Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 10 (4.3.1904)
- Date
- 1904-03-04
- Page
- Seite 119 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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119 - ‘ mich,' Mütter, 'Dir alles sagen,' es -erleichtert mit das Herz." :'";r'r:' : ’ „Kind, Du sollst jetzt nicht'Nachdenken,' es wirä schon alles gut werden, und nun kein Wort mehr." Frau Berger hatte eine große Stütze an der Mutter Hugos. Diese erschien jeden Morgen in der Frühe und' hals in ihrer geräuschlosen, praktischen Weise, ohne viel zu fragen. Heinrich holte seine Mutter jeden Tag zu einem Spaziergange ab. Er erzählte ihr nichts von seiner Begegnung mit seinem Schwager. Er hatte aber verschiedenes von den konservativ-antisemitischen 'Gesellschaften gehört, in denen Hugo eine führende Rolle spielte, was er seiner Mutter um so weniger vorenthalten zu dürfen glaubte, da es ganz Berlin wußte. Frau Rode trug getreulich mit an dem Kummer und der Angst in den schweren Stunden, da die junge Frau sich fieberglühend und unaufhörlich flüsternd auf den Kissen wälzte und Phantome erblickte, unter denen 'die Erscheinung ihres Mannes das erschreckendste war. Rur selten erschien die freundlichere Gestalt ihres Bruders, dem sie dann ihr Leid anvertraute. Den Frauen wollte das.Herzb.rechel: über die abgerissenen Klagen, aus denen so ergreifend ihre Herzenseinsamkeit, die Gefühlsroheit. HiUiH-.-zu. exkenMN w.ar,--..,....... .. Die FiMrträume gaukelten ihr die Tage zurück, die sie als zärtlich behütete Tochter in: Hause der Eltern'so glücklich verlebt hatte. In bunter Reihe kamen die Tage der Kindheit, da sie sich mit ihrem Onkel Bär so häufig gefreut hatte. Und dann verbreitete sich ein freundliches Lächeln über die Züge Ernas. ' „Onkel, lieber Onkel Bär, kommst Du zu nur?" Er schritt langsam auf sie zu, aber plötzlich stand ihm ein großes Kreuz im Weg. Er lief immer hastiger auf und ab, konnte aber nicht an: Kreuze vorbeikommen, das zwischen ihnen aufragte. . Sie streckte. weinend. die .Arme aus, er aber setzte sich still und traurig auf Ernas Kmderbünkchen - und zog langsam die Filzsandalen an, die er am Berföhnungstage trug; und dann saß er an ihrem BeM und sprach ihr das Nachtgebet vor, das er die Kinder gelehrt hatte: „Es schläft und schlummert nicht. . . ." Das Weitere konnte sie nicht versteheil, so angestrengt sie horchte. - " "> ~ Hugo, der seine Schwiegermutter mr der Bahn abgeholt, scheute -eine Aussprache mit ihr. . Er kam nur auf Augenblicke ins Krankenzimmer und entfernte sich rasch, nachdem er Mchricht über den Stand der Krankheit erhalten. - Die Herzen der beiden Frauen, die sich gegenseitig achten gelernt hatten, 'näherten sich. Als eines Tages Erna fest schlief, sagte Frau Rode: „Jetzt aber wollen wir irr: Wohnzimmer den Tee nehmen. Sie sollen nicht, immer im Krankenzimmer speisen.. Die Schwester ist ja anwesend, und Erna schläft gut." Frau Berger folgte, .und bald faßen die Frauen einträchtig beim Tee. ... „Wissen Sie auch, Frau Rode, welcher Gedanke mich nicht verläßt? Es wäre besser für Erna, wenn-sie hinübergeschlummert wäre.- Welches Leben wartet ihrer?'" „Um Gotteswillen, Frau Berger, - wie dürfen Sie dies sagen?" rief Frau Rode entsetzt. „Bei Ihrem Sohn kann und wird sie nicht bleibendste .ist aber dann mit zwanzig Jahren eine geschiedene Frau, mit einem freudlosen, verfehlten Leben.". „Muß dies denn sein?" murmelte Frau Rode. „Fragen Sie Ihren Sohn. Wir werden unsere Tochter nicht beeinflussen, aber hören Sie nicht aus den Fieberträumen das Granen vor Hugo, dessen brutaler Egoismus immer deutlicher hervortritt und der seine Frau so wenig schonte, wie eine gekaufte Sklavin? Ich kann- Ihnen - nicht verschweigen, i daß Hugo uns betrogen hat. Er heuchelte Erna Liebe, er versprach ihr den Himmel an seiner Seite, und nun ist er, ich weiß den Grund nicht, ihrer überdrüssig. Und auch an Ihnen hat sie eine Mutter leider nicht gefunden." Frau Rode senkte ihr Haupt. „Liebe Frau Berger, hören Sie meine Rechtfertigung. Ich will meinen Sohn nicht verteidigen, ich glaube aber nicht, daß er in seiner Frau die Vertraute seiner Pläne gewonnen, die! dem Fluge feines Ehrgeizes folgen und ihn unterstützen komcke. Ich und meine Tochter nähmen Erna mit voller Liebe auf, es konnte sich aber kein gegenseitiges inniges Vertrauen entwickeln. Erna war mit ihren: Fühlen, Denken nur halb bei Uns. Wen wir uns von dem unterhielten, was uns eben nähe liegt, fanden wir bei Ihrer Tochter nicht nur kein Verständnis, sondern sie glaubte sogar, sie solle damit gekränkt werden. Beste Frau Berger, haben Sie nicht auch gefehlt? Veranlaßten Sie nicht aus ja leicht erklärlichem und verzeihlichen: Ehrgeiz das Kind, in eine Sphäre zu steigen, wo ihn: Enttäuschungen rächt erspart bleiben konnten?" „Mein Mann ur:d ich haben uns deshalb schon bittere Vorwürfe gemacht, und das Haar ineines Mannes ist inzwischen weiß geworden. Wir sähen voraus, daß Erna sich taufen lassen würde. Wir bedachten aber nicht, daß die getaufte Jüdin - jedes Ehrgefühls und verwandtschaftlicher: Gefühls bar sein muß, wenn sie die Angriffe auf ihrer: früheren Glauben und ihre Glaubensgenossen nicht wie Peitschenhiebe errrpfinder: : soll. Ich leugne nicht, daß uns, die Eltern, die größte Schuld! trifft. Wir haben rmsern Glauben verachtet, die Strafe ist i gerecht." j Frau Rode sagte, tief ergriffen die'Hand der Frau Berger! ergreifend:! „Wir Eltern wurden von den bester: Absichter: geleitet,! das wird unser Trost bleiben. Wir aber, Frau Berger, wollen •’ Freundinnen bleiben und alles Leid zusammen tragen." Und weinend umarmter: sich die Christin und die Jüdin. —! . Die Genesung Ernas schritt stetig fort. Hugo erwies ihr! Aufmerksamkeiten, brachte ihr täglich Blumen, die sie g'leichi gültig annahrn. Als sie soweit gekräftigt war, daß ihre Mutter an die ' Heimreise denken konnte, karr: ihr Vater, um feine Frau äb- I zuholen. Herr Berger war erschüttert vom Aussehen seiner Tochter, die mit blassen Wangen und müden Augen ihm langsam i entgegenschritt. - Er hatte eine längere Unterredung mit ihr und suchte dann feinen Schwiegersohn auf. Die Begrüßung war kurz. , Herr Berger sagte: „Ich habe - meiner Tochter versprechen müssen, das Ver-! gangene nicht zu berühren, sondern nur von der Zukunft zu j sprechen. Wie denken Sie sich diese?" j „Wenn wir uns länger und besser kennen, wird Erna die kleine Mißhelligkeit vergessen." „Meinen Sie wirklich? Ernas Entscheidung lautet nicht I so. Meine Tochter soll, wie Sie wissen, zu ihrer Stärkung! den Winter in Mentone zubringen, meine Frau wird sie! dorthin begleiten und bei ihr bleiben. Erna wird, sobald sie I Ihr Haus verlassen, unverzüglich die Scheidung einleiten." j ' Hugo führ auf. i „Darin willige ich unter keiner: Umständen. Erna hat! feinen Grund zur Scheidung."!. Herr Berger führ gemessen fort:! „Ob Sie darin. willigen oder nicht, wird nicht von Belangj sein. Doch hören Sie weiter. Wir wollen offen reden. Sie