Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 11 (11.3.1904)
- Date
- 1904-03-11
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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erheben, daß die hier studierenden russischen Juden auch nur! eine ansehnliche Minorität Zu den Kreisen der Nihilisten oder gar Anarchisten stellen. Die „Mandelstamm itttb Silbersarb", mit denen die antisemitische Partei jetzt in der Presse wie in Volksversammlungen krebst, sind keineswegs der Typus der jüdischen Studenten aus Rußland, der durchschnittlich vielmehr dem Bilde gleicht, das Gras Bülow von den Studenten entworfen hat, denen inan das Gastrecht an deutschen Universitäten gern gewährt. Auch der Ausgang der Wahl in Eschwege - S ch m al -! kald en hat die Antisemiten sehr befriedigt. Die Anerkennung, j die sie der „Freisinnigen Volkspartei" einstimmig aussprechen, j ist die gerechte Strafe für das Verhalten derselben in der! Stichwahl am 1. d. M. bei der der bekannte Antisemit Raab j mit Hilfe freisinniger Stimmen gewählt wurde. Die „Lib. Corr."! hat durchaus Recht, wenn sie sagt:! „Tatsache ist und bleibt, das; die volksparteiliche Zentralleitung | nicht das Mindeste getan hat, die Wahl Raabs zu verhindern, das; j ihr ganzes Verhalten nur den Schluß zuläßt, daß ihr die Wahl des : antisemitischen Reaktionärs lieber war als die des Sozialdemokraten, der bis zum Jahre 1908 inr Reichstage gegenüber der Reaktion, dem Agrariertum in allen Fragen den gleichen Standpunkt wie die Liberalen eingenommen hätte." Was die Zentralleitung der Partei aber bei solchen Anlässen tut, wird gewöhnlich von einzelnen Mitgliedern derselben wieder gut gemacht. So hat der Abgeordnete Eickhoff bei der Beratung des Militäretats im Abgeordnetenhause am 5. d. M. . eine Rede gehalten, die den vollen Dank aller, denen die Sache des Fortschritts am Herzen liegt, verdient. In dieser wirkungsvollen Rede heißt es u. a.: ' Den innigen Zusammenhang zwischen Armee und Volk wollen wir aus unserer Seite erhalten, aber das ist nicht möglich, wenn auch heute noch zahlreiche Kreise des Volkes verhindert werden, sich in den Dienst der Arrnee und des Vaterlandes zu stellen. Der Abgeordnete Richter hat bei der ersten Beratung des Etats schon aus diese bedauernswerte Tatsache hingewiesen. Der Kriegsminister hat darauf entgegenkommend geantwortet, und ich habe die Hoffnung, daß er, den ich für einen vorurteilsfreien Mann halte, das Seinige dazu tun wird, daß tatsächlich alle Kreise des Bürgertums ohne Unterschied des Berufs, der Abstammung, der Konfession und der politischen Richtung einzig und allein ihrer Fähigkeit entsprechend zur Heereslaufbahn zugelassen werden, wie dies ja auch dem Gesetz entspricht. Im vorigen Jahre hat sich ein Handlungsgehilfe jüdischen Glaubens in Breslau zum Greuadierregiment als Zweijährigsreiwilliger gemeldet. Er wurde von der 10. Kompagnie, nicht angenommen, weil, er Jude sei. Bei der persönlichen Vorstellung wurde der Handlungsgehilfe angenommen; erst als man erfuhr, daß er Jude ist, wurde er zurückgewiesen. Der Zentralverein jüdischer Staatsbürger wandte sich an den Amtsvorgänger des jetzigen Ministers und erhielt den Bescheid, daß das Verfahren des betreffenden Hauptmanns durchaus nicht gebilligt werden könne. Das erforderliche sei von ihm veranlaßt, eine besondere Verfügung sei nicht notwendig. Gewiß , hatte der Hauptmann das Recht, den Freiwilligen zurückzuweisen, denn ihn; steht die Entscheidung darüber zu. Er hat aber zuerst den Herrn, der sich gemeldet hatte, sehr freundlich behandelt, als er noch nicht wußte, daß er Jude war. Nun, der Fall ist ja erledigt, wenn ich ihn aber noch zur Sprache bringe, so tue ich es, weil er mir von symptomatischer Bedeutung zu sein scheint) und vor wenigen Tagen ist mir ein ähnlicher Fall aus Düsseldorf mitgeteilt worden. Sind solche Vorkommnisse in unserem modernen Staatsleben nicht überaus beklagenswert? Sind sie würdig eines Kulturvolkes? Wir leben in einem Rechtsstaate. Alle Preußen sind vor dem Gesetze gleich. Sind nun aber nicht von fast allen Aemtern unsere jüdischen Mitbürger ausgeschlossen? Hat doch der Justizminister Dr. Schönstedt sich vor einigen Jahren als einzigen weißen Raben bezeichnet; denn er allein stelle noch Juden an. Gibt es Offiziere jüdischen Glaubens in der Armee? Und doch klagt man über Mangel an OMieren! Alle anderen Kulturländer haben jüdische Offiziere. Der Kollege des Herrn bi Einem in Italien ist ein Jude. Zwei jüdische Militärärzte haben wir nur in der Armee, und doch wissen wir alle, daß wir Mangel an Sanitätsoffizieren haben, und daß zu unseren, tüchtigsten Aerzten viele unserer jüdischen Aerzte gehören. Ich glaube, der Herr.Kriegsminister tüte gut daran, sich an den Erlaß Kaiser- Friedrichs III. zu erinnern: „Ich will, daß der seit Jahrhunderten in meinem Hause heilig gehaltene Grundsatz religköser Duldung auch allen meinen Untertanen, welchem Bekenntnisse sie auch angehören, zum Schutze gereiche." Bereits in den Befreiungskriegen haben die jüdischen Soldaten sich ausgezeichnet, und haben in keiner Weise hinter ihren christlichen Kameraden zurückgestauden. In; Kriege 1870/71 haben an 350 jüdische Soldaten sich das eiserne Kreuz erworben. Wenn sie also ihre Pflicht erfüllen, dann ist es auch angebracht, sie zu den Offizierstellen zuzulassen. Ich bitte den Kriegsminister, den ich für vorurteilsfrei halte, au seinem Teil dafür zu sorgen, daß solche Vorkommnisse wie beim 9. Schlesischen Grenadierregiment in Breslau, dessen-Chef Kaiser Friedrich war, nicht wieder Vorkommen, daß man vielmehr in jeder Weise sucht, unsere jüdischen Mitbürger nicht wegen ihres Glaubens von dem Offizierberuf auszuschließen. Welche Wirkung nun auch die Rede haben mag und selbst, wenn sie keinen praktischen Erfolg hätte — das; sie gehalten wurde, ist eine verdienstliche Tat. Und daran werden auch die Witzeleien des Herrn Liebermann v. Sonnenberg nichts ändern. ♦, Wir schließen unsere politische Wochenschau mit der Nachricht von dem Ableben des Grafen Waldersee. Bei dieser Gelegenheit wurde in der Tagespresse natürlich das Thema der Versammlungen viel erörtert, die seinerzeit inr Hause des Grafen wahrend der Krankheit Kaiser Friedrichs stattgefunden haben. Ein Publizist, der dem Generalstabschef damals und auch später nahegestanden, gibt darüber im „Berliner Tageblatt" erwünschten historischen Aufschluß: , „Hieran schloß sich eine Periode, in der Graf Waldersee nrehr gder minder freiwillig in eine politische Jntrigue verstrickt wurde, als deren treibende Kraft der damalige Hofprediger Stöcker angesehen U'erden muß. Durch seine Gattin mit der Familie der jetzigen .Kaiserin Auguste Viktoria verwandt, trat er mit dem damaligen Prinzen Wilhelm in nähere Beziehungen und wurde veranlaßt, diesen zu Konferenzen heranznziehen, an denen eine Reihe sozial gerichteter Männer teilnahmen, deren eigentliche Leitung aber in beit Händen des Führers der christlich-sozialen Partei lag. Bismarck, argwöhnisch wie immer, erkannte hierin den Versuch, den künftigen. Thronfolger für eine Richtung zu gewinnen, die der seinigen nicht entsprach. Und so begann er einen publizistischen Feldzug gegen den herzensfrommen, aber durchaus nicht antisemitischen Waldersee und den ihm — wie es schien — nahestehenden Stöcker, der sich in einzelnen Organen des Reichskanzlers in dem Schlachtrufe: „Gegen Junker und Pfaffen!" Luft machte." Daß Gras Waldersee nichts weniger als ein Antisemit war, ist erst neuerdings von ihm nahestehender Seite festgestellt worden. Er hat zeitlebensfreundschaftliche Beziehungen zu Juden in Berlin, Hamburg wie in Hannovers unterhalten. In Hamburg hat er wiederholt den Tempel besucht und jede Gelegenheit benutzt, um den jüdischen Soldaten sein Wohlwollen zu beweisen. Mit dem Grafen Waldersee ist ans der Reihe der Lebenden eine ausgeprägte einflußreiche Persönlichkeit geschieden, die häufig den Anlaß zu politischen, mitunter erregten Erörterungen bot, deren Andenken aber in Ehren fortleben wird. ♦ Von gut unterrichteter Seite.werden wir darauf aufmerksam gemacht, daß der in Nr. 9 unseres Blattes enthaltene Bericht über den, den Ständen des Königreichs Sachsen 'vorgelegten Gesetzentwurf, betreffend die israelitischen Religionsgemeinden, weder einen sachlich genügenden Auszug des Deputationsberichtes der ersten Kammer, noch überhaupt ein rechtes Bild der Lage der Dinge gebe. Die Gesetzesvorlagc