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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-03-18 · Heft 12 (18.3.1904) · p. Seite 134

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 12 (18.3.1904)
Date
1904-03-18
Page
Seite 134 (sequence 2)
Language
German
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134 kriegen mit besonderer Anerkennung erwähnt. Die Zeugnisse des Fürsten von Hardenberg vom Jahre 1816, des Preußischen Kriegsministeriums vom Jahre 1847 sind allgemein bekannt, -nur den Antisemiten nicht — oder sie wollen sie wenigstens nicht-kennen. Aus Grund dieser Zeugnisse chat ein edler deutscher Mann, der Verfasser, des „Aufrufs an mein Volk!" Theodor von Hippel, der die große Zeit der Befreiungskriege miterlebt hat, in einer Denkschrift sich für die Zulassung der Juden zu Osfiziersstellen mit voller Entschiedenheit ausgesprochen, indem er sagte: „Nur Vorurteil kann sie vom Kriegsdienst und vom Ossiziersstande ausschließeu wollen, gegen den ihre Religion kein Hindernis ist. Ueber Vorurteile aber zu siegen, ist der Beruf eines weisen Königs, dem ohne Unterschied der Religion und des Standes jeder Untertan gleich wert sein muß, der Gott fürchtet und seine Gebote hält oder mit anderen Worten ein treuer Untertan ist." Das war im Jahre 1842. Fünf Jahre später hat inr vereinigten Landtage der Abgeordnete von Puttkamer ausdrücklich erklärt: „Wenn also die Juden in den Freiheitskriegen, die sie mit uns durchgemacht haben, haben Offiziere werden können imb jetzt nicht mehr, so würde das ein Rückschritt sein." Als dann diese Aeußerungen von Hippel und Puttkamer im Jahre 1890 wieder veröffentlicht wurden, erschien in der „Kreuzzeitung" eine Reihe von Artikeln gegen die jüdischen Soldaten, die von besonderer Gehässigkeit zeugten und um so gefährlicher waren, als sie angeblich auf Grund amtlicher Dokumente ihre Angriffe gegen die jüdischer: Soldaten richteten. Und aus diesen Artikeln hat Bartel seiner: Most geholt; deru: hier fand der Abgeordnete Böckler die Argumente, mit der:er: die Antisemitei: seither immer austreten, so oft von jüdischer: Soldaten die Rede ist. Daß diese Angriffe damals schon schlagend widerlegt wurden, geniert sie weiter nicht. Das ist ja das bewährte Rezept des Antisemitismus: Alan stellt eine Behauptung auf. Diese Behauptung wird dar::: natürlich rviderlegt, da sie in den meisten Fällen falsch ist; aber das hindert nicht, daß ohne Rücksicht aus die Widerlegung die alte Behauptung das nächste Mal wieder mit derselben Unverfrorenheit aufgestellt wird, als wäre niemals eine Widerlegung erfolgt; denn das Reich derer/ die nicht alle werden, ist unermeßlich, ur:d selbst ar:ßerhalb dieses Reiches findet man noch Leute, die derartige Scherze mit lebhaftem Beifall begleiten. Daumls war es unser greiser Sanitätsrat Dr. Reumann, der mit jugendfrischen: Mut aus dem reichen Arsenal seines'Wissens zun: Kampfe gegen die gehässigen Angriffe der Kreuzzeitung auszog und aus diesem Kampfe als Sieger heimkehrte. Das war eine historische Tat, die den vielen anderen und großen Verdiensten dieses' unermüdlichen Streiters für unser gutes Recht sich würdig und ebenbürtig an die Seite stellt. In einem Aufsatz der „Nation" (3tr. 23 von: 5. März 1892) wies Sanitätsrat Neumann nach, es sei allerdings richtig, daß in fünf west-., preußischen Kreisen die Juden 1813 einen Antrag aus Befreiung vom Eintritt in die Landwehr gestellt hatten, es sei auch richtig, daß der Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Märkisch-Friedlanü dieses Gesuch mit den Worten eingeleitet habe, er sei überzeugt,^ daß bei jetzigen Zeiten feige Memmen gar nichts, dagegen^ 10 000 Taler sehr viel helfen können. (Herr Böckler hät^ natürlich vergessen anzusühren, daß dieser Mann der Vater des früheren Justizministers Friedberg gewesen ist.) Es sei endlich auch richtig, daß Friedrich Wilhelm III. sich damit ein-, verstanden erklärt habe. Sehr merkwürdig sei es aber dagegen,,, daß die Kreuzzeitung gerade nur diese Tatsache aus den amtlichen Berichten hervorgehoben und daß sie andere ebenso wahre und die christliche Bevölkerung betreffende Tatsachen gar nicht erwähnt habe.. Und diese Tatsachen sind aus Orten zu„ registrieren, in denen der „christliche Patriotismus" henke mit Vorliebe gepflegt wird. In: Kreise Niederbarnim hatte, das Gerücht, daß man sich von der Landwehr loskaufen könne, eine solche Menge ähnlicher Petitionen veranlaßt, daß dagegen eingeschritten werden mußte. Das Gleiche wird-aus Potsdam, Brandenburg, Demmin, Neustettin, Paderborn und Ostfriesland berichtet. Ebenso war es in Westpreußen bei der christlichen Bevölkerung. Dr. Neumann kam mit vollem Recht damals zu dem zwingenden Schluß, daß im Militär zwischen Christen und Juden ein Unterschied n i e bestanden — weder im Guten noch im Bösen. Aber die Sache hatte noch ein Nachspiel. Die Kreuzzeitung hatte natürlich nur vergessen, aus jenen amtlichen Berichten zwei Sätze hervorzuheben, die die Mitteilung über die Kriegstüchtigkeit der Juden in'Westpreußen merkwürdig illustrieren. Der erste dieser Sätze hob den traurigen wirtschaftlichen, sozialen und physischen Zustand der Juden in Westpreußen im Jahre 1813 hervor, und .der zweite Satz erklärte trotzdem: '„An Freiwilligen stellten sich in diesen: Kreise meist zur Kavallerie! 103 Mann, darunter 11 Juden." Das hat damals die Kreuz-! zeitung vergessen, und jetzt hat der Abgeordnete Böckler es auch! vergessen. Die .Herren von der Rechten jubelten daumls der I Kreuzzeitung und gestern Herrn Böckler mit gleichem Beifall zu. Denn was ist ihnen die Geschichte, was ist ihnen die Statistik? Für sie existiert eben nur der bloße Judenhaß, der niemals nach Argumenten fragt. Welchen Eindruck hätte es aber in: Reichstag wie außerhalb desselben Hervorrufen müssen, wenn etwa ein Mann wie der bayerische Militärbevollmächtigte von Endres, dessen Rede von einen: echten Patriotismus, von tiefer Wahrheitsliebe und von Heller Begeisterung für die Armee erfüllt war, wenn dieser Mann, sagen wir, von Gerechtigkeitsgefühl durchglüht, in jenen: Moment aufgetreten wäre und erklärt hätte, er dulde nicht, daß deutsche Soldaten hier in so unqualifizierbarer Weise geschmäht und beschin:pft werden, er müsse Protest dagegen eintegen, daß Angehörige der Armee, die auf allen Schlachtfeldern unter den deutschen Fahnen gekämpft haben, hier angegriffen würden; er müsse entschieden Einspruch erheben gegen die Angriffe aus brave Soldaten — bloß deshalb, weil sie Juden seien. Das ist leider nicht geschehen. Nichtsdestoweniger halten wir es für sehr verdienstlich, daß von seiten der freisinnigen Volkspartei gerade diese Angelegenheit vor die Oeffentlichkeit gezogen wurde. Die Erklärung des preußischen Kriegsministers, der sich entschieden zur Reichsverfassung bekannt hat, ist ein Erfolg, den wir nicht unterschätzen, den nur vielmehr hoch anerkennen müssen. Wir glauben allerdings nicht, daß damit die Sache abgetan! ist, sondern wir halten es für eine heilige Pflicht der Abgeord- >' neten, die die Vertretung fortschrittlicher Prinzipien auf ihre Fahne geschrieben haben, immer und immer wieder darauf zurückzukommen, daß das Gesetz von: 3. Juli 1869, das die Gleichberechtigung der Konfessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher - Beziehung seststeltt und alle noch bestehenden aus" der Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses hergeleiteten Beschränkungen aufhebt, daß dieses Gesetz in Deutschj tand zur vollen Ausführung gelange. Die Angriffe und Anfeindungen, die sie deshalb von antisemitischer Seite I erfahren haben und noch erfahren werden, dürfen sie auf dem Wege zu diesem Ziele nicht-hemmen. Die jüdischen Soldaten speziell werden davon am wenigsten berührt werden. Das Urteil über sie wird die Geschichte sprechen. Und diesem Urteil können sie n:it Ruhe entgegensehen.

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