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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-03-11 · Heft 11 (11.3.1904) · p. Seite 124

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 11 (11.3.1904)
Date
1904-03-11
Page
Seite 124 (sequence 4)
Language
German
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entspricht inr wesentlichen dem, was bereits: setzt in.Sachsens herkömmlich war und bezweckt daher, fast nur gesetzliche Fesöf Stellung des jetzigen Bestandes.. Sie ist in wohlwollender Weiss und aus- Wunsch der sächsischen Gemeinden eingebracht wordery. nachdem das bisher von den Gemeinden unbestritten ausgeübte Besteuerungs- und Steuerexekutionsrecht, infolge Klage - von' Steuerverweigerern, durch' das königlich sächsische OberVevZ waltungsgericht in seinem jetzigen 'Bestände bestritten und erschüttert war. Bis jetzt hat die ständige Behandlung der Sache einen ungünstigen Verlaus nicht genommen, vielmehr ist ein wesentlicher, von den Gemeinden eingebrachter. Verbesserung^ Vorschlag acceptiert worden, und man gibt sich der Hoffnung hin, daß die Vorlage ohne wesentlicheVeränderung zur Annahme gelangen werde.; Die Rechtsverhältnisse der Jsrae'rliten in Sachsen werden -dadurch zwar nicht eine - bessere, abeb dock) wenigstens eine gesetzlich geschütztere Gestaltung! erlangen . $ 'H? : ’ ' -• ’ "1 Sehr interessant und lehrreich für die Stimmungen iiu Völkerleben ist die Wiederäusrollung des Dreyfus-Prozesses sn Frankreich, dieso glatt und ruhig sich entwickelt, als hätte die Nation niemals auch nur das geringste Interesse für dze ganze Sache gehegte v ■■■-;^ Am 3. d. M. begann vor der Strafkammer des Kassationshofes die Revisionsverhandlung im Drehsus-Prozeffe mit der Verlesung des Berichtes, der zwei neue Tatsachen erwähnt; wenn diese sich als richtig herausstellten, seien sie geeignet, Dreyfus' Unschuld darzutun. Diese beiden neuen Tatsachen sind zuerst das in der Verhandlung von Rennes vorgewiesene Schreiben, worin der Anfangsbuchstabe D. an die Stelle des Anfangsbuchstabens T. gesetzt worden war, sodann ein mit „Alexandrine" Unterzeichneter Brief, auf . den. Oberstleutnant Henry das Datum April 1894 gesetzt hatte, während das wahre Datum auf den 28. März 1895 gelautet hatte, zu dieser Zeit aber befand sich Drehsus auf der Teufelsinsel. Ferner weist der Brief de^ Justizministers noch darauf hin, daß man sich im Prozeß von Rennes aus die Ehrenhaftigkeit einer Persönlichkeit berief, die den diplomatischen Kreisen einer ausländischen "Macht angehören sollte und die mit den Buchstaben v. C. (Cernuschi) bezeichnet wurde, die aber, wie sich jetzt herausstellt, ein bezahlter Agent war. Hieraus begann der -oberste Staatsanwalt Baudoin feine Rede mit der Erklärung, er fei an die Sache mit der Empfindung herangelreten, ein Rechtsirrtuyr fei äußerst unwahrscheinlich, allein in dem Maße, wie er im Studium der Akten vorschritt, sei feine Verblüffung gewachsen; alle Beschuldigungen schwanden in nichts dahin, alle Anklagen erwiesen sich als wertlos und unbegründet. Als er vollends zu den Geheimakte^i karn, diesen jämmerlichen Papieren, deren einzige Bedeutung in der Geheimtuerei besteht, womit man sie geschickt umgeben hat, war er überzeugt, daß die Gerechtigkeit in dieser Angelegenheit das letzte Wort haben müsse. Er begnüge sich denn auch nicht mit einer bloß fvrrnalen Antragstellnng, sondern spreche seine Ueberzeugung von der Unschuld des Angeklagten aus. * Am 5. d. M. hat nach kurzer Beratung der Gerichtshof folgendes Urteil gefällt: Der Revision des. Urteils gegen Dreyfus wird stattgegeben, und es wird die Eröffnung einer ergänzenden Untersuchung ungeordnet,-, die von dem Kassationshof selbst vorzunehmen ist. Diese Untersuchung hat bereits begonnen. ■' In Ruß t an d wird den Juden jetzt mit Drohungen und gelegentlich auch mit recht, empfindlichen Nadelstichen. beigebracht, daß sie .sich janicht über die Mißerfolge der russischen Truppen in Ostasien freuen dürfen. So hat in Kiew der Gouverneur die angesehensten Juden zu sich berufen und ihnengesagt, er habe erfahren, daß sich die Juden im allgemeinen über, die Mißerfolge ^per russischen Armee in Ostasien freuen. Er teile ihnen mit, die russische Bevölkerung befinde sich in einem Zustand größter Erregung, -und er.könne daher für ihre Sicherheit in Kiew, nicht umstehen,- wenn sieihre- Gesinnung nicht: ändern. und. aus. den KifchinewerVorgängen nicht eine Lehre: ziehen, würden. Woher er seinem Wissenschaft, aber habe, das sagte, der wackere Mann den, Kiewer Juden nicht. - Dumpfe Unzufriedenheit erfüllt alle Kreise der russischen Gesellschaft, -Unlust und Vertrauenslosigkeit. Schon darf.- die Presse, wenn auch abwehrend, die; Meinung erwähnen,^ ein zweites Sebastopol täte dem Zarenreich not, auf daß eine befreiende- Gesetzgebung-.begonnen werde,.. wie in Preußen mach dem Zrrsammenbruch bei Jena.: Nicht mit Freude ziehen -die Russen in den Krieg, nicht mit.,dkM.Bewußtsein-/?-für.'die,Hhre-- für die Größe des Vaterlandes, für eine gute undgerechte Sache 'ihr Leben einzusetzen,-wiees die Deutschen 1870 taten; sie empfinden nur den Schrecken, den ihnen, schonin Friedenszeiten das Wort „Sibirien" einflößt,. und für Port: Arthur und die Mandschurei Gut und Blut hinzngeben, gilt ihnen weniger begreiflich und natürliche. als verteidigten sie ihr Haus und den heimischen' Herd. Oft genug ist gesagt wordene daß es der Geist ist, der Wunder verrichtet:; Und der russischen Armee fehlt in diesem Kriege der - echte Geist, der sich auch nicht befehlen läßt. So berichtet man' einem hiesigen' Blatte aus Petersburg. Nur die Juden sollen Patrioten bleiben. Aus Finnland wird' gemeldet, daß alle Nachrichten über Kriegsfreiwillige, über Patriotische Begeisterung der Bevölkerung, über Ergebenheitsadressen und Ovationen der Finnen übertrieben oder gefälscht seien. Nur die Juden, sollen Patrioten bleiben. Und sie sind es auch, trotz des Gouverneurs von Kiew. Jiiyr Lrirk aus Srltrrreich. Anfang März 1904. iesmal folgen Sie mir in den Wiener Schwurgerichtssaal. Erschrecken Sie aber nicht. Weder ich, noch Sie sind angeklagt. Es handelt sich auch nicht um einen - jener nicht ganz ungewöhnlichen. Prozesse, in denen es sich , wieder um eine Angelegenheit dreht, die unser Judentum betrifft.- Auf der Anklagebank sitzt nur ein Rechtsanwalt, der zufällig von jüdischen Eltern stammtsonst aber verband ihn nichts mit dem Judentum; es sei denn, daß er auch ein jüdisches-Mädchen <Fern geheiratet hätte, weil er sich durch dessen Mitgift „rangieren" wollte. Wie Sie sehen, gehört besagter Rechtsanwalt zu den sogenannten „Inwendig Geflickten", d. h. mit seinen Rechtsbegriffen sieht es etwas windig aus. Wer es mit dem Rechte genau nimmt, muß sich nicht „rangieren". Der junge Herr- Doktor hatte gut gelebt, hatte seme-Liaisons mit den üblichen Folgen, in Gestalt einiger bedauernswerter Geschöpfe, und als ihm das Wasser an den Hals ging, vergriff er sich, da sich der Unterschiedzwischen „Mein und Dein" in einem bösen Stündchen etwas verfinsterte, an Depots, die ihm leichtgläubige Klienten anvertraut, hatten; und alß die Sache ruchbar wurde, suchte er das Weite. Er fuhv;-«ü^.-dem. .nächsten Schnellzuge nach Hamburg, . von hier ^ging^s, nach England, . und dann wollte er zu Schiff nach ^Amerika gelangen. Die Polizei war ihm aber aus der Spur und brachte ahn, nachdem er seine Blicke an der 'Kolossalstatue der ^Freiheit" geweidet, in , Unfreiheit wieder nach Wien zurück. Dort hatte - er Zeit, im Landesgerichte eine zeitlang noch über die Vergänglichkeit ' alles - Irdischen, über Recht und Unrecht/ über /seine''verftoffene'n Liaisons, über seine beabsichtigten' Geldheiraten und über-den

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