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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-03-04 · Heft 10 (4.3.1904) · p. Seite 117

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 10 (4.3.1904)
Date
1904-03-04
Page
Seite 117 (sequence 9)
Language
German
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117 der Andacht bildet, das glänzendste Zeugnis dafür, wennein solches---überhaupt noch nötig wäre, daß ein Leben nach Gesetz und Recht und Pflicht nach jüdischer Auffassung, unbeschadet des Gebetes als des Ausdrucks der innersten religiösen Empfindungen, der wahre und rechte Gottesdienst ist. Denn was hier Gesetz und Pflicht genannt wird, weist in allen seinen Bestimmungen, auf das Göttliche und Humane, auf Religion und Sittlichkeit in inniger Durchdringung hin. Aber die Thoralesung verhält sich mit bezug auf die Andächtigen zur Haftaroth- oder Prophetenvorlesung, wie die ausgestreute Saat sich zum warmen goldenen Sonnenstrahl verhält, der jene zum frischen Emporsprießen und Reifen weckt. Mehr Sonnenstrahlein mehr Licht! möchte nicut daher sagen. Die Beobachtung lehrt, daß die Haftarothvvrlesungen, die in den meisten. Gemeinden in verständlicher Übersetzung vorgetragen werden, bei der versammelten Gemeinde die gespannteste Aufmerksamkeit erwecken, und dies umsomehr, da der Thoraäbschnitt in der Ursprache verlesen wird und demselben nur wenige mit voller Andacht folgen können. Zwar wurde, wie bereits bemerkt, in alter Zeit den Andächtigen die Thoralesung — unter Weglassung von Stellen, die mißdeutet werden könnten — in die Landessprache übersetzt, und es ist nicht einzusehen, warum nicht auch heutzutage, unmittelbar nach der. vollendeten Lesung des hebräischen Textes und vor der Benediktion über die zu beginnende Prophetenlektion wenigstens ein Kapitel in der Uebersetzung! vorgetragen werden dürfte. Einzelne Stellen, die in einem! solchen Kapitel der näheren Aufklärung bedürften, müßten, wenn auch mit knappen Worten, beleuchtet werden, und diese Kapitel könnten ja in jedem Jahre wechseln. Diese Einrichtung würde die Bibelkenntnis und mit dieser zugleich die warme und fronune Gesinnung für den angestammten Glauben in den Gemeinden nicht wenig fördern. Aber selbst wenn man sich bloß auf den Vortrag der übersetzten Haftaroths beschränkt, würde es sich zur Mehrung der Bibelkenntnis und der Frömmigkeit empfehlen, denselben in derart zu erweitern, daß je einer Haftara besonders denen, die an und für sich schon kurz bemessen sind, ui^ter passendem Uebergang, der immer leicht gefunden werden kann, noch ein größeres Stück aus den Propheten hinzugefügt würde. So wäre es beispielsweise zweckmäßig, wenn Kapitel 53 in Jesaia, bei dem, wie Kundige Nüssen, schon mancher aus Unwissenheit gestrauchelt, an die Haftara züm Abschnitt fcOp'l, wo von der universellen Bestimmung Israels die Rede ist, an- 1 gefügt würde. Dieser Anschluß gäbe dann die richtige Berau- | lassung, um das aus dieser Bestinrmung sich ergebende Mar-! tyrinm des „Knechtes Jakob" hervorzuheben und darauf hin-! zuweisen, daß nach den öftern Anreden: „Mein Knecht Jakob" * in den vorhergehenden Kapiteln das 53. sich auch nur auf das Martyrium Israels beziehen kann.! Ein solches Bestreben ist auch aus früheren Zeiten an den j zusammengesetzten Propheten stücken in mehreren Haftaroths zu! erkennen. Aber bei den Alten war das keine so dringende! Notwendigkeit, denn allenthalben traten religiöse Anregungen! und Belehrungen an sie heran. Die Religion bildete den! Mittelpunkt ihres Lebens. Dagegen ist bei uns jetzt die letzte! Zufluchtsstätte der Religion die Synagoge, sie soll daher die schlummernden religiösen Gewissen und die brachliegende , Religionskenntnis in unserer Zeit mit allen ihr zu Gebote! stehenden Mitteln wiedererwecken. ' Haben die Erwachsenen, beziehungsweise die Aeltern, von der Synagoge her im Laufe der Zeit eine innigere Vertraut-! heit mit dem Worte und dem Geiste der Bibel erlangt, dann! muß das auch eine gute Rückwirkung auf den Synagogen-! besuch und die religiöse Erziehung haben. Die Ursache des; vielbeklagten Uebels von dem geringen Interesse der Jugend j an dem Religionsunterricht liegt nicht sowohl in dieser, als vielmehr in der Religionsunkenntnis der Erwachsenen. Wenn man aber die vermehrte religiöse Fürsorge zur Hebung des religiösen Sinnes nicht zugleich wie auf die Jugend, so auch auf die Erwachsenen richtet, so käme das ungefähr dem schweren, aber wenig gedeihlichen Bemühen eines Gärtners gleich, der in den Zeiten der Dürre die Blumen mit Wasser besprengte, ohne zugleich das Erdreich, in dem sie wurzeln, mit einer labenden Strömung zu erfrischen. Kinder unterer Leit. Roman von Jacob Levy. Kapitel 21. Tn dem elegant eingerichteten Saale befanden sich etwa zwölf Herren von aristokratischem Aussehen, und verschiedene Damen in stark ausgeschnittener Balltoilette. Einige Herren unterhielten sich leise, andere machten den Damen angelegentlichst den Hof. Beim Eintritt der Beiden ries einer der Herren: „Jean, die Karten!" Im Nu hatte der Diener den Spieltisch arrangiert. Unterdessen hatte eins der Mädchen, eine kleine üppige Blondine, sich Hugo genähert. „Warum bist Du so lange geblieben? Dir wußtest doch, daß ich nach dem Ballet im zweiter: Akt frei war." „Ich konnte nicht früher vor: Harrse fort." Ein anderes Mädchen sagte vorwurfsvoll: „Seht diese Ungeheuer, da bleiben sie bei ihren Frarren und lassen uns rvarten." Alles lachte. Ein Herr näselte: „Meine Herren, ich bin Ihnen Revanche schrrldig. Sollerr wir mit unserem kleinen Jeu beginnen?" Ein anderer Herr ries: „Gegen Werdensels als Bankhalter kommen wir nicht auf, bei seinem fabelhaften Glück wird er uns rasch arrsgezogeu haben." „Bitte, .meine Herren, möge doch die Bank übernehmen wer will; es ist mir wirklich gleich." Hugo sagte ungeduldig: „Voran! Werdensels, macherr Sie keine Schoserr, wir wollen anfangen!" Das Mädchen flüsterte Hugo zu: „Ich habe meirre Börse vergessen, kannst Du mir einige Kronen leihen?" Er lachte. „Gerade wie in Monaco!" und gab ihr ein Portemonnaie. Die Gesellschaft, die sich durch einige Gläser Sekt gestärkt, setzte sich um den Tische und nun wurde gejeut, bis die Uhr die zweite Morgenstunde anzeigte. Die Herren legten keine Aufregung bei den Wechselsüllen des Spieles an den Tag, sie blieben immer die * vornehmen, aristokratisch erzogenen Männer. Die Mädchen dagegen konnten sich nicht so gut beherrschen. Die Leidenschaft des Spieles zeigte sich bei ihnen irr den bleichen Gesichtern, in unartikrrlierten Lauten, in krarnpfhast zusammengezogenen Händen.

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