Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 11 (11.3.1904)
- Date
- 1904-03-11
- Page
- Seite 126 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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126 zwei — von den dreiLöten gelehrt. Jeder Lotus. zählte damals 52 bis 54 Offiziere. Als Lazarus eintrat und das Lehramt übernahmpflegten sich 10bis12Zuhörer zu melden. Jur letzten Jahr seiner kriegsakademischen Tätigkeit hatten sich im zweiten Cötns alle — minus einen — eingeschrieben^ Lazarus selbst erzählte: „Die Zeit, während welcher ich auf der Kriegsakademie lehrte, war in Bezug auf die Kriegswissenschaft eine sehr bevorzugte. Die Lehrer, meist noch in niederer Stellung, rückten fast alle später in die höchsten ein- und unter den Kollegen, mit denen ich auch viel später noch verkehrte, waren vier nachmalige Kriegsminister. General Stiehle traf ich oft im Hause des General Baeyer, denn jener war, irre ich nicht, ein Schwiegersohn von Finke- Oldendorf, dem vertrautesten Freund des Hauses. Blumezu meiner Zeit noch Major, war später oft mein Tischgenosst bei den kleinen Diners bei Grüner (Privatsekretür der Kaiseritz Augusta), der gefürchtete Bronsart von Schellen darf', (der ältere Brnder, der zuerst Kriegsminister war), mit Haut und Haar, in Wort und Ton der Typus preußischer Schneidigkeit, zeigte mir aber stets ein freundliches Gemüt, und um seine Lippen spielte oft ein anmutiges Lächeln. General B e r d h du - Vernois war der bekannteste von allen. Damals schon als eine Art alter ego von Mottke angesehen, hat er immer schon neben der militärischen Wissenschaft die allgemeine Bildung persönlich vertreten und sich auch schöpferisch außerordentlich bewährt. Die gemeinsamen Wege mit dein einen oder dem anderen Kollegen nach Schluß der Vorlesung bis zur Wilhelmstraße oder deur Brandenburger Tor gehören füö nach zu den angenehmsten Erinnerungen jener schönen Tage. Auch fand öfters ein gegenseitiges Hospitieren seitens der Offiziere für den ganzen Kursus stattans meiner Seite süt drei ausgewählte Vorlesungen, z. B. Verdh über die „Drei Tage von Königgrätz". Auch mit anderen Kollegen stand Lazarus in angenehmsten Verkehr. So gedachte er z. B. des Professors S ch e l l b a ch I eines der tolerantesten und gütigsten Pädagogen. Früher am Friedrich Wilhelm - Gymnasium, pflegten viele seiner Schüler, später als herangewachsene Männer, mit einer Art zärtlicher Kornik allerhand Anekdoten zun: Bestell zu geben, die besonders die väterliche Nachsicht kennzeichneten, mit der er begabten Schülern gegenüber, die aber mit der Mathematik auf gespanntem Fuß standen, ein Auge zuzudrücken pflegte. „Es ist charakteristisch", sagt Lazarus in Bezug auf Schellbach/ „daß die Lexika und Literaturgeschichten von einen: solchen Manne keine Notiz nehmen. Wenn in England etwa eine Abhandlung wie seine Arbeit: „Ueber die religiöse Bedeutung naturwissenschaftlicher Erkenntnis" erschienen wäre, ihr Verfasser würde einen weitverbreiteten Ruhm genießen und sein Name bliebe der Nachwelt erhalten. Während bei uns tu Deutschland es fast selbstverständlich erscheint, daß bei den Lehrern und Beamten eine ungewöhnliche Tätigkeit und Tüchtigkeit vorhanden ist, ohne darum Aussehen zu erregen." Diese treffende Beobachtung trifft indessen für Lazarus selbst nicht zu: seine Tätigkeit und Tüchtigkeit erregte in der Tat Aufsehen in den beteiligten militärischen Kreisen. Zu der: gewohnten Teilnehmern kamen immer neue, so sein eigener freigesinnter und hochgemuteter Chef, der General von Etzel, auch der Kronprinz (nachmalige Kaiser Friedrich) erschien immer häufiger, und in den letzten Jahren fast regelmäßig zü seinen Vorlesungen. Daß sogar dessen hohe Gemahlin, die Kronprinzessin Victoria durchaus den Professor „der so fesselnd sprach, daß man nach der Uhr zu sehen vergaß" — durchaus hören wollte und nicht — durste, ist an anderer Stelle schon erwähnt worden. Für den beliebten Lehrer war aber der wertvollste Gewinn, außer der inoralischen Befriedigung; — die Knüpfung herzlicher Freundschaftsbande mit einigen - ausgezeichneten Männern, die sich unter ihrem Uniformrock ein k hingebendes, unbefangenes Gemüt bewährt hatten^ Zu diesen gehörte außer dem ebenso gelehrten als warmherzigen Oberst Heinrich v. L öbe l l, Lesonders sein treuer Gönner, der damals nahezu 80 Jahre alte Gen er al von Peuker. Lazarus wurde nicht müde, von diesem herrlichen Manne zu sprechen, der „in I' Denk- und Redeweise sanguinisch und begeistert wie ein Jüngling, für edelste, schlichte Menschlichkeit als Vorbild dienen konnte." Als oberster Chef aller Militäranstalten kam er zuweilen in r die Lage, schwerwiegende Bedenken durch seine Machtbefugnis entscheiden zu müssen.. Ohne indiskret zu sein, darf das Wohl erwähnt werden, daß er so manches Mal den | weltweisen Kollegen aus seinen: Gelehrtenheim am Königs- I platz äbholte und sich nüt ihn: in die stillen Alleen des Tierj gartens vertiefend, manche Frage tat, von deren Antwort er in: voraus wußte, daß sie aus schärfster Besonnenheit r:nd >f treuester Seele kam. Vj So gestaltete sich das Verhältnis des Philosophen zu den Offizieren zu einen: der eigenartigsten, angenehmsten und wertvollsten, die es nur irgend geben kann. Wie ergeben die Schüler ihren: Lehrer waren, konnte n:an sehen, als Lazarus in der „Gesellschaft der Freunde" den Vortrag über die Freundschaft hielt, der dann in erweiterter Form im dritten Bande des „Leben der Seele" aufgenommen wurde. Der große Saal war dermaßen überfüllt, daß viele Hunderte keinen Platz mehr fanden und selbst das Podium auf dem der Redner stand, am Rand von daraus Sitzenden besetzt war. Zu diesen, gehörte Auerbach, der so nähe bei Lazarus plaziert war, daß dieser das Feuer seiner Rede erheblich dämpfen mußte, uui nicht etwa durch eine Handbewegung dem allzunahen Freunde | eine unbeabsichtigte Ohrfeige zu verabreichen. Dies machte! Auerbach „besorglich", wie er in einem am anderen Tag hin- | geschmetterten Dankbrief erzählt, aber besonders verweilt tz er bei den glänzenden Uniformen der Offiziere, die in dreifacher Reihe die Wände ringsum besetzt hielten, eine - \ hier noch nie gesehene (es war noch das alte Versammlungslokal in der Neuen Friedrichstraße), und deshalb j sehr angestaunte Dekoration der Zuhörerschaft. — Aus alledem geht hervor, wie Lazarus geschätzt und geradezu von seinen Offizieren geliebt wurde. (Vieles ließe sich da noch erzählen!) Und dieses schöne Verhältnis wurde schroff zerstört! General von Etzel war wegen feines Alters eben aus dem Dienst getreten und zur Disposition gestellt worden. Kaiser- Wilhelm war abwesend in Ems, und der Kronprinz befand sich gerade in England. Die Abwesenheit 'beider, dem Philosophen so geneigten * Fürsten benutzte man zu einer rasch vollzogenen Aenderung. Eines noch sei vorangeschickt, das das Verhältnis des Philosophen zu den maßgebenden Faktoren noch schärfer charakterisiert. Als der Freiherr von Roggenbach 1871 die Universität Straßburg organisierte, stand er mit Lazarus in Korrespondenz. Letzterer notiert darüber auf einem besonderen * Blatt: „Meine Berufung nach Straßburg hat sich zerschlagen. Man erzählte nur damals, nicht ein Rivale oder ein Gegner habe das bewirkt, sondern ein hoher Freund von mir (der Kronprinz), der mich als Lehrer der Philosophie an der Berliner Kriegsakademie erhalten wolle (die ihm aus rein pädagogischen Gründen so sehr am Herzen lag), hatte gewünscht, daß ich neben der Professur an der Akademie eine an der Universität erhalte. Das letztere ist nun ohne irgend eine Bewerbung ineinerseits geschehen, nachdem die Philosophie nach dem Eintritt