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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-03-11 · Heft 11 (11.3.1904) · p. Seite 132

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 11 (11.3.1904)
Date
1904-03-11
Page
Seite 132 (sequence 12)
Language
German
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132 Er,Hgi aber jetzt mit dem Groschen zu rechnen und fre;^ sich abends, chvenn er ausgehen kann, ünr dem Keifen seinem- Frau auf einige Stunden zu entrinnen. — . . Und Liskas. Los wird auch nicht beneidenswert. . Nach dem Tode ihrer Mutter wird auch die Pension wegE falten, und sie-bemüht sich schon jetzt um die Stelle einer Stütze in einem christlichen Mädchenpensionat. — ' » Heinrich war durch das Unglück in der Familie zum Manne gereift. Er hatte feinen Freund Dorn aus Heidelberg-, der nun auch in Berlin studierte, wiedergesehen und erzählte ihin die düsteren Ereignisse. Dieser horte die Schilderung des Ehedramas von Erna an und sagte dann ruhig:! „Ich hätte Ihnen das Ende schon in Heidelberg prophezeien können, nur glaubte ich nicht, das;, der Schluß des Trauerspieles so rasch eintreten würde. Die Veranlassung zu. dieser Mischehe war — verzeihen Sie — auf beiden Seiten eine uninoralrsche. Ihren Schwager lockte nur das Vermögen Ihres: Schwester., Ihrer Familie dagegen fehlt der sittliche Halt, den die Achtung vor dein Glauben mit sich bringt, und da Ihre Eltern das Judentum zmn Gespött gemacht hatten, rächt es sich jetzt. Auf Mitgefühl werden Sie alle kaum rechnen dürfen." „Sie sprechen das aus, was uns die Selhstvorwürfe mit zermalmender Wucht Zurufen. Wir konnten allerdings nicht ahnen, daß .sich in den sogenannten höheren Kreisen der Judenhaß stets mit gänzlicher moralischer Verkommenheit paart. Mein Schwager, der Schuft, hat uns unglücklich gemacht, und nun lese ich in einem bigott-antisemitischen Blättchen, daß der Regierungsrat Rode das jüdische Jntriguenspiel mit männlicher Faust zerrissen hat re." . „Der Antisemitismus unserer Zeit scheint Ihnen gänzlich unbekannt geblieben zu sein — oder Sie haben ihm mit Absicht Ihr Öhr verschlossen. Sollte Ihre Schwester gerade in den Kreisen, die vom Judenhaß durchseucht sind, eine Insel der Seligen finden, auf der nur edle Menschen wandeln? Und Sie bedachten ferner nicht, daß die Achtung, die der Christ den; Juden, der treu an seinen; Glauben hängt, zollen muß, vor dem getauften Juden gänzlich schwindet; — er ist und bleibt der Jude, im verächtlichen Sinne auch von seinen früheren Glaubensgenossen so genannt." „Auch diese Wahrheit hat sich uns mit vernichtender Schärfe aufgedrüngt. Wir sind denr Judentum eine Genugtuurrg schuldig rrnd unser Naure soll von Juden arrch lobend genannt, werden. Ich werde nach Hamburg reisen und dem Komitee für rumänische Juden meine Dienste für einige Wochen zur. Verfügung stellen. Mein Vater hat urir einen erheblichen Betrag für die arnren Auswanderer angewiesen und will zwanzig Knaben und Mädchen eine Heimat bieten." „Bravo," sagte Dorn mit leuchtenden Blicken, .„Sie haben doch das Herz auf dem rechten Flecke." „Jetzt werde ich auch fleißiger studieren,. wie bisher, denn ich muß noch viel lernen. Wenn ich nreinen Doktor habe, trete ich in das Geschäft meines Vaters ein und gedenke am öffentlichen Leben teilzunehmen, mich wenrr möglich, in den Reichstag wählen zu lassen, als unversöhnlicher Feind der Partei, durch deren Grundsätze meine Schwester unglücklich geworden ist." Eine tiefe Falte in der Stirn und der energische Blick zeigten, daß der Jüngling seinem Vater überraschend ähnlich sah. — Heinrich war in Hamburg eingetroffen. Er war mit Feuereifer bei den unglücklichen Auswanderern tätig. .Unermüdlich bei der Speisen- und Kleiderverteilnng, hörte er mit rührender Geduld die endlosen Klagen der Rumänen an, obschon er nur die Geberden, nicht die Worte verstehen konnte. ‘ ' - . / Er hatte auch schon mehreremal Gelegenheit gefunden, seinem Vater spezielle Schützlinge zuzusenden. Eines Abends wurde er angewiesen, 'eine Schär ärmer Rumänen, die soeben angekommen waren,-mit Kleidern zu versehen. Auf dem Schiff angelangt, erblickte er das Bild herzzerreißender Armut, das er in' der letzten Zeit so häufig geschaut hatte. Menschen, deren einziges Verbrechen war, Jude zu sein, iä jeden; Lebensalter, abgezehrt, mit den; Ausdruck des verfolgten Wildes in den Augen, welche die Abgesandten des Komitees umdrängten, die Hände ausstreckend . . .Aus einem Bündel zusannnengekauert saß ein junges, bildschönes Mädchen von etwa sechzehn Jahren, teilnahmslos vor sich hin starrend, sich nicht an dem erregten Treiben der klebrigen beteiligend. Heinrich fragte es, in seinem Schülfranzösisch stotternd, ob es keiner Ergänzung seiner Garderobe bedürfe. Es antwortete in geläufigem Deutsch, mit etwas fremdem Accent: „Ich danke Ihnen, es gibt noch Bedürftigere." „Sie find keine Rumänin?" . „Gewiß, ich fahre ja auch nach Amerika." „Sind Ihre Eltern auch auf dem Schiff?" „Mein Vater war Advokat in Krajowa und wurde bei einem Straßenauflauf zu Tode mißhandelt, meine Mutter starb infolge des Kummers und der Entbehrungen, und so stehe ich allein da." Das Mädchen hatte das alles in herzzerreißendem Ton erzählt, daß Heinrichs Seele von Mitleid ergriffen wurde. „Welche Pläne haben Sie für Ihre Zukrmft?" „Ich gedenke eine Stellung als Gouvernante anzunehmen, wenn ich mich nicht in einen Fähigkeiten entsprechend beschäftigen kann.- Ich spreche und schreibe vier Sprachen und spiele ziemlich fertig Klavier. Meine Eltern, die früher eine angesehene Stellung einnähmen, ließen mir eine gute Erziehung angedeihen," setzte es nicht ohne Stolz hinzu. Heinrich ergriff die Hand der Heimatlosen. „Bleiben Sie hier. Mein Vater will einigen Kindern die Heimat ersetzen, und ich nehme Sie mit nach Häufe. Sie sollen aus einen; Bureau meines Vaters Beschäftigung finden." Das Mädchen war aufgesprungen und sah Heinrich mit strahlenden Blicken an. Ein älterer Herr von; Komitee war hinzugetreten, und hatte die letzte Unterhaltung mit angehört. Er sagte zu der Rumänin: „Folge nur den; Herrn. Wenn Du ein gutes, braves Mädchen bist, wirst Du eine neue Heimat gewonnen haben. Du heißt?" „Ruth Borescu." > „Deine Papiere?" „Hier, Herr." ' ■- „Jetzt verabschiede Dich, von Deinen Bekannten, und dann folge uns." Das Mädchen ging zu einigen Familien, denen es feine Aussichten erzählte, und wurde unter vielen Worten gesegnet und geküßt. Dann Nahm es sein Bündelchen und folgte^ den Herren in die Stadt. Heinrichs Tätigkeit war auch zu Ende, so daß er seine jüngste Schutzbefohlene, zu der sich noch einige Knaben und Mädchen gesellt, nach Frankfurt begleiten konnte. - (Forts, folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Banchwitz in Berlin. '

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