Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 11 (11.3.1904)
- Date
- 1904-03-11
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Begriff der Veruntreuung nachzudenken. Endlich verurteilte ihn das-Schwurgericht-zu 15 Monaten schweren Kerkers trotz der bombastischen Rede seines Verteidigers, -und trotzdem er versicherte, er habe nichts veruntreuen wollen,. sondern, sich nur selbst genommen/ was ihm in aller Form Rechtens gebührt hätte. Der Präsident und Staatsanwalt waren anderer Meinung, und die Geschworenen gäben ihnen Recht. Der Herr Rechtsanwalt gedenkt nun, in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche einzukehrein das zu tun, was einer seiner Brüder schon vor Jahren tat.. „Das alldeutsche Blatt" preist die' katholische Kirche glücklich, daßsie nun teilweisen. Ersatz hat für die 40 000 Seelen, die ihr infolge der „Los von Rom"- Bewegung schnöde geraubt wurden, denn der „jüdische Schwindler und Hauptbetrüger" sei in - ihrem Hafen glücklich gelandet. Gemach,' Alldeutscher, den Schwindler und Betrüger wollen, wir dir schenken oder dem Katholizismus. Das ist uns ganz gleichgültig; gegen den Mißbrauch des ' Wortes „jüdisch" aber müssen wir entschieden Verwahrung einlegen. Dieser Rechtsanwalt oder besser Unrechtsvertreter hät mit dem Judentum ebenso viel gemein, wie ein alldeutscher Tor mit der Wasserbaukunde. Da müssen wir doch Einsprache dagegen erheben, wenn man. eine jede Schlechtigkeit, die von einem zufällig dem Judentum entstammenden Individuum begangen wird, sogleich der ganzen Judenschaft aus das Sollkonto zuschreibt. Hätte sich irgend ein nichtjüdischer Kapitalist gesunden, der jenem Rechtszertreter seine Tochter, oder besser gesagt die zu seiner Rangierung notwendige Mitgift hätte geben wollen, der gewissenhafte Hüter anvertrauter Depots wäre längst nicht mehr im Judentume, dem er ja nur nach der Aufzeichnung in der Geburtsmatrikel angehörte. Wir gehen noch weiter. Wir behaupten, daß der Doktor des Unrechts auch kein Protestant ist und kein Katholik, wenn er auch diese Konfessionen durch seinen Uebertritt beglückt. Wir denken viel zu hoch von der Religion, als daß wir annehmen, alle diese Konvertiten von der allertraurigsten Gestalt, welche das..Bekenntnis wechseln wie die Leibwäsche, seien ein wirklicher Zuwachs für die Religionsgenossenschaft, * der sie sich zuwenden. Das Taufen ist heute zu einem Geschäft geworden, und zu keinem reinlichen. In einer vielgelesenen Wiener Zeitung, einein sogenannten Judenblatte, war vor einigen Tagen folgende Ankündigung zu lesen: „Ein Jude, der sich taufen lassen will, sucht eine hochgestellte Persönlichkeit als Taufpaten." Ist dies ein Jude, nnd wird er ein Christ sein? . / - '! Buben, denen schon ihre Eltern ein schlechtes Beispiel gäben, die sich schämen in christlichen Kreisen zu verkehren, weil sie als Juden bezeichnet werden, nehmen die Taufe. Sie werden es nicht verabsäumen, fleißig zur Messe und zur Beichte zu. gehen, wahrscheinlich ebenso fleißig, wie sie die. Synagoge besuchten und! die-Eebote des Judentums befolgten. Darum gewöhne - man -es sich auch in jüdischen Kreisen ab, die oft sehr schlechte Sache eines jeden charakterlosen Buben zur Sache, des Judentums zu machen und in denselben Fehler zu verfallen wie unsere Gegner.; Der Unrechtsdoktor, von dem wir sprachen, ist nicht aus antisemitischen Gründen verurteilt worden: da hat man dem Staatsanwalt bitter Unrecht getan er ist vielmehr, -verürteflt worden, weil er sich gegen das Grundgesetz des Judentums verging, das besagt: „Recht, Recht sollst du üben," Das muß doch ein Rechtsanwalt wissen. Er -ehrtenichtseine Mutter, er lebte flott von fremdem Gelde, fälschte auf Wechseln die Unterschriftseines Bruders, wollte sich den Armen der Gerechtigkeit entziehen—^ ist das jüdisch? Haben wirkliche, aufrichtige Juden jemals so gehandelt? Nicht weil er ein Jude war, sondern weil er vom - Judentum- und seiner . Lehre nicht einmal eine Ahnung hatte, hat er so gehandelt. Darum wäre es lächerlich, wenn, wir uns mit einem solchen Menschen - identifizierten. Er gehört unserer Gemeinschaft nicht an, wie er sich, nun ja auch aus ihr freiwillig ausgeschlossen hat. .Wir gönnen diesen Doktor des Rechts, das er niemals wahrte, wir» gönnen alle Individuen seines Kalibers allen Kirchen der Welt — uns ere Religion haben sie entweiht. Hinweg mit diesen räudigen-Schafenaus unserer Mitte, mit. diesen Amaleks, die nur unsere Volksvernichter sind.. , Kein Feind, kein Haman hat uns so geschadet, wie diese mchtswürdigen Renegaten. Im Mittelalter - hießen sie Donin, und Hieronymus de Sta. Fv, im Beginne der Neuzeit Pfefferkorn und Karben, und in unseren Tagen lausen sie. zu Dutzenden herum, diese Schädiger unseres Judentums, die zersetzend .in jeder Konfession wirken. Die Kirchen werden durch sie nicht gefüllt werden, und jeder Ehrenmann üvird sich hüten, diesen Leuten die Hand zu reichen. w Der wegen Veruntreuung verurteilte Hüter anvertrauter Depots kann nun seine Liaison heiraten, vielleicht tut.er damit etwas Gutes. Jedenfalls haben die ohne ihr Verschulden in diese schlechte Welt versetzten Geschöpfe dann einen gesetzlichen 'Vater. Man sieht, es gibt doch nichts so Schlechtes in der ^ÜVelt, daß es nicht auch eine gute Seite hätte. J' Das Judentum wird aber ohne dieses Gelichter weiter bestehen; ob die nichtjüdischen Konfessionen durch diese Renegaten einen Gewinn erzielen — das wird die Zukunft lehren. Iwri. jHus üen Memoiren von Moritz £a?arua. ,i Von Nahida Ruth Lazarus. itte August vorigen Jahres habe ich einige Erinnerungen an Lazarus' kriegsakademische Tätigkeit in Berlin-veröffentlicht. Heute kann ich dazu folgende Ergänzungen geben, die sicher gerade jetzt von allgemeinem Interesse sein werden. Nachdem König Wilhelm die Bemerkung seines Hof- .zntes (Wiese), daß der zum Lehrer der Philosophie' ein-- stimmig gewählte Professor ein Jude sei,, mit den Worten: -„Wenn es sonst, nichts, ist —" gebührend abgefertigt und das -Ernennungspatent unterzeichnet hatte, fand bald-daraus eine -Unterredung des Chefs der Kriegsakademie, General von Etzel, mit Lazarus statt, in welcher diesem die freieste Wahl inbetreff seines Themas zugesichert wurde. Mährend beide Männer eifrig darüber diskutierten, welche mehr oder minder, trockenen und begrenzten Fächer bisher behandelt worden seien, .einigtensic sich schnell über das neue Kolleg als: „Ein - Führung in die Philosophie? .So gab Lazarus vorerst /eine Geschichte der Entstehung der Philosophie als Wissenschaft, arm. dann zu. den einzelnen Disziplinen überzugehen. Daß er diese in eine lebhaftere und vielseitigere Beleuchtung rückteals es sonst wohl üblich war, geschah mit gutem Grund und mnd vollem Bedacht. u Erw eiterung des G efi ch t s kr e ise s der O f-f.i z i e r e darin lag die eigentliche Bedeutung von; Lazarus tiefdurchdachter und .absichtsvoller Lehrtätigkeit! Der Erfolg; hlieb nicht aus. Die große, ganz- - ungewöhnliche Anteilnahme der Offiziere dokumentierte sich zahlenmäßig. Die -Mitglieder der Kriegsakademie bestehen bekanntlich aus der Elite des Militärs. Von dem gesamten Offizierkorps Preußens - - damals m. 8000 Mann — wurden alljährlich 200 zum /Ausnähmeexamen für-die Kriegsakademie zugelassen, rmd fchließulich etwa 60 der besten zur Kriegsakademie kommandiert.. - Und nnun beachte man folgende bemerkenswerte Daten-und Zahlen! ^Philosophie gehörte zu denfakultativen - Fächernsie wurde .in