Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 11 (11.3.1904)
- Date
- 1904-03-11
- Page
- Seite 131 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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131 h ■ ■ An dem Tore des größten trennte ich mich von meinem I Begleiter. Er ging in das Mittelschiff hinein und ich hinauf § auf die Galerie der Frauen. Junge Venezianerinnen machten I mir bereitwillig Platz, und wie sie auf ihren Stühlen hin- und herrückten, rauschte die Seide ihrer Röcke und flatterte der Spitzenbesatz ihrer Taillen. Während sie plaudernd die Köpfe zusammensteckten und hinablugten zu den Reihen der Männer, las ich die Inschriften der kleinen Messingtafeln über ihren j Betstühlen: Chiara Duzzi, Marghaerita Besarel, Bianca Pollaco, Judith Toledo, Sie verstummten und horchten auf. Unten begann der I Gottesdienst. 1 Schwermütig, leise erklangen die ersten Töne des Kol-Nidre, I und eine Musik, erhaben und klangvoll wie eine Goldmark'sche f Oper, erfüllte den Raum. Es war wie ein Klagelied, wie ein 4 Seufzer der Bedrängten, das Schluchzen der Verlassenen, das I herzzerreißend, flehend, bestürmend zur maurischen Decke des I kleinen Gotteshauses stieg und sich bei den offenen Fenstern | weit, weit in die Lüfte hinausschwang, j Wie Erz dröhnte die Stimme des Kantors, wie ein schwerer starker Hammer aus Erz, der den Himmel öffnen, die Tore sprengen will. „Erbarme Dich unser, o Herr, o nimm uns in Gnade vor Dir auf. Auf daß unsere Wunden heil werden und wir alle- J samt mit frohem und leichtem Herzen Deine Gnade preisen." \ Und Greise, Männer und Kinder erhoben flehend ihre Hände, und aus den Augen der Frauen flössen die Tränen, während sie leise und bebend wiederholten: „Erbarme Dich unser, o Herr, o nimm uns in Gnade vor! Dir auf!" I Und wie eine Verheißung drangen die Strahlen der nntergehenden Sonne durch die hohen Fenster herein; lachende Kinderstimmen tönten von der Gasse herauf, und von den nahen und fernen Kirchen klang das sonore Läuten des f Ave Maria herüber. Und aller menschliche Jammer unb alles menschliche Leben und Hoffen schienen sich zu vereinigen, und hoch oben 1 in der stillen Lust stoffen die hellen Töne der Kirchenglocken I mit den schwermütigen Kadenzen des Kol-Nidre zusannnen und | schwebten frei und klar zur Himmelsdecke empor, r Ich neigte mich weit zum Fenster hinaus. . Unten im * Tenrpelhof spielten lachende Kinder mit Oelzweigen in der? Hand, wie Boten himmlischen Friedens. Ueber dem Gotteshause am hellblauen Firmament schwebte eine leichte weiße j Wolke. ' | Und noch immer brauste der Kol-Nidre, und noch immer klang die Glocke .... Linder unterer Leit. Roman von Jacob Levy. Kapitel 23. ugo wurde von seinen Standesgenossen beglückwünscht. „Sind doch ein famoser Kerl, daß Sie so rasch die Episode mit der kleinen Jüdin beendet. War übrigens ein schönes Weib, aber als Gemahlin für einen höheren Staatsbeamten, .... nee. Die Taufe kann doch den Knoblauchodeur nicht ganz wegspülen. War ihr ja jeder Sport I total schnuppe. Wovon konnte man also mit ihr reden? Sache! — was?"; Und Hugo glaubte das schließlich auch alles selbst und freute sich, daß er sich so rasch aus den ihn niederdrückenden Fesseln befreit hatte. Seine ferneren Lebensschicksale sind rasch erzählt. , Es stand ihm nichts mehr im Wege. Frei, durch die Großmut feiner früheren Frau reich, was konnte ihm nun fehlen! Nur eine Gattin aus einflußreicher Familie. Herr von. Knupp-Pelzow hatte eine Tochter, blond, groß, chic. , Und die Familie! Konservativ bis in die Knochen. Die Begüterten der Sippe saugen östlich der Elbe am agrarischen Hungertuch, die anderen nähren sich an der Staatskrippe. Dem Eidam in solcher Familie kann es an nichts fehlen. Er sah sich als Landrat, er wird geadelt, Regierungspräsident, Donnerwetter, oder die Regierung entnimmt seinen glänzenden Reden in konservativen Versammlungen, welch eminenter Politiker er ist, und er wird Diplomat, er hat ja genug Geld zum Repräsentieren! Er bekommt anch von der schönen Annaliese keinen Korb. Ihr Vater ist zwar sehr verschuldet, das macht aber nichts. Seine Frau wird nach der Hochzeit nicht so liebevoll, so echt weiblich sanft wie seine erste Frau, das braucht sie aber auch nicht zu sein, sie ist ja „standesgemäß". Sie braucht aber auch viel Geld, denn sie hat stark ausgeprägten Familiensinn, sie bezahlt manchmal die Schulden ihres Bruders und ihres Vetters, zweier flotter Leutnants. So lebt das Pärchen herrlich und in Freuden; er besucht seine Klubs bis 31t später Stunde, was seine Frau nachsichtig gutheißt. Die Haushaltung ist überhaupt in großartigem Stile eingerichtet; ein Bedienter und ein Kutscher bei der eleganten Equipage und der Reitknecht für den Braunen der gnädigen Frau fehlen nicht. ' Dank dem guten Rate des Herrn von Krafft ist auch kein Mangel an Geld. Der größte Teil des Kapitals der Frau Erna ist in Papieren der Glaustädter Bank angelegt und verzinst sich vorzüglich, und das andere, na, das allerdings verläppert sich so nach und nach. Aber leider ist nichts beständig auf dieser mangelhaften Welt. . ' Die Glaustädter Bank, die die Juden von sich sernhielt und nur arische Ehrenmänner im Direktorium und Aufsichtsrat hat, bricht elend zusammen, und Hugo kann mit. seinen schönen Aktien die Wände tapezieren. Er eilt zu Krafft. ' „Sie rieten mir doch so dringend und versicherten.mir, sie hätten Ihr Vermögen ebenfalls in der Glaustädter- Bank angelegt, sind Sie nun auch ruiniert?" -'„Als ich für Sie kaufte, veräußerte ich meine Papiere, weil ich das Geld für einen Gutsverkäuf flüssig machen mußte." Und der Ehremnann rieb sich die Hände und hielt abends eine donnernde Rede gegen die ausbeutenden Juden. Hugo fand es nun gar nicht mehr so angenehm 31t Hause. Seitdem die Familie vom Gehalte Hugos leben mW — das Gehalt, welches vordem die Frau als Nadelgeld so Mndesgemäß verbrauchte — und die Dienerschaft und die Eqüi-page und der Reitknecht äbgeschafft werden mußten, ist die junge Frau gar nicht mehr liebenswürdig. 1 Sie macht ihrem Manne das Haus zur Hölle und quält ihn, sich «in eine Direktorstelle bei einer Bank oder einer Versicherungsgesellschaft zu bewerben, bei der das Einkommen größer ist, als mit einem Titel, ohne Mittel. . v Das gelingt ihm aber nicht, und so muß er Beamter bleiben und seiner Stellung gemäß repräsentieren.