Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 11 (11.3.1904)
- Date
- 1904-03-11
- Page
- Seite 130 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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dankbarer Anerkennung rastlosen, uneigennützigen, gesegneten Strebens für Förderung des Hopfenbaus." "7s Die umfangreiche landwirtschaftliche und wiffenschaftlichö Literatur sowie amtliche Berichte nennen Flatau und die Resultate für seine Tätigkeit für Preußens Staat und Volk in Ehren als Autorität; die „Zeitschrift des königlich preußisches statistischen Bureaus zu Berlin", 3. Dezember 1860 und' Oktober 1862, bekundet seinen geschichtlichen Ruf. FlataU war es zu verdanken, daß Preußen ein Hopfen produzierendes und exportierendes Land geworden war. ■ Bemerken müssen wir noch, daß Flatau wohlhabend wai! Und seine Tätigkeit nicht nur uneigennützig ausübte, sonderst bei armen kleinen Landwirten sich selbst mit Geldopfern Bahn' brach, um günstige Resultate für Staat und Volk zu erzielen? Eine seiner Broschüren: „lieber Hopfenbau" (Verlag von' Gustav Bosselmann, 1861), war in erster Auflage binnen sechA Wochen in 1500 Exemplaren vergriffen worden. i Ans allen Gegenden des In- und Auslandes und selbst^ von Behörden wurde jahrelang Rat und Gutachten über Höpfenbauangelegenheiten von diesem einfachen Manne eingeholt, und war ihn: unter anderein von dem landwirtschaftlichen Zentralverein Ostpreußens, desgleichen von Westpreußen, von der königlich schwedischen Akademie der Landwirtschaft zu Stockholm, von denr landwirtschaftlichen Verein 31t Bittburg in Rheinpreußen rc. wiederholt der ehrenvolle Ruf geworden, jene Gegenden ivegen Einführung und Verbesserung des Hopfenbaus zu bereisen. ' - Unter ben Hopsen bauenden Ländern der Erde nahur Deutschland bis in die neueste Zeit den ersten Rang ein^ In erster Linie stand, immer Bayern. Und auch dort waren, und sind es die jüdischen Großhopfenhändler von Nürnberg,' Fürth und Bamberg, denen die Blüte des Hopfenhandels iti erster Reihe zU danken ist. Preußen nahm in dieser Beziehung den letzten Rang in Deutschland ein. Erst in den siebziger' Jahren des vorigen Jahrhunderts änderte sich die Sachlage einigermaßen zu gunsten Preußens. Und im Jahre 1894 konnte es bereits auf eine. Hopfenernte von 1875 Tonnen hin?, weisen. Es ist das in erster Reihe mit das Verdienst des Mannes, der düH Tat und Wort auf die Bedeutung des Hopfenbaus für Preußen unermüdlich hingewiesen hat un^ dessen Name daher dauernd in Ehren genannt werden soll. Vene?is. : Aon Ethel Viola. . H^enezia, meine schöne, meine liebreiche Wassernixe ist krank. Ihre lustigen Bänder flattern nicht im Winde, Spitzest und Blumengewinde lösen sich von ihrem farbenprächtigen Gewände, und der goldene Schmuck ihres Hauptes zerfällt Mit erbarmungsloser, höhnender Gewalt zieht eine unergründliche Macht sie in die dunklen Liefen des Wassers, Veneziü; die lachende, blauäugige Venezia ist krank. Mit eisernen Haken umschließt man ihren wankenden Leib, mit Balken stützt man ihre müden Schultern und umgibt sie mit gefunden; frischen Backsteinmauern. Aber hinter den neuen Hüllen frißt in ihrem Innern weiter das zerstörende Weh, und aus ihrem lieben hellen Auge quillt heimlich die Träne und zieht tiefe, blutige Risse. . . An einem sonnigen Nachmittag, als ich meine tägliche Gondelfahrt am Canale Grande unternahm, sagte mein Gondoliere zu mir: „Morgen komme ich nicht, Signora. Morgen ist Feiertag." „Sie irren, Pietro." Mein, Signora. Es ist Feiertag. Nicht in den großen, prunkvollen Kirchen, sondern dort unten in den kleinen schmucklosen Tempeln des Ghetto. Es ist der große Tag der'Versöhnung, und ich bin Jude, Signora." Ich sah ihn an. Es war ein hoher, starker Manu'von mittleren Jahren, der reinste, edelste Venezianer Typus. „Seid Ihr sehr gottesfürchtig?" Er lachte, daß seine starken, weißen Zahne unter den: dunklen Schnurrbart blitzten. „Wenn Gottesfurcht und Beten eins ist, dann nicht, Signora. Wir singen mehr, als wir beten. Aber diesen einen .Tag feiern wir, es ist der größte, und wir könnten sonst leicht vergessen, daß wir Juden sind." Die Barke Don -Carlos schoß an uns vorüber, und ich blickte lange dem in Gedanken versunkenen schönen Antlitz des spanischen Thronprätendenten nach. „Dieser singt nie, er lacht auch nie," sagte der Gondoliere, „vielleicht betet er, denn er stammt ans den) Laude der strengen Katholiken." Und während , ich in die Furche im Wasser blickte, die wie ein Kometenschweif seinem Boote folgte, dachte ich: Der einsame König ohne Land, in der einsamen Stadt ohne Boden, er träumt von seinem Schwerte, während seine Finger den. Rosenkranz beten. Verträumt begann der Gondoliere urit seiner tiefenmelvdischen Stimme ein Lied zu singen : „Vesti la giubba e la faccia in farinä. La gente paga e rider vuole qua . . Dann unterbrach er sich plötzlich und sagte: „Signora sollten morgen zum Gottesdienst kommen." „Wann?" „Am Beginne, um sechs." „Gut, Pietro, ich werde kommen." Und ich ging. An dem stillen, sich zu Ende neigenden Tage fuhr mich ein fremder, junger Gondoliere den Kanal entlang, lieber meinem Kopse flatterten die bunten Gewänder auf dem Rialto, und tausend grelle, lachende, schreiende, singende Stimmen drangen von der Pischeria herüber. Wie eine Riesenpalette moderner Meister sah die Erberia aus, aus der unzählige Körbe von grellroten Paradiesäpfeln, tiesgrünen Oliven, goldenen Trauben und violetten Pflaumen die ganze Farbenskäta in breiten, kühnen Klecksen darstellten. Wir bogen in den Cannaregio ein. Da war es stiller, und gleich am Beginn, vor einem verfallenen, verschlossenen Portikus stand der schöne Pietro und lüftete lächelnd den Hut. Er hatte sein buntes Alltagsgewand mit einem ernsten dunkeln vertauscht und nur die rotkarrierte Halsbinde verriet die große Farbenliebe der Venezianer. Galant wie ein Kavaliere des Cinquecento half er mir aus dem Boote und führte mich durch die schmalen Gassen des Ghetto Vecchio, wo vor den Häusern lachende schöne Frauen standen, mit bleichen Wangen und seltsam glühenden Augen. Sie alle glichen einander, wie Angehörige einer und derselben Familie. Aus den Toren drang der Duft von Quitten und Gewürznelken, und Kinder und Greise schritten, Gebetbücher in den Händen, langsam den Tempeln zu. Fünf schlichte kleine Tempel in der Jnselstadt der großen, prunkvollen Kirchen. Bescheiden und anspruchlos, wie Veilchen in einem Strauß von Rosen und Kamelien.