Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 11 (11.3.1904)
- Date
- 1904-03-11
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228581-3228593--60641-3274420- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
wmm Geistes und des Gemüts überhaupt nicht anzukänrpfen; ja man wird ihnen bei näherer Betrachtung sogar eine gewisse Berechtigung zuerkennen müssen. Das religiöse Gefühl mani-/ festiert sich eben in tausend verschiedenen Weisen. i Aber die Vertreter dieser neuorthodoxen Ronrantik sollten doch bedenken, daß sie nicht nur für sich und für ihre seltsamen religiösen Gefühle, sondern auch für ihre Kinder, für ihre Söhne und Töchter zu sorgen haben. Können sie wirklich glauben, daß ein ungeregelter Gottesdienst unserer Jugend, dw ja ohnedies nur sehr schwer in das Gotteshaus zu bringeü ist, irgend welche Erbauung bieten würde; können sie es vor Gott und ihrem Gewissen verantworten, daß man um eines unklaren romantischen Gefühls willen Tausende und Abertausende in Israel dem Hause des Herrn entfremdet? r Am meisten könnte man etwa noch die ästhetischen und musikalischen Bedenken gelten lassen. Man könnte vielleicht einwenden, daß man sich einen geregelten Gottesdienst auch ohne Orgel vorstellen kann. Indes hat die Erfahrung das Gegenteil gelehrt, wie das in den Gutachten der Herren Rabbiner Dr. Maybaum und Rosenzweig nachgewiesen ist/ Wie aber heute noch jemand im Ernst behaupten kann/ daß die Orgel als eine Nachahmung nichtjüdischer Gebräuche zu perhorreszieren sei, ist uns geradezu unerfindlich. Mit Recht hat dagegen schon vor 50 Jahren Abraham Geiger in dem oben erwähnten Gutachten einen alten Vertreter des talmudischen Rabbinismus, Joses Kolon, angeführt, der inr fünft zehnten Jahrhundert als der hervorragendste Gelehrte auf diesem Gebiete galt, der mit den freien Vertretern der Wissenschaft im beständigen Streit sich befand und der doch nichts^ destoweniger in seinen Rechtsgutachten Ausdrücklich erklärte? „Verbotene Nachahmung kann nur auf zwei Arten Anwendung finden. Erstens bei Dingen, wofür kein vernünftiger Grund anzugeben ist, so daß die Ausnahme eben bloß auf leerer Nachahmung beruht, zweitens bei Dingen, durch welche Anstands und gute Sitte verletzt wird, sodaß der Leichtsinn dadurch Nahrung findet; was sich aber als nützlich erlveist, darf und; soll Aufnahme finden." Und diese Definition nahmen auch die. Verfasser der späteren Codices auf, sowohl Josef Karo wie Moses Jsserles, die rigorosesten Vertreter des religiösen Herkommens? Wird nun jemand den Mut haben, zu behaupten, daß für die Einführung der Orgel kein vernünftiger Grund anzugeben ist oder gar, daß durch diese Anstand und gute Sitte verletzt würden? Gewiß nicht! Nun, dann sind wir eben hinter Josef Karo und Moses Jsserles zurückgeblieben, dann sind wir eben orthodoxer als der Schulchan Aruch! Sind nun aber die Kämpfer gegen die Orgel in der Tat. so weit zurück? Nun, wir glauben nicht, daß sie selbst sich, dafür ausgeben werden; und wir möchten den Streit gegen den modernen Konservatismus bei dieser Gelegenheit auch. nicht wieder erneuern. Wohl aber muß es gesagt werden,, daß es unbegreiflich erscheint, wie Männer, die ja ausdrücklich in öffentlicher Gemeindeversammlung erklärt haben, daß sie^ außerhalb des Zerenronialgesetzes stehen, die die vorgeschriebenen-, Gebete und die festgesetzten Gebetszeiten in bestimmter Weise. ablehnen, gerade gegen die Einführung der Orgel Protest er-.-, heben können. Wir gehen nicht einmal so weit, wie Abraham Geiger seiner Zeit in dem Gutachten für die Orgel gegangen ist, das er mit der Erklärung geschlossen hat: „Eine neue große^ Synagoge in Berlin ohne Ausnahme der Orgel heißt: ein., Verdammungsurteil aussprechen über dieselbe oder vielleicht" auch — über sich selbst!" Wir meinen vielmehr, daß, wenn^ das Bedürfnis wirklich vorhanden ist und ohne fremde Ein-/ flüfse und Parteiumtriebe zuverlässig konstatiert wird, in einer/ Großgemeinde, die für alle religiösen'Richtungenzu sörgM hat, auch eine Synagoge ohne Orgel errichtet werden muß. Dieses Bedürfnis ist aber im vorliegenden Fall bisher, nicht konstatiert worden. Es muß dies ganz besonders betont werden. Ja, inr Gegenteil, eine Enquete in dem betreffenden Stadtteil hat das Resultat ergeben, daß von den steuerzahlenden Mitgliedern der Gegend, in welcher die neue Synagoge errichtet wird, 690 für und nur 38 Stimmen gegen die Orgel sich erhoben haben! Selbst wenn man annehmen wollte, daß viel mehr als diese 38 Stimmen gegen die Orgel aufzutreiben wären, so muß man doch zugeben, daß die Träger dieser Stimmen es nicht einmal der Mühe für wert gehalten haben, ihr Votum gegen die Orgel abzugeben, einfach aus denr Gründe, weil sie eben keine ernsthaften religiösen Bedenken dagegen haben. Die Hauptsache ist und bleibt also, daß niemand mehr hm Kamps gegen die Orgel aus religiösen Gründen zu motivieren versucht; auch jene Orthodoxie nicht, die sich einbildet, wahrer als die Propheten und frommer als die Psälmisten zu sein, und der jeder alte polnische Rabbi aus denr 16. Jahrhundert mehr gilt als der unsterbliche Gesetzgeber des Judentums. .Alle anderen Bedenken aber, die aus irgend welchen Gründen gegen die musikalische Begleitung des Gottesdienstes ins Feld geführt werden, schwinden vor der großen Tatsache, daß durch diese das junge Geschlecht, unsere Kinder, die Erben unserer Kämpfe, unserer Hoffnungen und Ideale, denen die Orgel als ein integrierender Teil des Gottesdienstes erscheint, dem religiösen Leben wieder gewonnen werden könnte. Diese Aussicht sollte doch selbst den Konservativen, ja ihnen vor allem, Veranlassung geben, den, wie die Geschichte lehrt, nun einmal doch vergeblichen Kanrpf nicht wieder aufleben zu lassen, auch wenn eine augenblickliche Zeitströmung sich diesem günstig erweisen sollte. Gerade diejenigen, die das Judentum erhalten wollen, müßten doch vor allein in einer Zeit, in der die Säulen unserer Religion Wanken, in der man von allen Seiten sich bemüht, die Basis der Existenz des Judentums zu entziehen, sich davor hüten, die besten Kräfte in einem nutzlosen Kampfe aufzureiben, anstatt sie auf das eine große Ziel zu konzentrieren. Es ist ja jetzt in der Tat eine trübe Zeit für die liberalen Ideen. Die allgemeine Reaktion inr Politischen Leben hat auch eine solche in jüdischen Kreisen nach sich gezogen. Es ist das^ ein alter Erfahrrmgssatz. Schon im 12. Jahrhundert hat der Verfasser des „Buches der Frommen" erklärt, daß die Inden eines jeden Landes so seien wie ihre Umgebung. Und ein bekanntes Sprichwort hat diese Wahrheit in sehr drastischer Weise ausgedrückt. Das alles aber darf die Vorkämpfer der Idee des Fortschritts und der freien geistigen Entwicklung innerhalb des Judentums auch nicht einen Augenblick davon abhalten, von allen Zeitstromungen unbeirrt, den Kampf für diese Ideen mannhaft weiterzuführen. Die Woche. Berlin, 8. März. ie Verhandlungen im Reichstag über das Fremdenrecht boten der antisemitischen Partei wieder mehr als willkommene Gelegenheit, gegen die Juden zu eifern. Abgesehen davon, daß ihre Behauptungen zum großen Teil unbegründet sind, — so z. B. war bei keinem der vorn Reichskanzler genannten Attentate auch nur ein Jude beteiligt, der Jude . Bogoljubow ist eine amüsante Erfindung — läßt sich auch sonst manche berechtigte Einwendung gegen die Anschauung-