Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 10 (4.3.1904)
- Date
- 1904-03-04
- Page
- Seite 113 (sequence 5)
- Language
- German
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in allen Fällen größere Hilfe als früher gewährt: werden. In den Fällen verschämter Armut tritt zunächst der zur Armenkömmission ressortierende Ausschuß für verschämte Arme ein, welcher "würdigen Bittstellern die Wiederaufrichtüng ihrer Existenz zu ermöglichen sucht und ihnen hierzu ausreichende.Mittel zur Verfügung steÜt; erst wenn die wiederholte Hilfe nicht zu dem erhofften Ziele geführt hat, werden diese Bittsteller der allgemeinen Armenpflege der Gemeinde zugewiesen. In allen Fällen schließlich, in. denen die städtische Armenpflege einzutreten hat, werden die Petenten in ihrem Bemühen, dort Hilfe 311 finden, in bester Weise unterstützt, und die städtische Armendirektion ist jederzeit den berechtigten Ansprüchen mit größten: Wohlwollen entgegengekommen, gleichwie die städtische Stistungsdeputation bei Verteilung von Stiftungsgeldern, welche statutarisch au Juden gelängen, die Empfehlungen der 'irdischen Armenkommission irr weitesten: Maße berücksichtigt hat. llnd nun nach dieser: einleitender: Bemerkungen zu den Zahlen selbst. Um Gewährung von Geldunterstützungen gingen in den drei Berichtsjahren 19 757 Gesuche ein ur:d zwar 17149 Gesuche um einmalige Unterstützung, 1218 um monatliche oder periodische Unterstützung und 1390 nur Unterstützung aus denr Fonds für verschämte Arme. Mit einmaligen Unterstützurrgen wurden 6962 Bittsteller mit 215 163,73 Mark berücksichtigt, und zwar wurden Beträge bis zu 300 Mark in: Einzelfalte gewährt. Mit monatlichen und periodischen (auf die Dauer von 2 bis 6 Monaten) Unterstützungen wurden 1218 Bittsteller mir 159 403 Mark in Beträgen von je 5 bis 30 Mark bedacht. Ab gewiesen wurden unter den Gesuchen u:n einmalige Unterstützung 5327 Gesuche, und zwar meist deshalb, weil bei Prüfung der Verhältnisse der Bittsteller ein Notstand nicht vorgefunden wurde oder aber, weil diese kurze Zeit vorher eine Beihilfe erhalten hatten oder nicht unterstützungsberechtigt waren. Unter den mit einmaligen Unterstützungen bedachten Bittstellern entfielen aus das Verwaltungsjahr 1900/01 2130 und zwar 660 Eheleute, 494 Witwen, 44 Witwer, 164 eheverlasseue weibliche, 9 ehevcrlassene männliche Personen, 452 unverehelichte weibliche und 307 unverehelichte männliche Personen; auf die Jahre 1901/02 resp. 1902/03 2420 (resp. 2412) Bittsteller und zwar 785 (843) Eheleute, 458 (513) Witwen, 36 (60) Witwer, 133 (137) eheverlassene weibliche, 5 (17) eheverlassene männliche Personen, 385 (508) unverehelichte weibliche und 618 (334) unverehelichte männliche Personen. Von diesen standen 409 im Alter von unter 20 Jahren, 753 befanden sich zwischen 20 bis 30, 1039 zwischen 30 bis 40, 1347 zwischen 40 bis 50, 1516 zwischen 50 bis 60, 1148 zwischen 60 bis 70, 585 zwischen 70 bis 80, 150 zwischen 80 bis 90 und 15 waren über 90 Jahren. Unter den mit laufenden und periodischen Unterstützungen berücksichtigten Personen befanden sich insgesamt für die drei Verwaltungsjahrc 541 Witwen, 73 Witwer, 309 Eheleute, 74 eheverlassene weibliche und 9 cheverlassene männliche Personen, 146 unverehelichte weibliche und 66 unverehelichte männliche Personen. Dem Alter nach waren unter ihnen 16 zwischen 20 bis 30, 57 zwischen 30 bis 40, 168 zwischen 40 bis 50, 308 zwischen 50 bis 60, 290 zwischen 60 bis 70, 256 zwischen 70 bis 80, 111 zwischen 80 bis 90 Jahren und 12 waren über9O Jahre. Bei dem Fonds für verschämte Arme gingen in den drei Berichtsjahren 1390 Bittgesuche ein. Von denselben wurden 845 Gesuche in Beträgen von je 30 bis 400 Mark berücksichtigt, und zwar im Jahre 1900,01 von 434 Gesuchen 269 mit 30 993 Mark, 1901/02 von 510 Gesuchen 313 mit 44 682 Mark, 1902/03 von 446 Gesuchen 263 mit 34786 Mark. Die übrigen 545 Gesuche wurden abgelehnt, teils weil die betreffenden Bittsteller bereits zu öfteren Malen die Mittel des Fonds in Anspruch genommen hatten, teils weil sie sich zur Unterstützung aus diesen: nicht eigneten. Unter den berücksichtigten 845 verschämten Armen befanden sich 201 selbständige Kausleute, 60 selbständige Handwerker, 45 Handelsleute, 70 Handlungsgehilfen, Buchhalter und Reisende, 59 Agenten, Kommissionäre und Makler, 6 Künstler, 13 Rabbiner, Kantoren und Religionslehrer, 3 Lehrer, 12 Studenten, 9 Beamte, 3 Aerzte, 5 Schriftsteller und Redakteure, 3 Musiker, je 1 Rechtsanwalt, Apotheker und Ingenieur, 138 Witwen und 98 eheverlassene und separierte Frauen verschiedenen Berufs, sowie 117 Buchhalterinnen, Kassiererinnen, Schneiderinnen, Vermieterinnen nsto. Ans den Aufwendungen, welche ans den Kaffen der Armenkommission bewilligt worden sind, heben wir noch diejenigen hervor, welche zu Badekuren und zum Landaufenthalt gewährt wurden. .Für die genannten Zwecke erhielten in der Berichtszeit 625 Arme überhaupt und 164 verschämte Arme 29 492 respektive 17 482 Mark; die Gesamtsumme belief sich somit aus 46 974 Mark. In zahlreichen Fällen wurde ferner-die Hilfe der Armenkommissiou in Anspruch genonuneu zur Pflege von Wöchnerinnen, zur Unterstützung armer Leidtragender, Einlösung von Gewerbescheinen, Abwendung von Exmissionen und Deckung, von Mietsschulden, Gewährung von Handwerkszeug, Schreib- und Nähmaschinen. Schließlich mögen hier noch die Beihilfen Erwähnung finden, welche an Naturalien bewilligt worden sind. Au bedürftige Familien oder Einzelpersonen, Soldaten und Inhaftierte:: wurden während der Pessachwochen 1900 bis 1902 au Mazzoth 1-018 Zentner verausgabt mit einen: Koftenaufwande von 22 832 Mark. An 226 Inhaftierte wurden von der israelitischen Volksküche während der Pessachwochen der Berichtsjahre 3379 warme Mittag- und Abendmahlzeiten verabreicht, für 330 Inhaftierte wurden die Naturalien, bestehend aus Fleisch-, Fett-, Wurst- und Kolonialwaren, direkt an die betreffenden Gefängnisküchen behufs Selbstbereitung der Pessachkost geliefert. Die Kosten für die Pesiachspeisung dieser 556 Personen betrugen insgesamt 3414 Mark, 74 in hiesiger Garnison dienende Soldaten jüdischen Glaubens erhielten ebenfalls während der Pessachwochen. warnie Mittag- und Äbendkost; die Kosten für die hierzu nötigen 1022 Mahlzeiten betrugen 1145 Mark. Endlich wurden noch im Laufe des gayzen Jahres auf Anweisung der Armenkommission an bedürftige Glaubensgenossen in. der Berichtszeit 44 073 Mahlzeiten mit einem Kostenanswande von 8423 Mark von der israelitischen Volksküche und Kochschule verabfolgt. In den drei Berichtsjahren sind somit 9025 Bittsteller mit Barunterstützungen und 68 108 Personen mit Naturalien berücksichtigt worden; hierfür war eine Gesamtausgabe von 520 840 Mark erforderlich. Während' diese Ausgabe für das Verwaltungsjahr 1900/01 noch 158 345 Mark betrug, stieg sie bereits im nächsten Jahre auf 178 433 Mark und beläuft sich für 1902/03 bereits auf 184 062 Mark. Der Zuschuß der Gemeindeverwaltung zu den Bedürfnissen der Armenkomnnssion betrug in der drei Berichtsjahren 244 500 Mark. Die Mehrausgabe vor: 276 000 Mark bezw. 9200 Mark jährlich wurde durch freiwillige Gaben von Gemeindemitgliedern sowie durch die Einkünfte aus den: „Eisernen Fonds" und die Zinsen der der Kommission zustehenden Stiftungskapita.lier: gedeckt. Die Fonds und Stiftungen haben tvährend der Berichtsperivde den sehr erfreulichen Zuwachs von 147 00O Mark zu verzeichnen — gewiß ein glänzender Beweis des Wohlwollens und der Zustimmung, welchen die hochherzigen Spender hierdurch zu den Bestrebungen der Armenkonunission bekunden. Das Kapitalvermögen der Armenkommission hatte au: 31. März 1903 mit Einschluß des eben erwähnten Zuwachses aus Stiftungen die stattliche Höhe von 938 988,60 Mark erreicht. An freiwilligen Jahresbeiträgen waren in den drei Jahren 44 761 Mark der Kasse zugeflossen,; außerdem hatten 18 hiesige Gemeindemitglieder der Konunission Jahresbeiträge in Höhe von 11100 Mark unter der Bedingung überwiesen, daß die Kornmission über die bei diesen Gemeindemitgliederm eingegangenen Bittgesuche Auskunft erteilt oder dieselben zur Prüfung und Erledigung übernimmt und den qu, Bittstellern eventuell eine Unterstützung gewährt. Die Waisenkommrssion, deren Vorsitzender .Sanitätsrat Dr. Julius Stern ist, hat ebenfalls vor kurzem ihren Rechenschaftsbericht pro 1902/0A veröffentlicht. Ist die Tätigkeit dieser Konunission im Umfange naturgemäß beschränkter als diejenige der Armenverwaltung, so verdient sie doch vollste.Beachtung; handelt es sich.doch bei ihr um die Lösung bisweilen recht schwieriger Materien,, um die Auswahl und sorgsame Ueberwachung der Pftegestellen und des in ihnen betriebenen Erziehungsshstems, um das Wohl und Wehe eines Teiles der Heranwachsenden jüdischen Jugend, dev halb oder ganz verwaisten oder verlassenen, der Armenpflege der Gemeinde anheimsallenden Kinder. Von den in Waisenpflege befindlichen Kindern waren 29 in 13 Pftegestellen nntergebracht; insgesamt wurden für diese Kinder durchschnittlich/.824 Mark pro Monat an Wegegeld bezahlt. Für Bekleidung' derselben wurden 1982,82' Mark verausgabt, pro Kops mithin etwa 68 Mark. Die Stadtgemeinde leistete für sechs Kinder Zuschüsse von zusammen 57 Mark pro Monat. Bei den