Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 10 (4.3.1904)
- Date
- 1904-03-04
- Page
- Seite 118 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Gesellschaft erhob sich. Hugo 'nahm Krafft aus die Seite und sägte ihm mit gezwungener Ruhe: „Wir wollen den Einkauf der Papiere nun bald vornehmen. Ich muß nun sofort mein Einkommen vergrößern, denn ich habe heute Abend fünftausend Mark verloren." „Donnerwetter, das ist Pech. Sie gingen aber auch zu scharf ins Zeug. Run, Sie werden schon soviel verdienen, daß Ihnen das nichts ausmacht." Die Herren, die vom überreichlichen Sektgenuß einen schweren Kopf hatten, .wollten noch ein Cafe besuchen. Eora hing ffich in Hugos Ar:::. - ' „Komm, ich fürchte mich, allein über die Straße zu gehen." - „'Närrchen," lachte er, „ich werde Dich wohlbehalten nach Hause bringen." Die anderen Damen hatten ebenfalls ihre Beschützer, und j so machte man sich einträchtig auf den Weg. ' i Wie sie in das mit Menschen gefüllte Wiener Cafe ein-! traten, Hugo mit seiner Begleiterin, die noch immer an seinem! Arm hing, voran, sah er Heinrich mit einigen Kommilitonen an ( einem Tische sitzen.! Unwillkürlich zuckte er zurück, es war aber zu spät, Heinrich! hatte ihn gesehen.. j Die Studenten kamen von einen: Kommers und waren! noch etwas sehr sröhlich, Heinrichs Kopf war aber im Nu so; klar, als hätte er nur Wasser getrunken. Er sprang aus und ging auf seinen Schwager zu, das f Mädchen, dessen Qualität ihn: und niemandem zweifelhaft sein konnte, gänzlich ignorierend. Bevor er etwas sagen konnte, faßte ihn Hugo am Arm i und flüsterte ihm zu: „Schweig, ein Zufall — Heinrich antwortete ihm verächtlich: „Hugo, schäme Dich, Du bist ein Schurke!" Dann wandte er ihn: den Rücken Und ging wieder auf seinen Platz zurück. Hugo sah ihm mit verbissener Wut nach, dann sagte er zu seiner Begleiterin, die den: kurzen Zwiegespräch verständnislos zugehört hatte, „Komm!" und eilte im Sturmschritt dem Ausgange zu. Seine andere Gesellschaft hatte inzwischen Platz genommen,! nur Krasst war bei ihm geblieben und solgte ihm auch jetzt. j Draußen beauftragte Hugo der: Portier, eine Nachtdroschke! herbeizuholeu, sagte deur verdutzten Mädchen: „Kind, Du mußt j allein nach Hause fahren, ich habe keine Zeit mehr," und ließ j sie einsteigerr. ' ' Er sagte zu Krasit: „Drinnen hat mich mein Schwager angerempelt." „Ach, dairn wird's wohl nrorgen früh Ihre Frau Gemahlin wissen." „Nein, der Junge ist anständig. Es wird aber eine Auseinandersetzmrg mit ihm geben, der Schlingel schien sehr empört zrr fein." Krafft lachte. „Wenn ich nreinem Schwager Kurt so in den Weg liefe, , würde er sich nur sofort anschließen. Diese Moral ist entz schieden bequemer." I „Ich habe auch diese ewige Rücksichtnährrre satt und muß reine Bahn schaffen. Die Sippe schüttle ich ab und meiner Frau werde ich sagen, daß eine Ehe kein Schäferstündchen ist, daß sie mich meinen Weg gehen lassen soll." Die letzten Worte schrie Hugo, den der vorher reichlich; genossene Sekt, die frische Luft und die Aufregung erst jetzt ' trunken inachten.; Herr von Krafft begütigte ihn. „Regen Sie sich nicht weiter auf und gehen Sie jetzt zu Bett. Sie haben doch ein Fremdenzimmer, svdaß Sie Ihre Frau Gemahlin nicht zu stören brauchen." Sie waren unterdessen an Hugos Wohnung, die nicht weit entfernt tag, angelangt, und nun verließ Krafft seinen Freund. Kapitel 22. Hugo tappte schwerfällig die Treppe hinaus. Im Schlafzimmer gab er sich Mühe, sich geräuschlos zu entkleiden, es ging aber nicht. Seine Frau schreckte auf. , „Hugo, wie spät .... mein Gott, wie rot siehst Du aus, was ist Dir passiert?" Hugo, der immer trunkener und immer wütender wurde, schrie sie an: „Es ist nichts passiert. Willst Du mir vielleicht eine Gardinenpredigt halten? Sie sah ihr: groß an. „Pfui, Du bist betrunken, schlafe Deinen Rausch aus!" „Nein, ich bin nüchtern. Ich werde nur durch Dich und Deine Sippschaft zum Gespött für alle meine Bekannten. Dein Bruder, der Bengel hat vorhin ..." Er lachte häßlich aus. „Ach was, und alle meine Freunde und deren Gattinnen beklagen mich, bei einer getauften Jüdin könne man nicht herzlich werden, und sie sei immer eine Jüdin, und sie haben auch recht, Du und Ihr seid mir zum Fluche geworden." . Sie war kreidebleich geworden. " „Hugo, weshalb hast Du mich geheiratet, ist das Deine Liebe?" Er hielt betreten inne. „Was hat mein Bruder vorhin?" „Liebe? . . . Hiebe!" . . .und der Trunkene schwankte auf sie zu. Da stieß sie einen Schrei aus. Bon Entsetzen gepackt, verließ sie ihr Lager, eilte in das Nebenzimmer, wo ihr die Sinne schwanden und sie zu Boden stürzte. Der plötzlich nüchtern Gewordene hob sie mit Aufbietung seiner Kräfte auf und trug sie in ihr Bett zurück. Er weckte die beiden Mädchen, die mit tiefem Erschrecken zu der ihnen lieb gewordenen schwer erkrankten jungen Herrin eilten. Dann holte er seinen Arzt herbei. Der machte beim Anblick der Erkrankten ein ernstes Gesicht. Nach kurzer Untersuchung sagte er: „Rufen Sie sofort Professor Lange, ich telephoniere inzwischen nach einer Diakonissin." Nach kurzer Zeit bot das Schlafgemach einen unheimlichen Anblick. Die Aerzte und die Diakonissin waltete:: ihres Amtes, l während Hugo mit dumpfen: Kopfe im Wohnzimmer saß und! vor sich hinbrütete. Stunde:: vergingen, es war längst Tag geworden, als der Arzt zu Hugo ins Zimmer trat. „Sie sind um eine Hoffnung ärmer geworden, und ich fürchte für das Leben Ihrer Frau. Ich rate Ihnen, sofort Ihre Schwiegerinutter telegraphisch herzubitten." Bon der sofort herbeigeeilten Frau Berger war die Ueberbildung abgestreist und die sorgsame Mutter, die Tag und Nacht wachte und nur für die Pflege ihrer Tochter lebte, übrig geblieben. Ihre Tochter erzählte ihr in einem fieberfreien Moment unter heißen Tränen den großen Irrtum ihres Lebens: