die Mißerfolge der Russen auf dem Kriegsschauplätze freuen. Es ist geradezu unglaublich, was jetzt auf diesem Gebiete in 9iußland geleistet wird. Die Liebe zum Staate und der Eifer, ihm Gut und Blut zu opfern, wird stets in geradem Verhältnisse stehen, zu dem Werte, den der Staat hat.. Daß Völker, bei denen Mißregierung herrscht, im Kriege zufammenbrechen, ist eine geschichtliche Erfahrung, die auch in Zukunft kaum eine Ausnahme, erleiden wird. Die russischen Juden aber geben gerade in dieser. Zeit ein Beispiel von seltenem Heroismus, indem sie alle Unbilden vergessen und nur an das Schicksal des Vaterlandes denken. ' Aus Ru m ä n i e n werden wieder nette Skandälgeschichten berichtet, die den Beweis liefern, wie sehr die Herrn Bojaren im Rechte sind, wenn sie „gegen die jüdische Korruption" ankänrpfen. Bei den Abstimmungen über die Jndigenate. (die Zuerkennung des rumänischen Staatsbürgerrechtes an Fremde) sind Bestechungen und Mißbräuche vorgekommen, so . zwar, daß zwei Deputierte, deren Namen genannt werden, in einem bestimmten Falle, wo es sich um das Jndigenat eines Lizentiaten der Rechte handelte, Geld genommen haben. Bei dieser Gelegenheit kamen die ungeheuerlichsten Zustände zur Sprache,. die im Parlament herrschen. Vor der Hand hat aber, die ganze Angelegenheit nur die Wirkung gehabt, daß das Parlament überhaupt keine jüdischen Jndigenate mehr votiert. Der Schaden, der hieraus erwächst, ist freilich ein sehr geringer, da im Laufe einer Parlamentssession höchstens zehn bis zwölf Juden das Bürgerrecht erhalten, sodaß diese Naturalisierungen an der Gesamtlage der Inden nicht das geringste ändern und höchstensdazu angetan sind, der Welt Sand in die Augen zu streuen und sie über die systematische Ver-- gewaltigung der eingeborenen rumänischen Juden hinwegzutäufchen. Der ganze Vorgang wirft aber ein Helles Licht auf die Moral der heutigen Machthaber in Rumänien. Ät? Friederike lkrmpner. Von M. Friedeberg. muf ihrem Gute Friederikenhof verstarb in hohe'm Alter dieser Tage die Dichterin Friederike Kempner. Eine Dichterin war sie, obwohl ihre Gedichte mir liegt die siebente, aus dem Jahre 1895 stammende Auflage vor — hier und da in der Form nicht durchgefeilt waren und seltsamer Anklänge nicht ganz entbehrten. Die Heimgegangene hatte, „fast noch ein Kind", ihre Gedichte dem großen Botaniker Rees von Esenbeck vorgelegt. Sie betrat den Weg der Oeffentlichkeit, da er, der Achtzigjährige, ihr, nach Beratung mit Rudolf Gottschall,, schrieb^