Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 10 (4.3.1904)
- Date
- 1904-03-04
- Page
- Seite 114 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Müttern gegen ein monatliches Erziehungsgeld, dessen Betrag je nach dem Alter der Kinder Zwischen '40 und 45 Mark 'schwankt, waren 297 Kinder belassen. Doch war sowohl für die in Pflege gegebenen, als auch für die den Müttern belassenen Kinder mehrfach neben den laufenden Unterstützungen noch die Bewilligung von -Extraunterstützungen, und zwar in 48 Fällen im Betrage von 1771,75'Mark erforderlich.' Wie in früheren Jahren fände auch im Berichtsjahre eine große'Anzahl der erholungsbedürftigen Pfleglinge Aufnahme in Ferienkolonien; die hierfür an das Komitee für jüdische Ferienkolonien gezahlte Pauschalentschädigung -betrug 500 Mark. Der Fonds zur Verfügung der Kommission hatte in der Berichtsperiode leider nur die geringe Einnahme von 128,70 Mark zu verzeichnen, so daß sich sein Bestand auf 1231,88 Mark erhöhte; an Unterstützungen wurden hieraus 290 Mark gezahlt, sodaß nunmehr nur noch ein Bestand von 941,88 Mark verblieben ist. Der Fonds für entlassene Waisen ist durch die Einnahme von 2714,80 Mark auf 5192,74 Mark gestiegen; an laufenden und einmaligen Unterstützungen wurden hieraus 3065 Mark gewährt, sodaß der Bestand' des Fonds auf 2127,74 Mark gesunken ist. Ueberblickt man die in diesen Berichten gegebenen Zahlen und Daten der beiden Gemeindekommissionen, so wird man unschwer erkennen, welche große Summe von Arbeit und Mühe in ihnen steckt. In anerkennenswerter Weise lösen die begütertem Gemeindemitglieder den Dank, welchen sie den Bestrebungen dieser gemeindlichen Institutionen zollen, durch Zuwendungen an die Fonds der Verwaltungen ab. Denjenigen Gemeindemitgliedern, welchen das Geschick es versagt, mit %atm zu danken, verbleibt nur die Ehrenpflicht, den ehrenamtlich wirkenden Kommissionsmitgliedern für ihre rastlose Tätigkeit, für die opferfreudige Aufwendung an Zeit und Mühe, mit der sie sich der bedürftigen und verwaisten Glaubensgenossen angenommen haben, den herzlichsten und wärmsten Dank wenigstens mit Worten äbzustatten. P. 8. Wirtschaftliche Schädigungen des Antilemitismus. Von Dr. S. Carpin. . . * ins der traurigsten Zeichen der Zeit ist die von Tag zu Tag zunehmende Verschärfung der konfessionellen Gegensätze, soweit sie das Judentum als -passiven Teil betrifft, und die sich hieraus ergebenden Konsequenzen für den Konkurrenzkamps im wirtschaftlichen Leben. Zwar bestand auch in den siebziger Jahren zur Zeit des „Kulturkampfes", namentlich in den Rhe'nlanden, eine starke Spannung zwischen Protestanten und Katholiken, eine Spannung, die auch jetzt noch bisweilen im preußischen, bayrischen und den anderen Einzellandtagen j bei Beratung des Kultusetats, bei.WahlPrüsungen — so jüngst im preußischen Abgeordnetenhaus bü Beschwerden des Zentrums über Wahlbeeinflussungen im Saarrevier .— in schroffer Weise zum Ausdruck kommt, aber einerseits handelte beziv. handelt es sich hier bei dem religiösen Antagonismus der beiden christlichen Konfessionen um rein politische Interessen, wie sie schon seit Jahrhunderten dem bekannten Kamps zwischen Staat und Kirche um die Vorherrschaft-zu Grunde liegen; anderseits sind die Katholiken auch zür Zeit des schärfsten Külturkämpfes -- gab es doch damals einen katholischen Eisenbahnminister" in Preußen, den jüngst verstorbenen. Maybach — nur vorübergehend und in ganz unwesentlicher Weise bei den Besetzungen von Staatsstellungen oder solchen, die der staatlichen Bestätigung bedürfen, etwas stiefmütterlich behandelt worden. Wirtschaftlich jedoch ist jener Kleinkrieg entbrannt,-der uns . Juden neuerdings in so empfindlicher Weise schädigt, mit anderen Worten: während der Gegensatz zwischen - Protestanten und Katholiken sich fast nie auf wirtschaftliche Verhältnisse ausgedehnt hat, liegt die Sache uns gegenüber -anders. - Abgesehen davon, daß bekanntermaßen unsere politische Gleichberechtigung hinsichtlich der Besetzung von Stellungen im Staatswesen fast nur auf dem Papier durchgesührt ist, so daß die unserem Glauben ungehörigen Abgeordneten, wenn sie, gleich dem Zentrum, alle unsere .„Paritätsschmerzen" zunr Ausdruck bringen wollten, wochenlang bei Beratungen der einzelnen Etats -die Sitzungen mit ihren Reden.ausfüllen könnten, ist auch dem. Judentum gegenüber bei uns in Preußen-Deutschland seit den: unglückseligen Jahre 1878, wo in künstlicher Anlehnung an die verabschenenswürdigen Attentate von Hödel und NobiliNg aus deir greisen Kaiser Wilhelm I. eine politische Reaktion auf allen Gebieten einsetzte und damit im Zusammenhänge der Judenhaß mit dem neuen, afterwissenschaftlich zugespitzten Mäntelchen des „Antisemitismus" kühner als jeim ganzen verflossenen Jahrhundert seine Schwingen entfaltete, neben der staatlichen Zurücksetzung ein Guerillakrieg entfesselt worden, dessen Ende noch gar nicht abzusehen ist. Seine verheerenden Folgen auf wirtschaftlichem Gebiete machen sich aber in immer empfindlicherer Weise fühlbar. An diesem traurigen Resultat sind beide christliche Konfessionell, wenngleich es sich naturgemäß nicht ziffernmäßig statistisch belegen läßt, in gleicher Weise beteiligt. War es doch die ültramontane „Schlesische Volkszeitung" in Breslau, die genau vor 25 Jahren, als man in Preußen kaum begonnen hatte, das Gerüst der Kütturkanrpfgesetzgebung abzutragen, jene aufsehenerregende Artikelserie gegen das angebliche Ueberwuchern des Judentums in der Juristenkarriere brachte, die später unter dem Titel „Der jüdische Referendar" als Monographie erschien; ebenso feierte nach Jahresfrist (1880) eine. Fortsetzung dieser erbaulichen Artikelserie als Separatabdruck, „Den Manen des jüdischen I Referendars" betitelt, ihre Auferstehung. Der jüdische Referendar ist zwar in demverflossenen Vierteljahrhundert nicht eines seligen Todes verblichen, wie seine Widersacher in beiden konfessionellen ' Lagern hofften, wohl aber ist es den vereinten Hetzanstrengungen gelungen, den jüdischen Rechtsbeflissenen so ziemlich von der Anwartschaft auf die Richterlan'fbahn auszuschließen und ihn in den Anwaltstand, über dessen Ueb.erfüllung mit „semitischen" Elementen dann herzerschütternde Klagen angestimmt werden, hineinzudrüngen. Daß die Verhältnisse in der Medizin, wo auch der Abfluß in die Militärkarriere als Sanitätsoffizier seit drei Jahrzehnten verschlossen ist, ähnlich liegen, bedarf keiner weiteren Erörterung. Leider zeigen'sich recht häufig auch bei den christlichen Angehörigen dieser akademischen Berufe antisemitische Anwandj lungen nicht nur, sondern direkt ausgesprochene judenfeindliche Gesinnung, die auch wirtschaftlich rhre Schädigung nicht verfehlt. Sucht ein christlicher Arzt, Rechtsanwalt rc. einen Vertreter, so fehlt fast nie der Zusatz „christlicher Konfession". Das Gleiche ist neuerdings beinahe .regelmäßig der Fall, wenn. ein Apothekenbesitzer einen Lehrling., oder Gehilfen sucht, so -daß Schreiber, dieser Zeilen von einem ehemaligen jüdischen Apothekenbesitzer die beinahe unglaubliche Tatsache mitgeteilt wurde,-daß es ihm ungeheuer schwer gefallen sei, seinen Sohn, der, beiläufig bemerkt, weder ein Prononciert jüdisches Aussehen,'noch einen semitisch klingenden Namen hat, als Lehrling irr einer Apotheke unterzübringen. In beinahe 50 Füllen sei der Versuch, nachdem schon alles übrige geregelt war, bei'dem Bekanntwerden des religiösen Glaubensbekenntnisses des zukünftigen Aspiranten der Pharmazie gescheitert; endlich' .habe sich ein christlicher. Apothekenbesitzer gefunden, der vorurteilslos und kühn genug war, zu riskieren, ob sein jüdischer Lehrling die Flpotheke in Verruf bringen und wirtschaftlich ruinieren würde. Bis Dato habe er dieses Risiko noch nicht zu-bereuen