Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1904)
- Date
- 1904-03-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin; 18. März 1904. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abon nements,preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Nedakteur: Gustav Rarpeles. Begründet von Rabbiner S>*. Cufetvig Philippsoir. Verlags-Expedition: Berlin, Jerasaiemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin 8V^., Jerusalemer Straße ^6/d, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. Drr jüdilche Soldat. _ - Berlin, 15. März, eit Beginn der antisemitischen Bewegung richteten-sich die Angriffe der Gegner mit Vorliebe gegen die jüdischen Soldaten, und doch hätte man meinen sollen, daß gerade dieses Gebiet selbst der antisemitischen Demagogie unanfechtbar hätte erscheinen müssen. Freilich, das war ein großer Irrtum. Schon im Jahre 1879 erschien eine Schrift von H. Naudh „Israel im Heere", die aber wenig Eindruck, machte. Mehr Erregung verursachte der Angriff eines Antisemiten, der den jüdischen Soldaten in einer öffentlichen Versammlung Feigheit vorgeworfen hatte. Als man ihn deshalb verklagte, fand er es für angemessen, zu verschwinden. Wenige Jahre darauf nahm sich die wackere „Kreuzzeitung" - der. Sache an, und ihre Eingriffe fanden natürlich einen gut vorbereiteten Boden. Endlich hat im Jahre 1894 ein antisemitischer Hauptmann a. D. eine Enquete über die jüdischen Soldaten veranstaltet, deren Resultate er in einer Broschüre veröffentlichen wollte. Das ist aber nicht geschehen. Dagegen hat das Komitee zur Abwehr antisemitischer Angriffe eine Schrift über die Juden als Soldaten herausgegeben, die sehr wertvolles Material bietet. Von den Jahren 1813 bis 1870 wird die Tätigkeit der Juden in allen Kriegen Deutschlands. durch eine Fülle von unanfechtbar statistischem Material beleuchtet. Die Listen aus den Feldzügen von 1864, 1866 und 1870 sind veröffentlicht, und jeder, der -heute über dieses Thema spricht, muß. auf dieses Material zurückgehen. Das tun nun freilich unsere braven Antisemiten nicht. Auf die „Makkabäerrede" des Abgeordneten Dr. Eickhoff hat in der darauffolgenden Sitzung des Reichstages der Abgeordnete Liebermann von Sonnenberg namens seiner Partei das Wort ergriffen. Aus diese Rede müssen wir heute zurückkommen, so unangenehm es auch.ist, gegen die starke Tonart der antisemitischen Demagogie immer wieder mit denselben Argumenten ankämpfen zu müssen. Außerdem ist aber auch, die Rede in den Blättern, zum teil unvollständig, zum teil unrichtig wiedergegeben worden. Ein antisemitisches Blatt läßt Herrn Liebermann von .Sonnenberg.sagen: „Einen wirklich tüchtigen jüdischen Soldaten habe ich noch nie gesehen." In dem stenographischen Protokoll seiner Rede heißt es wörtlich : „Daß Ausnahmen stattfinden, weiß ich- und ich kann von meiner Person. bestätigen, daß ich in den dreizehn Jahrenmeiner Soldatenzeit auch einmal einen ganz ausgezeichneten jüdischen Offizier kennen gelernt habe. : Das gestehe ich unumwunden zu." Und bald darauf: „Der eine, den ich erwähne, war eine wahre Perle von Soldat; er hatte sich auch schon im Feldzug bewährt und trug mit Recht das eiserne Kreuz." Die Erinnerung an diesen braven Soldaten hat aber Herrn Liebermann von Sonnenberg nicht abgehalten, gegen die jüdischen Soldaten im Ganzen loszuziehen und zwar auf Grund einer Statistik aus dem Jahre 1885. Da ist es nun interessant zu erfahren, daß diese Statistik wortwörtlich aus dem antisemitischen Katechismus (S. 246) stammt, wo sie ohne jegliche Quellenangabe zum erstenmal veröffentlicht wurde. Seither bildet sie das einzige statistische Material, das die Antisemiten gegen die Beteiligung der Juden am Kriegsdienst ins Feld führen können, und zwar so wörtlich wird diese.Statistik von den Antisemiten benützt, daß sie die berechtigten Einwendungen, die schon anläßlich des ersten Erscheinens derselben veröffentlicht wurden, nicht einmal berücksichtigen. Es fehlen in dieser Liste die Einjährig-Freiwilligen; außerdem aber hat dieselbe absolut keinen Wert, nachdem eine auf ganz Deutschland ausgedehnte Statistik aus neuerer Zeit überhaupt nicht existiert. Sehr bequem ist es natürlich, die Statistik, die das Komitee zur Abwehr antisemitischer Angriffe mit einem, großen Aufwand von Arbeit und Mühe erhoben, einfach zu diskreditieren. Aber die Berufung aus Moses Bier in Bonn war doch sehr ungeschickt, denn sie weckt wieder die Erinnerung an die herrlichen Worte des greisen Generalobersten von Loü über'die Tapferkeit der jüdischen Soldaten im allgemeinen. Nein, die Antisemiten haben kein Glück mehr mit ihren Angriffen auf die Juden! : , ' Auf einem wenn' möglich noch liefern Niveau , stand am folgenden Tage die Rede des Abgeordneten Böckler. Auch dieser Herr führte historische und statistische Erwägungen ins Feld. Unter „großer Heiterkeit" der Herren Junker erzähltem er die Geschichte von den westpreußischen Juden, denen 1813 auf ihren Antrag die Befreiung vom Eintritt in die Landwehr gegen Loskausgeld bewilligt wurde. Auch das ist eine alte Geschichte; Herr Böckler hat sie nur verallgemeinert, indem er. sagte, daß die Juden in den Freiheitskriegen zum größten Teil vom Kriegsdienst losgekauft waren. Das ist tatsächlich u n - richtig, wie aus den amtlichen Berichten und Denkschriften mit . Evidenz hervorgeht. Als man die erste Untersuchung darüber anstellte, konnte man nach 60 Jahren noch 125 jüdische Soldaten aus den Freiheitskriegen Nachweisen, darunter einen Major, drei Premierleutnants, vier Sekondeleutnants, . Sergeanten und andere mehr. 16 von diesen 125 Mann wurden mit dem eisernen Kreuz ausgezeichnet, 20 von ihnen starben den Tod fürs Vaterland;: und das Heldenmadchen, das als Soldat verkleidet zu den Fahnen eilte und, im Ljede oft besungen wurde, war eine Jüdin, Louise'Grafemus. Selbst Treitschke hat die Teilnahme der Juden an den Freiheits-