Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 10 (4.3.1904)
- Date
- 1904-03-04
- Page
- Seite 111 (sequence 3)
- Language
- German
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111 verschiedenen Parlamente Mdrgen dieser Praxis sehr oft'.' Während sie sonst für Beleidigungen von Personen- und BevöÜerüngs'- kläsien recht empfindlich sind, werden sie fast schwerhörig, sobald .es sich'uni die Beleidigung von Juden handelt. Einen eklatanten Beweis hierfür bildet eine der letzten Verhandlungen in der bayrischen Kammer. Der sattsam bekannte Dr. Heim erklärte tt. a.: ' „Die Liberalen haben keine Grüncef sie haben, nichts als Ausreden, und wenn sich auch die Verleumdungsapostel der liberalen Presse, diese' JüdenbubenLund Külchäuter Weifast..im ZeufrM. Abgeordneter Schirmer, Zentr., ruft: Diese Schwindler/diese Schwindler!) die Finger krumm schreiben." Der Vizepräsident Fuchs erklärte den Ausdruck „Schwindlers für unzulässig, gegen „Judenbuben und Kuhhäuter" aber hatte er nichts einzuwenden. : Um diese pärlanwntarische Wochenschau mit etwas Erfreulicherem Lll schließen, wollen wir noch erwähnen, daß die Petitionskonunission des p r e u ßisch.e n Abgeordnetenhauses die Petition jüdischer Lehrer und Vorsänger, welche wünschte, daß-.der.. §,4 des. Besoldungsgesetzes von 189.7, wonach das Gehalt, welches christliche Lehrer aus der Kirchenkaffe beziehen imb mit pensionsberechtigt ist, auch aus sie Anwendung finde, soweit es sich um die den Wünschen der Petenten entsprechende Aenderung des Gesetzes handelt, der Regierung zur Erwägung überwiesen hat. Auch in der hessischen zweiten Kammer interpellierte^ der Wg^ Keinhard-Wornis über die Regelung der jüdischen Lehrerverhältnisse nach dem feinerzeitigen, von' uns bereits mitgeteilten Anträge Backes. Ministerialrat Dr. Eisenhuth erklärte, daß er in der Frage nur Teilreferent, sei. Jedoch habe er den bekannten Vorschlag auf Zusammenlegung von Gemeinden behufs Anstellung eines Volksschullehrers/ den Kreisschulkommissionen zur Begutachtung überwiesen. Derselbe sei aber zu seinem Bedauern von fast allen Seiten abgelehnt worden. Er werde die Sache jedoch noch weiter verfolgen. In jedem Falle darf man auf eine baldige Regelung der Anstellungsurtb Besoldungsverhältnisse hoffen. Die Ablehnung des Projekts der Anstellung von Wanderlehrern ist übrigens kaum zu bedauern. " 4n Zur Charakteristik der österreichischen Verhältnisse trägt ein Bericht über die jüngste Sitzung des böhmischen Rabbinerverbandes nicht wenig bei. Das, lobenswerte Bestreben des Verbandes zielt dahin, die Einheit in der Synagogenordnung und Jugendbildung anzustreben. Diesen. Bestrebungen stellt sich naturgemäß das Nebeneinanderbestehen von 200 autonomen Kultusgemeinden ohne: Existenz einer Zentralstelle hindernd entgegen. Es heißt nun in dem Bericht weiter „Die Selbstbestimmung der Neligionsgesellschafteu auf religiösem Gebiete ist ein heiliges, ein unantastbares Recht und Gut derselben, wenn aber dieses Recht so gehandhabt 'wird, wie dies tatsächlich in Böhmen geschah, nämlich, daß die einheitliche jüdische Religionsgemeinschaft in 200 autonomen Vereinigungen zertrümmert wurde, in 'welchen nur Laien über religiöse Angelegenheiten, wenn auch unter vorhergehender Anhörung des Rabbiners, endgültig zu entscheiden und zu beschließen haben, dann wird man in absehbarer Zeit kaum mehr von einer jüdischer: Neligionsgesellschaft, sondern nur noch von Religionsgesellschasten, die sich den jüdischen Glauben je nach Bedarf zugestutzt haben, sprechen können. Diese Autonomie birgt den Keim der . Anarchie auf religiösem Gebiete in sich, denn es ist' für die religiöse Idee mehr als bedenklich, wenn nur Laien die ausschließlichste und oberste Entscheidung in religiösen Angelegenheiten zustehen solle, wie dies heutzutage tatsächlich' der Fall' ist Das Hindernis der vorhandenen Zerstücklung der jüdischen Religionsgesellschast in Böhmen durch' Austeilung' derselben in 200 autonomen'Religionsgesellschasten, die untereinander iN keinem "organischen Zusammenhänge stehen, suchte ein Antrag des Dr. Reach-Raudnitzdadurch zu überwinden, daß er vorschlug, es möge mindestens eine einheitliche Landesorganisation aller Religionsdiener geschaffen werden,, d. i. aller derjenigen, denen ein Seelsarge- oder Lehramtän der Synagoge zugewiesen ist und diese Organisation möge sich weiter in Kreis- und Bezirksverbände (Konferenzen) . gliedern. Die Rabbiner und Lehrer der Bezirke treten viermal im Jahre in Kreisversammlungen, die freigewählten Kreisoberhäupter einmal im Jahre unter dem Vorsitze eines freigewählten Landesoberhauptes, zur Beratung zusammen. Nur durch eine! derartige, gewissermaßen freiwillig übernommene Subordination kann dem drohenden Zerfalle.durch die berufenen Träger und Hüter der religiösen Idee— die Rabbiner — entgegengearbeitet und begegnet werden. Der Rabbinerverband beschloß einstimmig, diesen Antrag einer eingehenden Prüfung zu unterziehen und. wies denselben einer Kommission zu." $ - Herr Plehwe hat wieder einmal den russischen Juden die eiserne Faust gezeigt. Er hat eine Notablen-Kommission aus den jüdischen Gemeinden Rußlands empfangen und dieser zunächst feierliche erklärt, daß er-beileibe kein Antisemit sei, daß aber trotzdem — alles'beim alten bleiben müsse, weil die Juden an' allem Unheil in Rußland, an allen Attentaten, Unruhen rc. die Schuld trügen. Eswird also' derselbe Faden weiter gesponnen, den Gras Jgnatieff angefängen hat. Deshalb müßten auch die Beschränkungen der Prozentzahl in den Schulen, im Wohnrecht rc. aufrecht erhalten bleiben. Doch stehe es den Juden frei, eigene Schulen zu errichten. Die Regierung werde sie darin nicht behindern, wenn —ja wenn die Juden für den' Krieg - recht'große Geldmittel in Bereitschaft halten und ihre Guthaben in der Reichsffänk nicht kündigen, wie man es von ihrer patriotischen Gesinnung bestimmt erwarte. Wahrlich, die Sache ist zu ernst, um nicht eine Satyre zu schreiben, aber die Versuchung hierzu ist eine große. Umsomehr, als die russischen Juden gar nicht auf die freundliche Aufforderung zum Tanz seitens des guten Herrn v. Plehwe gewartet haben. Selbst in Kischinew wurde in Anwesenheit von 3000 Zuhörern ein Bittgottesdienst für den Sieg der russischen Waffen abgehalten. Der Vorsteher Lipschütz hielt eine Patriotische Rede,' in welcher er aus Bibel und Talmud nachwies, daß es religiöse Pflicht aller Juden sei, für das Wohl des Vaterlandes alles zu opfern, selbst das Leben, wenn es sein muß. Nach dieser Rede, die auf die nichtjüdischen Zuhörer einen besonders tiefen Eindruck machte, wurde -die Kriegserklärung des russischen Kaisers vor der Bundeslade verlesen. Den Schluß des feierlichen Gottesdienstes bildete die Absingüng der russischen Nationalhymne in Begleitung von Musik. Der.Minister des Innern v. Plehwe hat dem Zaren eine patriotische Adresse der Kischinewer - israelitischen Gemeinde übermittelt. Während aber im Gotteshaufe für den Sieg Rußlands gebetet, wurden, fanden .auf den Straßen antisemitische Demonstrationen statt und wurden die Fensterscheiben jüdischer! Wohnungenzertrümmerte Und während über 140 jüdische Aerzte auf der sibirischen Bahn nach dem Kriegsschauplatz befördert werden, vertreibt man die Juden in unerhörter ' Weise aus Sibirien selbst, aus- Tomsk, Omsk und anderen Städten des Landes. Und ein deutsches Blatt weiß gar zu melden, daß vierzig Familienjüdischer Aerzte aus Petersburg, Moskau, Charkow und'Kiew ausgewiesen werden?--, weil sie durch die Entsendung der Fmnilienväter nach der Mandschurei das Recht - vellorew' Havert/-'außerhalbdes Anfiedelüngsrahöns zu wohnen. - 'In dem genannten Städten dürfen nämlich Juden nur-wohnen, wennsie entweder Kauf-