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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-03-18 · Heft 12 (18.3.1904) · p. Seite 135

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 12 (18.3.1904)
Date
1904-03-18
Page
Seite 135 (sequence 3)
Language
German
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Dir Wucht. - Berlin, 15. März, ei der großen prinzipiellen Bedeutung, welche die Debatten im N e i ch s tage über die Stellung der Juden im Heere haben, halten wir es für notwendig, die Erklärung des Kriegsministcrs v. Einem im Wortlaut nach dem stenographischen Protokoll hier wiederzugeben. Sie lautete: „Meine Herren, der Herr Abgeordnete Eickhoff hat gestern durch den Mund des Herrn Abgeordneten Müller-Meiningen sich dahin mir gegenüber äußern lassen, er hätte erwartet, eine Antwort zu bekommen. Er hatte Klage darüber geführt, daß ein junger Mann jüdischen Glaubens nicht als Freiwilliger angenommen worden sei bei einem Regiment, und daß ihn: gesagt sei, er würde äbgewiesen, weil er Jude wäre. Der Fäll hat seine Nichtigkeit. Ich bin damit befaßt worden — nicht, wie der Abgeordnete Eickhoff meinte, mein Vorgänger — und ich habe sofort dein Generalkommando gegenüber ausgesprochen, daß das ein durchaus unzulässiges Verhalten des Konchagniechefs sei, und daß Nemednr eintrcten müsse. Dafür ist auch gesorgt. Nun hat-auch der Herr Abgeordnete Eickhoff die Frage an mich gerichtet: ist denn dieser Mann durch Korpsbefehl nachher angenommen? Meine Herren, dazu hatte der kommandierende General kein Recht, zu verfügen: er wird eingestellt. Derjenige, der freiwillig eintreten will, sucht sich seinen Truppenteil aus, und ob ein Mann, der sich gemeldet hat und abgewiesen worden ist, sich durch Korpsbefehl den Eintritt erzwingen lassen möchte, das ist mir sehr zweifelhaft. (Sehr wahr! rechts.) Das möchte ich Herrn Eickhoff darauf erwidert haben. Er hat dann den Eintritt jüdischer Männer als Offiziere und Unteroffiziere in die' Armee berührt. Ich kann darauf erklären: es bestehen weder gesetzliche noch Verwaltungsbestnmnnlrgen, die dies auf irgend eine Weise verhindern. Ich kann den Betreffenden nur anheimgeben, diesen Gesetzen entsprechend zu verfahren." Die zweite Rede des Abgeordneten Dr. Eickhofs über diese Angelegenheit ist in den Tagesblättern fast gar nicht oder doch nur sehr kurz gebracht worden. Wir halten es aber für notwendig, sie — gleichfalls nach bcm stenographischen Protokoll — soweit sie sich auf unsere Angelegenheiten bezieht, im vollen Wortlaut 31t reproduzieren. Der Abgeordnete Eickhoff sagte: „Meine Herren, Sie werden es begreiflich finden, daß ich trotz der späten Stunde noch zu einer kurzen Replik gegenüber den Herren von jener Seite das Wort ergreife. Ich darf Sie aber versichern, diese Replik wird genau so sachlich und ernst sein, wie es meine Rede am vorigen Sonnabend gewesen ist; denn ich lehne es für meine Person ein für allemal ab, aus. das Niveau der Herren Liebermann v. Sonnenberg und tutti quanti herabzusteigen, auf jenes Niveau, auf dem sie auch in den letzten Tagen wieder zur Freude der Herren von der Rechten und leider auch zum Teil zur Heiterkeit des Regierungstisches sich bewegt haben. (Sehr gut! links.) Meine Herren, die Frage, die ich hier behandelt habe, ist in der Tat so ernst, wie sie ernster kaum gedacht werden kann. Der Herr Abgeordnete Stöcker hat gestern der Meinung Ausdruck gegeben, es gäbe eine allgemeine Verbindung des Judentums mit der Sozialdemokratie, die für unser Vaterland unheilvoll sei. Nun, meine Herren, mir ist von einer solchen Verbindung nicht das mindeste bekannt, und ich behaupte, der Herr Abgeordnete Stöcker hat auch nicht den Schatten eines Beweises dafür erbracht; im Gegenteil, fast muß man sich darüber wundern, daß zahlreiche unserer jüdischen Mitbürger auch heute noch — und ich sage: ans patriotischen Gründen — sich überwinden, Männern, wie den Herren Krösell und Naab, in den Sattel zu verhelfen,, lediglich zu dein Zwecke, um die Wahl eines Sozialdemokraten zu verhindern. Meine Herren, Sie von der Rechten sprechen so oft und gerade in diesen Tagen wiederum davon — die Herren v. Kröcher und v. Oldenburg haben dem vorhin noch Ausdruck 'gegeben.— Ihr ganzes Ziel sei darauf gerichtet, die Sozialdemokratie zu bekämpfen und zu überwinden. Aber glauben Sie wirklich dieses Ziel dadurch zu erreichen, daß Sie hier, nicht heute, nicht gestern, nein, zu allen Zeiten antisemitischen Späßen zujubeln, die nach meiner Meinung nur der Würde dieses hohen Hauses Eintrag tun? (Sehr richtig! links.) Over glauben Sie es dadurch zu erreichen, daß Sie es zulassen, daß von jener Seite immer wieder, wie es toon dieser Seite (zu den Sozialisten) geschieht, aus Einzelfällen generelle Schlüsse. gezogen werden? Uns fehlt dafür jedes Verständnis. Wenn Sie so fortfahren, treiben Sie schließlich auch diejenigen Juden ins sozialistische Lager, die jetzt noch ebenso patriotisch denken, wie Sie es von sich behaupten, llnd glaubt die Regierung vielleicht die Sozialdemokratie zu bekämpfen, wenn sie zu solchen Dingen ruhig schweigt oder doch nur mit einigen kurzen Wendungen darüber hinweggeht, wie der Herr Kriegsminister es vorhin getan hat? Was den Fall Haüptmann anbetrifft, so gebe Ich gern zu, daß der Herr Kriegsminister völlig korrekt gehandelt hat. Aber ich frage Sie: liegen hier nicht die schwersten Verletzungen der Verfassung vor? Ist es nicht aller Welt bekannt, daß ein jüdischer-Einjähriger — und sei er militärisch noch so tüchtig — heute kaum noch zum Unteroffizier befördert wird? Und ich frage den Herrn Kriegsminister: ist in der letzter: Zeit überhaupt ein einziger Jude noch zum Reserveoffizier befördert worden, obwohl er sicherlich alle mititärischen Vorbedingungen dazrr nrit Leichtigkeit erfüllt hätte? Meine Herren, ich meine, über solche Zustände kann rnan nicht nrit billigen Späßerr aber auch nicht mit Stillschweigen hinweggehen. (Sehr richtig! links.) Wir unsererseits beklagen solche Zustände aufs tiefste aus zweierlei Grürrden. Einmal, weil rrichts so sehr die Sozialdemokratie gestärkt hat als die Ungerechtigkeit, die auf diesen: und anderen Gebieter: ir: rmseren: Staatsleben zutage getreten ist, weil nichts so sehr die Unzufriedenheit mit den bestehender: Zuständer: hervorruft als die fortgesetzte Verletzung des Grundsatzes, ohne den ein modernes Staatsleben nicht zu bestehen vernrag, des Grundsatzes: gleiches Recht für alle! Meine Herren, ich habe vor 30 Jahren in Heidelberg die Ehre gehabt, zu den Füßen Heinrich v. Treitschkes zu sitzen. Damals hat er ir: seiner begeisternder: Weise urrs, seiner: Jüngerrr, imn:er wieder zngerufen: laßt euch nicht verderben die Freude an: Vaterlande! Damals gab es keinen Unterschied ir: der Konfession, keinen Antisemitismus, damals saßer: wir, Inden r:nd Christen, einträchtig ir: derselben Burschenschaft zrrsarnmer:, der Heinrich v. Treitschke r:r:d n:eine Wenigkeit angehörten. Sie aber Verderber: zahlreichen Gliedern des Volkes die Freude an: Vaterland, wenn Sie nicht dieser Ungerechtigkeit r:nd vielen anderen in unseren: Staatsleben ein Ende bereiter: Helfer:. Ur:d noch aus einen:, anderer: Grrnrde halte ich diese Zr:stär:de für überaus beklagenswert. Werrr: irnrr:erfort unserer: jüdischer: Mitbürgern, die in: Heere ihrer vaterländischen Wicht genüge,:, vorn Leutnant bis zu den höchster: Charge:: hinauf eine solche ungerechte Behandlung zuteil wird, dann setzen Sie sich geradezu ir: Widerspruch mit den Worten der Versassrnrg, die der König selber beschworen hat. Ar: eines Königs Wort soll n:an rächt rütteln nr:d rricht deuteln. Wenn der Herr Minister aber rächt das Seinige tut, daß hier endlich Wandel geschaffen wird, dann kann rrrar: sich nicht rnehr darüber wundern, daß immer zahlreichere Kreise unseres Volkes an das Königs Wort zu rüttelr: und zu deutelr: wagen. Darrn rrrrtergraber: Sie an: letzten Ende die Grrrndlager: des Thrones .selber, den Nur rr:it Ihnen allezeit zu stützen bereits sir:d. (Bravo links.)" Am schlechtesten hat bei der ganzen Debatte wieder der Abgeordnete Stöcker abgeschnitten. Seine herausfordernden Aerrßernngen provozierten von sozialdemokratischer Seite blasphemische Antworten. Und selbst ein Mann wie der Abgeordnete Kardorff sah sich genötigt einzugestehen, daß ihm Herrn Stöckers antisemitische Agitation „von jeher nicht gefallen habe". Uns auch nicht. Und eigentlich müßtesie den Konservativen, wenn sie wahrhaft religiös find, ebenfalls Mißfallen, da sie die heiligsten Dinge in der: Ton der Kneipdebatten herabzerrt. Schade nur, daß niemand im Reichstage bei jenem Rededuell zwischen Stöcker und den Sozialdemokraten — und deren Zwischenruf: „Der Heiland war ja" selbst ein Jude!" — an die Worte des treMichen Kloster--

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