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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-03-11 · Heft 11 (11.3.1904) · p. Seite 127

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 11 (11.3.1904)
Date
1904-03-11
Page
Seite 127 (sequence 7)
Language
German
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127 v. O '. ... % Öe§ ausgesprochenen Reaktionärs, vom Lektionsplan der Kriegsakademie — gestrichen war! Es war in der tat beim bestell, d. h. beim schlechtesten Willen nicht möglich, micfj fortzuschicken und einen anderen Philosophen an meine Stelle zu berufen, nachdem der frühere Direktor nicht bloß, sondern die höheren Instanzen des Militärnnterrichtswesens, dann auch der Kronprinz selbst mir deutlichste Beweise ihrer Anerkennung gegeben." „Gelegentlich einer organisatorischen Aenderung im militärischen Unterrichtswesen und einer Reihe plötzlicher Neuerungen wurde angeblich, „weil die Offiziere infolge der vorangegangenen großen Kriege (60 und 70!) so sehr von der militärischen Wissenschaft in Anspruch genommen seien" — die philosophische Disziplin rundweg aus dem Lehrplan der Kriegsakademie gestrichen. Mich, als Lehrer, der alle und den künftigen Kaiser zu seinen Schülern zählte, konnte man nicht wegschicken — da hat man denn lieber der ganzen Philosophie den Garaus gemacht!" In den beteiligten Kreisen aber war es ein offenes Geheimnis: „es habe Verschiedenen nur die Beseitigung des Juden mit Herzen gelegen." Dein Nachfolger Etzels war Lazarus' Unterricht und sein Einfluß ein Dorn im Auge. ..... Dein mußte vorgebeugt werden, und so wurde denn das schöne fruchtbare Verhältnis zwischen Lehrer und Schülern jäh zerrissen. Ein Fach wurde einfach kassiert und dabei noch eine unnötige Grausamkeit verübt. Das kalte, durch den völligen Mangel jeder höflichen, geschweige denn dankbar anerkennenden Wendung geradezu boshaft erscheinende Schreiben des neuen Direktors vom 13. September 1872, „daß die philosophischen Vorträge mit dem 1. Oktober nicht mehr stattfinden sollen" — enthielt auch die in der Form säst beleidigende Zumutung, das Honorar eventuell noch ein Jahr sortzubeziehen, woraus Lazarus lakonisch antwortete: „Ew. Exzellenz geehrte Zuschrift, die Aufhebung der philosophischen Vorlesungen betreffend, habe ich erhalten, und gestatte mir, das am Schluß gemachte Anerbieten dahin zu beantworten, daß ich den Fortbezug voir Honorar ablehne." So endete das hoffnungsvoll begonnene Lehramt mit einer schrillen Dissonanz. Da die Offiziere gegen die Entlassung ihres Lieblingslehrers natürlich nicht reagieren konnten, begnügten sie sich, eine Deputation ihrer allerersten Mitglieder in die Wohnung des Professors zu entsenden. Fürst Pleß, Graf Schulenburg, Graf Stollberg, Prinz Hohenlohe, Prinz Radziwill u. a. erschienen in corpore, um sich bei Lazarus im Namen des ganzen Lotus für den bisher genossenen Unterricht zu bedanken ilnd ihn ihrer treuen Anhänglichkeit zu versichern. Am 7. Dezember 1873 schrieb Lazarus an seinen Duzfreund Oberst Rese: „Vor acht Tagen war ich beim Kronprinzen zu einer Soiree und er sagte mir:. „Ich habe mich inzwischen viel Ihretwegen geärgert, — d. h. (fügte er mit seinem herzlichen Ton und Blick hinzu): liebster Professor, nicht über Sie, aber für Sie re., doch das erzählt sich von Mund zu Ohr viel besser." Rese aber befragt ihn schriftlich sofort des näheren, und Lazarus bestätigt, daß seine Unterhaltung mit dein Kronprinzen sich lediglich. aus die Kriegsakademie- Affäre bezog. Und wieder nach einiger Zeit begann der Kronprinz, von neuem von der Sache mit Lazarus zu sprechen und gestand: „Mein Vater und ich, wir waren sehr überrascht." .... Aus Inlstz eines Kschlshbsndes von Guttso jfrrytsg. ' Äon Professor Dr. Ludwig Geiger. ls Gustav Frehtag starb, hat der Herausgeber dieser 4'+' Blätter dem^großen Toten einen warmen Nachruf gewidmet und dabei nicht bloß das ewige Klagen über die ungünstige Zeichnung der Juden in „Soll und Haben" vorgebracht, sondern mit Recht daran erinnert, daß Freytag einem seiner jüdischen Freunde, dem schlichten aber äußerst tüchtigen mrd für seine Zeit hervorragend wirksameir Schriftsteller Jacob Kaufmann, einen von schönster Humanität und echtem Mitgefühl erfüllten Nachruf geweiht und daß er namentlich in seiner berühmten Pfingstbetrachtung, 1893, in der Zeit des wüstesten Antisemitismus seine Stimme für Recht und Freiheit erhoben hat. Ein solcher Mann verdient, daß auch die Juden seiner dankbar gedenken, er, der am Ende seines Lebens das Wort brauchte: „die Juden haben an allen großen Wandlungen des deutschen Lebens ihren Anteil gehabt", der die schwere Krankheit des Glaubenshasses beklagte, und der jene Betrachtung mit den Worten schloß: „der Jude soll derselben heiligen Lehre von der Liebe vertrauen, welche schon vor' fast dreitausend Jahren den Saniariter und Juden als Brüder verkündete, die seitdem das Menschengeschlecht aus Völkerinord und geistiger Knechtschaft höher und höher heraufhob, um das Dasein aller Staatsgenossen sicherer, tüchtiger und schöner zu gestalten. Diese Botschaft aus Judäa wird auch den Haß zwischen Konfessionen und Stammbäumen so überwinden, daß unsere Nachkommen desselben dereinst lächelnd wie einer alten geschichtlichen Sage gedenken." Zu diesem Gedenken veranlaßt der eben erschienene zweite Band von Freytags vermischten Aufsätzen *), in dem auch jene Pfingstbetrachtung wieder abgedruckt ist. Zur Beschäftigung mit diesem Bande veranlaßte mich nicht nur meine Verehrung des großen Kulturhistorikers und bedeutenden Dichters, sondern auch eine persönliche Sympathie. Ich habe Gustav .Frehtag freilich nicht gekannt und auch nur einmal in einer ganz kurzen brieflichen Verbindung mit ihm gestanden, aber ich fühle mich besonders zu ihm hingezogen, seitdem ich in seiner Selbstbiographie bei der Schilderung von Berthold Auerbachs Hochzeit die meinem Vater geltenden Worte las: „ich war zugegen, wie er . . . durch Geiger mit einer sehr guten Rede getraut wurde." Es ist gewiß ein sparsames Lob und ein kurzes Wort, aber jeder, der weiß, wie wenig jüdische Gelehrte, deren Tätigkeit eben inr Boden der Wissenschaft des Judentums wurzelt, von deutschen Schriftstellern beachtet und in ihren Memoiren oder anderen Werken angeführt werden, wird auch über ein solches Lob vergnügt sein. Diese Art Einführung in die deutsche Literatur hätte, das bin ich gewiß, meinem Vater ebensolche Freude gemacht, wie das kurze Wort Renans, der in der Einleitung zu seinem Leben Jesu bei der Betrachtung über Pharisäer und Sadducäer sagte: „Je pense comme Mr. Geiger.“ In den neuen Aussätzen, die der eben erschienerze-Nachlaßband Frehtags bringt, kommt auch eine Erwähnung meines Vaters vor; er wird „unser. vortreMicher Rabbi Geiger" genannt- und der Aussatz „die Juden in Breslau", in dem dieses Wort sich findet, ist merkwürdig genug. Er ist 1849 geschrieben und wurde in den Grenzboten Nr. 30 des genannten Jahres veröffentlicht. Der Aufsatz geht von der 1848 h Vermischte Aussätze aus den Jahren 1848 bis 1894 von Gustav Frehtag. Herausgegeben von Ernst Elster. Zweiter Band. Leipzig, S. Hirzel 1903,

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