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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-03-04 · Heft 10 (4.3.1904) · p. Seite 115

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 10 (4.3.1904)
Date
1904-03-04
Page
Seite 115 (sequence 7)
Language
German
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115 gehabt. So ängstlich sind aber nicht nur christliche Aerzte, Rechtsanwälte und Apotheker, sondern vielfach sogar ihre jüdischen Berufsgenossen in meist Unbegründeter Besorgnis vor wirtschaftlicher Schädigung; ja sogar die Fälle, wo jüdische Geschäftsleute christliches Personal, das ihnen wahrscheinlich vornehmer erscheint, suchen, stehen nicht mehr vereinzelt da. Darf man sich also wundern, wenn städtische Krankenhäuser christliche Ober- und Assistenzärzte suchen? Derartige Fälle sind ja in den letzten Jahren öfters gerügt worden, und mit Recht; denn sie können vor der Oeffentlichkeit gar nicht genug gebrandmarkt werden. Institute, die aus öffentlichen Mitteln erhalten werden, müssen sich von jeder konfessionellen Unduldsamkeit freihalten. Deshalb wollen wir, um die Aufzählung dieser unerquicklichen Fälle zu beschließen, nur einen hervorheben, der in den Bereich des Unterrichtswesens fällt. Daß auf letztgenanntem Gebiete die Juden als Anwärter der höheren Lehrerkarriere ebenso wie im Elementarschulwesen bei der Besetzung einerganz erheblichen Anzahl von Stellungen, soweit es sich um spezisisch evangelische oder katholische Anstalten handelt, ausgeschlossen sind, ist beinahe selbstverständlich, wenngleich an spezisisch jüdischen Anstalten, beispielsweise dem „Philanthropin" in Frankfurt a. M., der Jacobson-Schule in Seesen, derSamson-Schule in Wolfenbüttel, inuner die Toleranz geübt worden ist, auch einzelne christliche Lehrer, wozu gar keine statutenmäßige Verpflichtung vorlag, anzustellen. Anders verfahren aber vielfach städtische Kollegia, selbst solche, die, ob mit Recht oder Unrecht bleibe dahin gestellt, im Geruch der Toleranz stehen. So hat in den letzte:: Wochen der Magistrat zu Zoppot bei Danzig die Besetzung zweier Oberlehrerstellen, eines Alt- und Neuphilologen, ausgeschrieben mit dem ausdrücklichen Zusatz: „Bewerber müssen evangelischer oder katholischer Religion sein." Wenn es sich um einen Lehrer * für Deutsch und und Geschichte gehandelt hätte, wäre dieser konfessionellen Einseitigkeit noch der Schein einer gewissen Berechtigung gewahrt geblieben. Aber konfessionelles Latein und Griechisch gibt es ebenso wenig wie spezisisch jüdisches Französisch und Englisch. Gerade die städtische Verwaltung eines Badeortes, dessen Aufblühen nicht zum geringsten Teile jüdischen Badegästen 31t verdanken ist, müßte sich von derartiger Engherzigkeit fernhalten. Im Unterrichtswesen ist es ja bekannt, daß jüdische Lehramtskandidaten selbst zu Zeiten eines verhältnismäßigen Lehrermangels, wie er gegenwärtig schon seit einiger Zeit herrscht, nicht auf Rosen wandeln. Ist es da nicht Ehrenpflicht reicher jüdischer Glaubensgenossen, bei Besetzung von Hauslehrerstellen die jüdischen Bewerber zu berücksichtigen, die sicherlich nicht untüchtiger sind als ihre christlichen Kollegen, anstatt daß letztere vielfach, weil sie schneidiger und patenter aussehen, vorgezogen werden? Würde dieses nobile ollieünu im Handel und Wandel immer gewahrt, so könnten, von allen sonstigen moralischen und intellektuellen Verheerungen abgesehen, wenigstens die Wunden, die die Pestseuche des Antisemitismus den: deutschen Judentum in wirtschaftlicher Hinsicht geschlagen hat und noch immer schlägt, zum Teil geheilt oder minder fühlbar gemacht werden. Lin Mort?ur Lultuspklege. Von Dr. Ludwig Pick, Berlin. Unser Synagogenkultus ist im großen und ganzen schön und erbaulich. Er hat seine-interessante Geschichte. In allen Phasen derselben erkennen wir, daß an seiner Herstellung Gefühl und Verständnis in gleichem Maße teil haben. 'Die Gebetordnüng, wie sie bei uns allgemein in Nebung ist, läuft parallel mit der Heiligen Schrift, und ist den steigenden und sinkenden Zeiten des Tages und des Jahres angepaßt. Sie beginnt wie die Heilige Schrift mit dem Erwachen der Schöpfung aus der. Finsternis der Nacht, und begleitet wie jene das menschliche Leben in seiner vielseitigen und reichen Entfaltung nach den verschiedensten Verhältnissen des Einzelnen und der Gesamtheit unter steter Bezugnahme auf den Schöpfer und seine Leitung der menschlichen Schicksale. Das jüdische Gebet zeigt sich besonders auch darin vom Geiste der Heiligen Schrift beeinflußt und mit ihm aufs innigste verwandt, daß es wie dieser in Bezug auf Gott und die Menschheit die nationalen Schranken durchbricht und seine Augen wie über den eigenen, so über allen außerhalb der Gemeinschaft Israels Stehenden stehend und segnend zmn Himmel erhebt! Und dies geschieht im Hinblick auf diejenigen, die nicht vom Hanse Israel sind, nicht in dem Sinne (eines kirchenpolitischen Egoismus) des Alleinseligmachens, sondern in dem der reinen allgemeinen Menschlichkeit, was besonders in dem an den höchsten Festen üblichen Gebete um die allgemeine Völker- und Menschenverbrüderung den kräftigsten Ausdruck findet. Es ist nichts im Gebete, was nicht zugleich auch in der Heiligen Schrift ist, es bekundet sich nur in anderer Form als in jener. In der Schrift erscheinen auf den: Boden der Urgeschichte der Menschen im allgemeinen und des israelitischen Stammes im besonderen Lehre und Gesetz, Recht und Pflicht als eine Offenbarung der göttlichen Weisheit; im Gebet wird dies alles auf dem Grunde der äußeren Erlebnisse und der inneren Erfahrungen vom Gemüte erfaßt und gleichsam durch das Kaleidoskop der Gefühls- und Gewissensregungen angeschaut und zu einen: farbenreichen Gesamtbilde harmonisch vereint. Gebet und Schriftverlesung bilden daher in ihrer vollen Vereinigung den jüdischen Kultus. Predigt und Gesang schlingen sich um ihn als ein stets verjüngender Kranz, sie geben ihm als die beziehungsreiche Auslegung der ewig gültigen Gedanken und Wahrheiten der Schrift, so wie der unwandelbaren Gefühle der kindlichen Hingabe an Gott das frische Kolorit, das die Welt, die Menschen und ihre Verhältnisse in lebendiger Anschaulichkeit wiederspiegelt. Jede Störung dieses harmonischen Verhältnisses muß übel empfunden werden, jede Verletzung desselben vermindert die religiös-ethische Stimmung und trübt die erbauliche Wirkung. Seit Jahrzehnten hat man daher in unseren Kreisen der Pflege des Kultus große Aufmerksamkeit zugewandt. Das Zeitbewußtsein forderte eine Revision der Gebete und dabei kamen viele derselben in Wegfall. Drei Gesichtspunkte waren hauptsächlich dafür maßgebend: der geschichtliche, der ethische und der ästhetische. Die veränderte politische Stellung war die Ursache der Beseitigung der Stellen, die auf Jerusalem Bezug haben, während das ästhetische und ethische Bewußtsein jene Stellen aus dem Gebetbuch verdrängte, welche die Erinnerungen, beziehungsweise das Verlangen nach Wiederherstellung des ehemaligen Opferdienstes, so wie die in scharfen Ausdrücken sich ergehende Bitte nach Vergeltung der Verleumder und falschen Ankläger enthalten. Im Eifer des Bestrebens nach vermeintlichen Verbesserungen ist man aber mehrfach über das Ziel hinausgegangen, man hat in mancher Hinsicht sozusagen das 'Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Mag man die Aenderungen vom ästhetischen und ethischen Standpunkte ans gelten lassen, weil sich dafür auch Stützen in Talmud und Midrasch finden, so war die Beseitigung der Bitte um das Wiederausstrahlen Jerusalems in seiner alten Pracht und Herrlichkeit unnötig, weil dabei gerade nicht das Zurückkehren nach Palästina, als vielmehr die geistig religiöse

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