Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-03-04 · Heft 10 (4.3.1904) · p. Seite 116

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 10 (4.3.1904)
Date
1904-03-04
Page
Seite 116 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228581-3228592--60630-3274408
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Vorherrschaft Jerusalems betont wird als des Mittelpunktes, von. wo die. Lehre ausgegangen und das das. Lebensideal der gesamten. Menschheit bildet. Wie die alten Tatmudisten in Bezug mtf das Aesthetische im Kultus mit der Beseitigung des ehemaligen Opferdienstes ans einen: erweiterten Gesichtspunkte sich abgefunden und im Hinblick ans das Ethische nicht die Sünder, sondern die Sünde verurteilen, so haben sie auch Jerusalem mehrfach als . religiös-ethisches Idealbild ausgefaßt. Und das geschah mit dem vollen Bewußtsein der jüdischen Mission in der Zerstreuung unter allen Völkern, wonach der Sinn Israels sich nicht klammern solle an die Erinnerung des Jernfalems von Holz und Stein, sondern dB Jerusalems, das den lebendigen. Gottesgeist der ewigen Liebe und Gerechtigkeit repräsentiert. Y r Daß das geschichtliche Zeitbewußtsein für die Pflege des Kultus im Judentum maßgebend war, kann keinem Zweifel unterliegen. Das sehen wir besonders an der folgenden Einrichtung, die bereits vor mehr als 2000 Jahren getroffen wurde. Man hatte nämlich in den Synagogen Palästinas und Aegyptens, hier besonders in der Alexandrias, nach der Lesung des hebräischen Textes des sabbatlichen Abschnittes ans den: Pentateuch denselben zum Verständnis der Gemeinden in di-e Landessprache, beziehungsweise aramäisch und griechisch übersetzt. Dies geschah besonders mit den der pentateuchischen Sabbat- und Festlektion sich unmittelbar anschließenden Schlußvorträgen (Hastaroth) aus den prophetischen Büchern. Die Einrichtung dieser prophetischen Schlußvortrüge oder HaftarothA wird geschichtlich gewöhnlich darauf zurückgeführt, daß, als der Syrerkönig Antiochus Epiphanes in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts vor der christlichen Zeitrechnung den Gottesdienst und das Lesen der heiligen Schrift bei Todesstrafe untersagte und die Thorarollen konfiszierte, jene prophetischen Stücke als. Ersatz dafür gelesen wurden, die mit dem Inhalt der jeweiligen pentateuchischen Sabbatlesung einige Aehnlichfeit haben, nur so den Inhalt , der betreffenden Säbbatabschnitte in der Erinnerung zu erhalten. Es ist zwar nicht zu verstehen, warum die Schergen des Syrerkönigs nicht auch mtf die prophetischen Bücher, beziehungsweise auf die Leser derselben gefahndet haben sollten, da es doch sicherlich an Verrätern nicht gefehlt hatte, diesen „frommen Betrug" zu denunzieren. Man wird daher nicht fehl gehen, wenn man .annimmt, daß der Gebrauch, die prophetischen Schriften im Anschluß an die Vorlesungen aus. dem . Pentateuch vorzutragen, in die Zeit der religiösen Restauration unter Esra und Nehemia hinaufreicht. Zur Unterstützung des von neuem erwachenden nationalen und religiösen Gefühls in: Volke wurde im öffentlichen Kultus die Schrift nicht bloß verlesen, sondern auch in erweiterter Form .nach verschiedenen Lebensbeziehungen ausgelegt und erklärt. Die prophetischen Schriften, die aus verschiedenen politischen Gesichtspunkten den Inhalt der Bücher Moses wiederspiegeln, boten teils wegen der äußerlichen, teils wegen der innerlichen Aehnlichkeit eine willkommene Handhabe, die Stellung, die Verhältnisse und die Zttkunstshoffnung des verjüngten Israel zu beleuchten.. Da nun. Esra, beziehungsweise die Männer der großen Versammlung die öffentlichen Forschungen und Erläuterungen der Bücher Moses zun: Zwecke gewissenhafter Ausführung .betrieben und aus denselben Verbindlichkeiten für Sitte, Recht und Lebenshaltung ableiteten, so ist es unzweifelhaft, daß die Stelle im fünften Buche Moses: „Propheten and deiner Mitte, aus deinen Brüdern, gleich mir wird dir erstehen lassen,.! der Ewige dein Gott, auf sie sollt ihr hören. Ganz wie du von dem Ewigen/ deinem Gotte, am Horeb verlangtest, MN Tage der Versammlung, sprechend: Nicht mag ich fürder hören die Stimme des Ewigen meines Gottes, und dieses große Feuer nicht, weiter sehen, damit ich nicht sterbe.' Und der Ewige sprach zu mir: „Gut.Ms, was sie geredet. Propheten will ich ihnen erstehen lassen aus der Mitte ihrer Brüder, gleich dir, und in deren Mund meine Worte legen, und sie sollen zu ihnen reden alles, was ich ihnen gebieten werde" — so ist es unzweifelhaft, daß diese Stelle im Hinblick aus die Lernbedürstigkeit Jungisraels als kulturelle Verbindlichkeit ausgelegt wurde, die prophetischen Offenbarungen neben den Lektionen aus dem Pentateuch zu lesen. Das gab dann die Veranlassung, im Anschluß an die jeweilige 'sabbatliche Sidra, eine den: Geiste und den Umständen nach parallel lausende Stelle ans den Propheten gleichsam als einen Kommentar zur Sidra vorzutragen. Die Auswahl und Sammlung dieser Prophetenstücke hatte, weil von autoritativer Seite veranstaltet, in den Gemeinden Eingang gefunden, bildeten indessen keine so festen Haftarothkanon, daß sie nicht nach Zeit, Umständen. und Geschmack eine Aenderung erfahren durften. So gilt im Talmud, sowie in späteren Kodizes als Voraussetzung, daß die Prophetenstücke zunr Zwecke der Verlesung als Haftaröths unter Wahrung des Grundsatzes der näheren oder entfernteren Aehnlichkeit mit den pentateuchischen Lektionen nach Ermessen getrennt und anderweitig kombiniert werden können. Aber auch der Grundsatz der Aehnlichkeit wird zuweilen, wenn es sich um besondere Gesichtspunkte handelt, nicht eingehalten. . Bezeichnend dafür ist der von den: bei den Aschkenasim (Deutsche und Polen) üblichen mehrfach abweichende Haftararitus der Sephardim (Juden Spaniens). Wenn man diesen zum Gegenstand eines aufmerksamen Studiums macht, so erkennt man unschwer, daß die spanischen Juden bei der Auswahl, beziehungsweise der Ergänzung oder Abkürzung der Haftaröths ein richtiger Takt geleitet, den man bei den Aschkenasim zuweilen vernüßt. Es ist darin die Überlegenheit der spanischen Juden in der gründlichen Kenntnis der Bibel zu erkennen, daß sie für manche Sidra, abweichend von den Aschkenasim, eine Haftara gebrauchen, die den Kern und die Tendenz der Sidra richtiger und schärfer ausprägt. Ilm nur ein Beispiel für viele andere anzusühren, sei aus die Haftarothverschiedenheit bei den Sephardim und Aschkenasiur zu dem Abschnitte I11M hingewiesen, wo in der bei ben erstereil üblichen Hastara die Parallele zwischen Moses und Jeremia eine weit zutreffendere ist als der Inhalt der Hastara bei den Aschkenasim, weil in diesem ersten Abschnitt des 2. Buch Moses die Geburt Moses und seine Berufung zum Träger des Volkes und zum Erschüttern des Thrones der Tyrannen den eigentlichen Kern der Sache bildet. Auch zeitgeschichtliche und soziale Einflüsse sind bei den sephardischen Haftarothzusätzen und Abkürzungen zu erkennen. So sind in der Hastaroth zu ttHinPl 'S I1M die letzten Sätze: So der Fürst ein Geschenk einem von seinen Söhnen gibt, sein Erbteil ist es" nsw. — offenbar mit Rücksicht auf die dynastischen Wirren in Spanien, vermutlich während des Bürgerkrieges, hervorgerufen durch die Thronstreitigkeiten zwischen den Söhnen Alfvnsos XI. von Castilien, weggelassen worden. Und so soll wohl auch der miteinbezogene einleitende Satz der Haftara zu '2 TOV „Und Samuel sprach zu Saul" u. s. w. sofort in den Gedanken einsühren, daß es sich bei dieser Erzählung um eine altgeschichtliche Erinnerung handelt, wo Israel sich zur Abwehr gegen einen Erbfeind gerüstet, nur so von vornherein nach außen hin jedem Irrtum oder denr Vorwand einer beabsichtigten Beziehung zur.Gegenwart zu begegnen. Wenn irgend etwas, so ist gerade die Verlesung der Thora im öffentlichen Gottesdienste, also die Verlesung von Gesetz und Recht, von Lehre und Pflicht, woselbst sie den Mittelpunkt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.