Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 10 (4.3.1904)
- Date
- 1904-03-04
- Page
- Seite 112 (sequence 4)
- Language
- German
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112 leirte erster Gilde oder Aerzte find. Nachdem die jüdischen Aerzte nunmehr nach dem Kriegsschauplätze gegangen sind, um dort den russischen Truppen ihre Dienste zu widmen,-ist die formelle Handhabe gegeben, um ihre Familien auszuweisen, denn es dürfen ja nur jüdische Aerzte mit Familie, aber nicht die Familien jüdischer Aerzte in Moskau usw. wohnen. Man wird zugeben müssen, daß diese Blüte des russischen Antisemitismus eine der am stärksten duftenden ist. Ja, Rußland ist das Land der Extreme und Kontraste. Selbstverständlich haben auch die antisemitischen Blätter Rußlands die Ursache des Kriegs als eine Jntrigue der englischen und amerikanischen Juden dargestellt. Aus derselben Quelle stammen die Tatarennächrichten von den großen Sununen, die die Juden Amerikas zu einen: Kriegsschiff für Japan gesammelt haben, die auch bereits dementiert worden sind. Inzwischen hat man jetzt den zweiten Prozeß wegen der Unruhen in Kischinew angefangen. Die Zahl der Angeklagte!: beträgt 68. Die des Mordes Kohans Angeklagten Kotar und Kubian sind sreigesprochen worden, letzterer^aber wurde wegen Teilnahme an den Unruhen zu einenr Jahr Arrestantenkompagnie verurteilt. Die Zivilsorderung wurde abgewiesen. Die Verhandlung wegen Ermordung der Jüdin Kosa wurde wegen Nichterscheinens wichtiger Zeugen vertagt. Wegen Ermordung des Juden Ulmanrr wurden zwei von den drei Angeklagten verurteilt, nämlich einer zu einem Jahr Gefängnis, der zweite zu zweieinhalb Jahren Arrestantenkompagnie und Schadenersatz von 5000 Rubeln an die Wittwe Ulmanns. Der dritte Angeklagte wurde freigesprochen. Endlich wurden noch die Gebrüder Petresko zu je vier Jahren Zwangsarbeit wegen Mordes an Jtzko und Judko Krupnik und wegen Verwundung Uscharirskis verurteilt. Die Zivilforderung wurde abgewiesen. * Im en glisch en Unterhause hat in der vorigen Woche das Mitglied des Hauses, Mr. Markhau:, an den Staatssekretär des Innern die Anfrage gerichtet, ob ihm bekannt sei, daß in den Kohlenbergwerken Englands 4000 Polnische Juden, die der englischen Sprache unkundig seien, arbeiten und eben wegen dieser Unkenntnis eine ständige Gefahr für die Sicherheit in den betreffenden Kohlenwerken bedeuten. Falls dem Minister diese Tatsachen bekannt seien, möge er sich äußern, ob er Schritte unternehmen wolle, um die fernere Verwendung solcher fremder Elemente in den Kohlengruben zu verhindern. Der Staatssekretär Mr. Akers-Dvuglas beantwortete diese Frage in folgender Weise: „Meine Information über die Angelegenheit, die das Staatssetretariat des Innern feit einigen Jahren beschäftigt, weicht von jener des verehrten Interpellanten einigermaßen ab. Sorgfältige Nachforschungen in den schottischen Kvhlenwerken, wo 1200 polnische Inden beschäftigt sind, haben ergeben, daß diese Leute in keiner Weise eine Gefahr für die anderen Arbeiter darstellen. Ich habe mich selbst überzeugt, daß die fremden Arbeiter in den Gruben über ihre Pflichten belehrt werden, und ich sehe mich daher nicht veranlaßt, gegen die polnisch-jüdischen Arbeiter irgend welche Schritte zn unternehmen." •? Diese Antwort wird auch den Führern der Bewegung in England einigermaßen gegen den Strich gehen. Für uns ist sie aber von hohem Interesse. Sie widerlegt glänzend die antisemitische Lüge, daß die Juden sich von schwerer Axbeit so gern drücken. Bei dieser Gelegenheit dürste es sicher interessant sein, zu erfahren, daß die Zahl der jüdischen Handwerker in Rußland nach den neuesten Daten 500 986 beträgt, darunter außerhalb des Niederlassungsgebietes im Ganzen 1935. Die Zahl der nichtprofessionellen jüdischen Arbeiter, wie Kutscher. Wassersührer, Holzhauer, Erdarbeiter rc. beträgt 97 000; Ackerbau betreiben in Rußlands 10 721 jüdische Familien, ungefähr 68 959 Seelen; die Zahl der jüdischen Fabrikarbeiter im Niederlassungsgebiete, das Weichselgebiet und das Gouvernement Eherson ausgenommen, beträgt 33933. Diese Zahlen sprechen. Aus der Lkrlmer Lrmrindr. Berlin, im März. ie Armen-Kommifsion der hiesigen jüdischen Gemeinde hat vor kurzen: ihren Bericht zur Versendung gebracht. Derselbe erstreckt sich diesmal aus einen Zeitraum von drei Jahren, und zwar vom 1. April 1900 bis zum. 31. März 1903, und entrollt uns wiedermn ein so glänzendes Bild der umfassenden, weitverzweigten und mühseligen Tätigkeit dieser Kommission, daß es sich wohl verlohnt, genauere Daten aus diesen: Arbeitsgebiete einem größerer: Kreise zur Kenntnis zu bringen. Der Pflichtenkreis der Armenkornrnission wird infolge des dauernder: Wachstums der Gemeinde bedauerlicherweise vor: Jahr zr: Jahr größer; findet doch ein steter und starker Zuzug solcher Glaubensgenossen statt, die ihre Existenz in den kleinen Städter: nicht finbett können nnd ein besseres Auskommen in der Großstadt zr: erhoffen glauben. Rechnet man noch die zahlreichen Auswanderer aus der: östlichen Ländern hinzu, welche infolge von Unruhen oder harten Bedrückungen den Wanderstab ergreifen müssen, ans Mar:gel an Mitteln nicht die Fahrt nach dem Ausland vollenden können und sich deshalb hier festsetzen, so wird man, auch ohne daß der Bericht es :n:s sagt, von selbst zu der traurigen Gewißheit gelangen müssen, daß alle diese neuen Gemeindemitglieder nur recht schtver, bisweilen leider gar nicht zn einer lohnender: oder nur auskömmlichen Existenz gelangen. So sind diese denn häufig allzubald genötigt, in ihrer bedrängten Lage die Armenpflege in Ar:spruch zu nehmen. Gemäß den: gesteigerter: Verständnis für soziale Hilfsarbcit, welches in den Humanitären Zwecker: dienender: Institutionen mehr ::r:d mehr bestin:mend wirkt und die Richtschnur für alle Maßnahmen abgibt, läßt es sich nnn auch die Armenkommissior: der jüdischen Gemeinde rncht genügen, die dringend notwendiger: Barrrnterstützur:gen zr: gewähren, sondern in erster Linie sucht sie drrrch persönliche Fürsorge den Bedrängten zu nützer: nnd ihnen, wem: möglich, wieder einen Erwerb zu schaffe,:. Bei ihren Maßnahmen wird sie anss beste durch die anderen in unserer Gemeinde segensreich rvirkenden Institutionen unterstützt. In der Beschaffung von Arbeitsgelegenheit stehen der Armenkommission der „Verein sür Arbeitsnachweis" und die „Jüdische Arbeiterkolvnie irr Weißerrsee" hilfreich zur Seite. Handelt es sich um Krankheitsfälle, so werden nicht nur die ärztlicher! Mitglieder der Armenkommission zur Verfügung gestellt, sondern den Genesenden nnd Knrbedürstigen werden auch, falls erforderlich, die Wege geebnet, in Kurorten die Wiederherstellung ihrer Gesundheit und damit die Möglichkeit zu finden, baldmöglichst zu ihrer Erwerbstätigkeit zurückkehren zu können.. Die jüdischen Kurhospitäler in Kolberg, Soden, Schwalbach, Karlsbad, Elmer: (für Kinder) rc., sowie manche interkonfessionelle Ar:stalten, wie u. a. Haus Schönow bei Zehlendorf (für Nervenkranke), die Lungenheilstätter: in Belzig, Grabowsee nehmen durch Vermittlung der Armenkömmission völlig unentgeltlich oder doch zn wesentlich ermäßigten Preisen die Kurbedürftigen auf. Die der Erholung bedürftigen weiblichen Pfleglinge werden .auf Grund eines Abkommens mit den: Verein „Indisches Genesungsheim" in dem unweit Berlin belegenen Hein: zn Lehnitz zu 4 bis 6 wöchigen: Aufenthalt nntergebracht. Fällen vorübergehender Not steuern in wirksarner Weise die Miets-Unterstützungs-Anstalt Ohel Jescharirn nnd die Vereine für Wöchnerinnen. Nur dort, wo infolge hohen Alters oder unheilbarer Krankheit jedwede Erwerbsnröglichkeit der Petenten ausgeschlossen ist, Werder: Barrrnterstützungen, und zwar regelmäßige, in ausreichenden: Maße gewährt. Dank der Verbindung mit der „Centralstelle für Wohltätigkeitsanstalten in der jüdischen Gemeinde", welcher die eingehender: Gesuche zur Prüfung und Ausknnfterteilung über die Bittsteller überwiesen werden, konnte