Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-03-11 · Heft 11 (11.3.1904) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 11 (11.3.1904)
Date
1904-03-11
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228581-3228593--60640-3274419
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 11. März 1904, 68. Jahrgang. No. 11. Begrün-et von Rabbiner Ludq>ig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemersfr. 46/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Alle, . Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der . „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin 8>V., Jerusalemer Straße 46/49,;u richten. Verlag von Rudolf Masse, ' »erlitt. Bit Nrgkl. Berlin, 8. März, er hätte gedacht, daß neunzig Jahre nach der Einführung der Orgel in die Synagoge der Kamps gegen diese in einer Stadt wieder aufleben würde, in der sie zuerst beim Gottesdienst ertönte! In der Synagoge, welche Jacob Herz Beer, der Vater Meyerbeers, in feinem Haufe im Jahre 1815 eingerichtet hatte, befand sich eine Orgel. Als die Gemeindesynagoge in der Heidereutergasse der Ausbesserung dringend bedürftig war, wurde der Gesamtgottesdienst in dem Beer'schen Tempel als Einrichtung der Gemeinde fortgesetzt und ein ganzes Jahr lang nahm niemand daran den geringsten Anstoß. Erst später, da der Bau nur langsam ge- * fördert wurde, erhoben sich Streitigkeiten. Damals wurden gegen die Orgel zuerst religiöse Gründe ins Feld geführt. Es ist interessant, solche' historischen Reminiszenzen hier auszusrischen; sie beleuchten die Gegenwart in einer ganz merkwürdigen Weise. Es trifft sich sehr gut, daß gerade zur selben Zeit, wo in Berlin Bedenken gegen die Orgel geltend gemacht werden, in zwei Gemeinden, die man bisher als die Säulen des orthodoxen Judentums betrachtete, die Orgel ohne großen Kampf zur Einführung gelangt ist. Hier und da erhob sich wohl Widerspruch dagegen, aber es war nicht mehr als ein Sturm im Glase Wasser,' der bald beschwichtigt wurde, nachdem die Wünsche, die der dissentierende Teil der Gemeinde aussprach, mit Recht befriedigt wurden. Es erscheint deshalb fast wie ein Anachronismus, wenn man heute noch einmal die Gründe für die Orgel herzühlen wollte, nachdem die Geschichte darüber bereits entschieden hat. Die historische Entwicklung innerhalb des Judentums ist ein beredtes Zeugnis für die Berechtigung der Reform, und wenn die Gegner sich heute noch, gestützt auf eine vorübergehende Zeitströmung, dagegen sperren, wenn sie behaupten, daß die Reform unterlegen sei, so zeigen sie eben, daß sie nicht das geringste historische Verständnis haben. An diesem Ausgang konnte ja überhaupt 'niemand zweifeln, der da weiß, daß Orthodoxie und geschichtliche Entwicklung sich ausschließen, ja ausschließen müssen. Aber selbst den größten Fanatikern .müßte doch endlich das Verständnis der Sache aufgehen, wenn sie beobachten, daß heute niemand mehr im Ernst ein religiöse s Bedenken gegen die Orgel auszusprechen den Mut hat. Alle Gründe, die heute gegen die Orgel in der Synagoge angeführt werden, sind entweder Opportunitätsbedenken, ästhetische oder musikalische Einwendungen; selbst in den Gutachten des Berliner Rabbinats spielen diese Opportunitäts- Bedenken die erste Rolle. Diese Tatsache allein müßte schon der Orthodöxje zu denken geben und ihr beweisen, das; nicht ühre Weltanschauung das-Feld behauptet hat. Als im Jahre UL-861 in der Großen Synagoge zu Berlin eine Orgel ausgestellt werden sollte, hat Abraham Geiger auf Aufforderung Hes Berliner Gemeindevorstandes in einem meisterhaften Gutachten schon von vornherein erklärt, die Frage sei schwer zu beantworten, da . sie erstens schon seit einem halben Jahrhundert keine Frage mehr sei, da sie theoretisch in vielen Gutachten, wie Praktisch in vielen Gemeinden von dem äußersten Osten bis zum äußersten Westen gelöst ist und man nun nicht miisse, was an dem Gegenstand nochmals in Frage gestellt -werden kann;, zweites, da die Frage überhaupt nicht reckst faßbar ist, indem gesetzlich theologische Erörterungen hier kaum' jn Betracht kommen dürfen, sondern lediglich Antipathien denen schwer beizukommen ist, und die zu klaren Begriffen kaum erhoben werden können. Ein solcher , Kampf gegen 'Schattengebilde ist ja recht unerquicklich; er muß aber dockh -selbst auf die Gefahr hin, oft Gesagtes zu wiederholen, immer von neuem wieder unternommen werden. Heute liegt die Sache einfach so: In einer Gemeinde, die nicht in der Lage ist, zwei Synagogen zu unterhalten, würden Mir im Interesse der Gewissensfreiheit nicht für die Einführung meiner Orgel käinpfen, wenn ein ansehnlicher Teil von Mitgliedern dieser Gemeinde gegen die Einführung dieses Instruments sein sollte. Wir würden das als einen Gewissenszwang betrachten.. Aber genau so betrachten wir e§' als einen Gewissenszwang, wenn z. B. in einer Äroßgemeinpe, wie in Köln, die in der Lage ist, zwei große Synagogen und zwei Rabbiner zu erhalten, die Gegenpartei mit allen Mitteln die Einführung der Drgel auch nur in einer dieser Synagogen bisher zu. verhindern gewußt hat. Auch die Opportunitätsbedenken, die man gegen die Orgel Hier und da noch vorbringt, erscheinen uns wenig begründet, Mei gerechter und objektiver Beurteilung der Sachlage kann Jurtt> muß überall ein Ausweg gefunden werden. Es ist dies Heute um so leichter, als die ehrliche Orthodoxie in den meisten ^Gemeinden sich ihre eigenen Andachtsstütten errichtet hat. Der Mampf gegen die Orgel geht also in solchen Gemeinden, wenn ifutan alle niedrigen Motive ausscheiden will, nur aus.falschen (Rücksichten, aus parteipolitischen Erwägungen, oder, aus einer gewissen religiösen Romantik hervor. Diese letztere, die vieleicht, den meisten Anteil an dem Kampfe hat, möchte, wenn ie einmal das Bedürfnis fühlt, die Synagoge zu besuchen, in steser alles so erhalten sehen,. wie sie es vor einem.halben Jahrhundert in ihrer kleinen schlesischen oder posenschen Heimat ^gesehen hat. Nun ist ja. gegen solche Imponderabilien , des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.